Unterwegssein mit Gott

Dieser Text ist eine Zumutung. Furchtbar – abstoßend – aus den altertümlichen Tiefen der Menschheitsgeschichte scheint sie hervorgeholt zu sein. Was soll man von einem Vater halten, der bereit ist, seinen eigenen Sohn zu töten? Kalt und abschreckend erscheint mir hier der Gehorsam des Abraham. Gehorsam bis zur Vernichtung – Kadavergehorsam. Was ist das für ein Glaube, der sich im Opfer des liebsten Sohnes bewähren soll? Was ist das für eine Gottesfurcht, die scheinbar alle menschliche Bindungen hinter sich lassen muss, um Gott zu genügen? Und vor allem: Was ist das für ein Gott, der das Opfer eines geliebten Menschen fordert und dann doch im letzten Moment verhindert? Ist das noch der Gott der Liebe und des Friedens, den wir "unseren Vater" nennen? Oder begegnen wir hier einem Dämonen oder willkürlichen Tyrannen, der Kadavergehorsam bis zum Allerletzten fordert? In aller Schärfe hat der Philosoph Immanuel Kant gesagt, Abraham hätte auf die vermeintliche Stimme antworten müssen: dass ich meinen guten Sohn nicht töte, das ist sicher. Aber dass du Gott bist, der hier zu mir redet, das kann ich nicht glauben. Wie können wir heute mit einer solchen Geschichte umgehen?

1. Eine tiefgründige, vielschichtige Geschichte
Zuerst scheint es mir wichtig zu fragen, was das eigentlich für eine Art zu erzählen ist, die uns hier begegnet. Jedenfalls ist es kein trockener Bericht, den wir lesen könnten wie einen Zeitungsartikel oder wie ein historisches Werk. Die Geschichte beschreibt kein Faktum, sondern will eine Grenzerfahrung eines Menschen mit Gott erzählen. Sie ist alt und hat immer wieder dazu angeregt, dass sich Menschen mit ihren Gotteserfahrungen darin wiedergefunden haben. Und ab und zu sind neue Erfahrungen eingeflossen, haben sich in der Erzählung gesammelt wie in einem Brennglas. Einerseits wird alles was zur Opferung selbst gehört, sehr detailliert beschrieben. Da hören wir, wie sogar das Holz vorher gespalten und mitgenommen wurde. Anderseits ist die Erzählung an den Stellen spröde und knapp, wo wir doch gerne mehr wissen möchten. Wie ging es eigentlich Abraham dabei, als er die Opferung des geliebten Sohnes vorbereitete. Was mag wohl in Isaak abgelaufen sein, als er auf dem Altar lag und erleben musste, dass sein Vater ihn töten wollte? Aber gerade das "Fehlen" der Gefühle und Gedanken in der Geschichte regt unsere Phantasie an. Wir werden geradezu eingeladen, die Beteiligten zu begleiten und ihren Gedanken nachzuspüren. Die Erzählung bietet uns Raum, in ihr verschiedene Blickrichtungen einzunehmen. Ihr Sinn erschöpft sich nicht in einer Aussage. Von mehreren Seiten können wir sie betrachten und durchspielen. Einige jüdische Traditionen sehen Isaak als ein Beispiel das Leidensschicksal des Volkes Israel. Isaak wird in der Erzählung nicht geopfert, aber er wird von seinem Vater an den Altar gefesselt. Und in dieser Fesselung, dieser Bindung an den Altar, sehen die Juden ihr Leidensschicksal vorherbestimmt. Der Schriftsteller Elie Wiesel schreibt: Dies ist eine "Geschichte, die das jüdische Schicksal ganz enthält, wie die Flamme bereits in dem Funken enthalten ist, der sie entzündete." Man kann aber auch die Erzählung daraufhin auslegen, was dieses Geschehen für Auswirkungen auf das Verhältnis von Abraham und Isaak hatte. Oder, wie hat wohl Sara die Geschichte gedeutet, als sie davon erfuhr? Ich habe mich für eine Auslegung entschieden, die Abraham und sein Verhältnis zu Gott im Mittelpunkt hat.

2. Gottes Weg mit Abraham und Abrahams Weg mit Gott

2.1 Gott prüft Abraham – Gottes Weg mit Abraham "Und es geschah nach diesen Ereignissen, da prüfte Gott Abraham" – dieser Satz steht da wie ein Doppelpunkt, wie eine Überschrift über dem Ganzen. Wir, die Leserinnen und Leser, erhalten hier eine Themaangabe. Wir sollen die folgende Erzählung offenbar als eine Prüfungsgeschichte lesen. Abraham selbst wusste davon nichts. Wir, die wir die Geschichte und somit auch den Ausgang kennen, haben einen Wissenvorsprung vor Abraham. Wir wissen, das selbst dieser Weg ins finstere Tal, der drohende Verlust des geliebten Kindes, sich am Ende als ein Weg Gottes mit Abraham erweist. Ein Weg, auf dem Gottes Hand auch im Leiden erfahrbar ist und Leiden deshalb als Prüfung gedeutet werden kann. Aber, dies ist nicht das einzige, was uns der Text deutlich machen kann. Dieses Verständnis kann sogar zu einer Gefahr werden. Denn, dass Gott einem Menschen Leiden und Verlust auferlegt, das ist keine Erkenntnis, die aus der Distanz von Beobachtern gewonnen werden kann. Damit darf man nicht anderen ihr Leiden erklären! Wie leicht stehen wir in der Gefahr, im Leiden anderer oder in grausamen Katastrophen die prüfende oder gar die strafende Hand Gottes zu sehen: "Gott prüft dich oder Gott straft hier". Es ist ein bedeutender Unterschied, ob ein Mensch nachdem er Leid erlitten hat, sagen kann: ich erkenne darin eine Führung Gottes, oder ob man z.B. zu einem Leidenden geht und ihm sagt: nimm es an, dies ist eine Prüfung Gottes. Welche Lieblosigkeit! Maßen wir uns nicht damit an, Gottes Wege für einen anderen zu kennen? Dass Gott den prüft, den er liebt, das ist eine Erkenntnis, die sich nur nach dem Durchgang durch das Leiden einstellen kann. Für unser Herangehen an den Text bedeutet dies, dass wir unser Wissen um den Ausgang der Geschichte bewusst wahrnehmen müssen. Wir sollten dennoch versuchen den Weg mit Abraham zu gehen, ohne vorschnell die rettende Hand Gottes zu sehen. Vielleicht gelingt es uns dann, eine neue Perspektive für unser Leben mit Gott zu gewinnen.

2.2 Abrahams Vertrauen – Abrahams Weg mit Gott
Versuchen wir uns in die Situation des Abraham zu versetzen. Nichts ist hier einfach und nichts geht hier auf. Der Gott, der Abraham und Sara diesen einen Sohn geschenkt hatte, als nach menschlichem Ermessen alle Hoffnungen auf Nachkommenschaft dahin waren – dieser Gott fordert nun den Tod dieses geliebten Kindes! Was wird aus den Verheißungen Gottes: von Nachkommen, Land und Segen? Einstmals hatte Abraham seine Vergangenheit, seine Verwandtschaft und Heimat auf Gottes Verheißung hin verlassen. Nun soll er auch seine Zukunft opfern. Den Einzigen, den er liebt, hingeben. Der einstmals verheißungsvolle Sternenhimmel – nun ist er finster – keine Nachkommen in Sicht. Nacht wird es, weil sich Gott selbst verfinstert hat. Das so hellstrahlende Bild von einem lebensstiftenden Gott verfinstert sich zu einem Moloch, der das Leben zerstören will. Der "liebe" Gott – nun ein abgründiger und widersprüchlicher Gott. Abrahams Gottesbild droht zu zerreißen. Ja, mehr noch: Gott selbst scheint zu zerfallen in einen fürsorglichen Begleiter und in einen drohenden schrecklichen Tyrannen der Kadavergehorsam fordert. Abraham durchlebt schweigend seine Gottesfinsternis. Er hält den Selbstwiderspruch Gottes aus. Er leidet an Gott und hält doch an ihm fest. Wie schwer dies Abraham fällt, kann man in V. 8 erahnen: Hier antwortet er auf die Frage Isaaks nach dem Opfertier "Gott wird sich das Schaf zum Brandopfer ersehen." Das kann man als eine Notlüge betrachten. Aber auch der ganze Zwiespalt in Abraham wird dadurch deutlich. Er kann nicht wie der Philosoph Kant, den Opferungsbefehl einem anderen, oder gar einem Dämon, zuweisen. Selbst in diesem schrecklichen Befehl hört er noch die Stimme des ihm vertrauten Gottes. Er kann nur auf Gott verweisen. Er hält daran fest, dass es nur sein Gott, sein vertrauter Gott ist, der hier handelt. Damit lässt er Gott den Herrn sein, der solches von ihm fordern kann. Was ihm einst nur durch Gottes Eingreifen gegeben wurde, den geliebten Sohn, gehört noch immer Gott. Aber Abraham hält zugleich daran fest, dass dies nicht sein letztes Wort war, eben, dass Gott dieses Opfer nicht will. Abraham wird uns hier als ein Mensch nahegebracht, der Gott nichts vorenthält: nicht einmal den Sohn, an dem alle von Gott selbst verheißene Zukunft hängt. Und indem Abraham so vertraut und handelt, hält er den Widerspruch aus, in den Gott selbst gerät, wenn er seine Menschen ins Leiden führt. An Abrahams Vertrauen und Handeln wird uns das Wesen des biblischen Glaubens in einer seiner letzten Tiefen näher gebracht. Im Vertrauen darauf, dass alles von Gott her kommt, legt er wie einst seine Vergangenheit nun auch die Zukunft in Gottes Hände. Und in dem er ihm nichts vorenthält, hält er an Gott fest, auch da, wo Gott selbst seinen eigenen Verheißungen untreu zu werden scheint. Er hält daran fest, das diese Forderung nicht Gottes letztes Wort ist. Das hat nichts mit blindem Gehorsam zu tun, sondern beschreibt einen Glauben, der durch eigenes Leiden und durch Leiden an Gott trägt. Abrahams Vertrauen möchte uns Mut machen, trotzdem an Gott festzuhalten, auch wenn er sich für uns zu verfinstern droht. In Situationen, in denen uns jegliche Zukunft genommen zu sein scheint, und wir die Frage nach Gott und seinem Dazutun stellen. Situationen, in denen wir plötzlich drin stecken und wir merken: hier komme ich nicht mehr heraus. Ich habe keine Zukunft mehr! Ich, der ich doch auf Gott vertraue! Und es wird dann die Frage sein, ob ich mich einem blinden Schicksal ergebe, oder trotz allem mein Vertrauen ganz auf Gott setze, dass er rettend eingreift. Eine solche Glaubenshaltung finden wir z.B. bei Paul Gerhardt wieder. Wir haben eins seiner Lieder heute gesungen: Befiehl du deine Wege. Paul Gerhardt drückt, trotz der Erfahrungen bitteren persönlichen Leides und den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, mit seinen Lieder ein tiefes Gottvertrauen aus. Seine Lieder haben ihn und viele andere Menschen im Leid begleitet und das Vertrauen in Gott bewahrt. Am Ende der Geschichte erlebt Abraham, dass Gott ihm in den Arm fällt. Spätestens mit dem Eingreifen des Engels wird klar: Der Gott, der ein Menschenopfer fordern kann, der offenbart sich nun als der Gott, der dies nicht will. Gott will das Vertrauen Abrahams, aber nicht das Opfer seines Sohnes. Abraham erlebt, wie sein Gott, unter dessen Widersprüchlichkeit er gelitten hat, sich als der Gott erweist, dessen letztes Wort Rettung und Leben bedeutet. Als Erlöster kann er frei ausrufen: Gott ersieht sich ein Opfer – mein Kind ist gerettet. Mit dieser wunderbaren Rettung des einzigen und geliebten Kindes macht mir diese Geschichte deutlich: Auch in der dunkelsten Erfahrung, die wir von Gott her erwarten können, steht am Ende eine neue Perspektive für unser Leben. Diese Einsicht verdeckt aber nichts von der Bedrohung und den unergründlichen, dunklen Seiten Gottes. Man darf diesen Schluss nicht verstehen, als würde alles vorherige nun unter einen Teppich der Geborgenheit gekehrt. Die beklemmenden Gefühle der Angst um das Liebste, die Furcht, das Unverständnis, sie bleiben. Aber die Geschichte macht deutlich, dass dieser Weg, kein Weg ohne oder gar gegen Gott ist.

3. Schluss
Unterwegssein mit Gott und sich ihm, mit allem was man hat, anzuvertrauen- das kann in eine Grenzerfahrung von Glaubenden führen. Für Abraham wurde sie durch die Forderung, seinen Sohn zu opfern, ausgelöst. Doch Gott erwies sich als der, der dies nicht will. Deshalb gibt es nun keine Instanz mehr, die dies fordern kann. Wir können aus dieser Sicht heraus die Prüfung Abrahams nicht zu der unseren machen. Gott will keine Menschenopfer. Was bleibt, ist dennoch die Zumutung Gottes an uns, sich mit allem, was wir haben, sich ihm anzuvertrauen. Hier lädt uns Abrahams Vertrauen ein, an Gott festzuhalten. Selbst dann, wenn das Ziel ungewiss ist, wenn Gottes Wege nicht einsichtig erscheinen. Ja, auch dann, wenn Gott selbst sich anscheinend nicht als der erweist, den wir in ihm sehen. Unterwegssein mit Gott, d.h. offen sein für seine Wege und Ziele, offen sein für seine ganz anderen Seiten, offen sein für seine Führung und die von Zeit zu Zeit unterschiedliche Erfahrung von Nähe und Distanz. Abraham geht mit Gott in eine ungewisse Zukunft. Diese schwierige und anstößige, ja garstige Geschichte wirft noch viele Fragen auf. Fragen nach Gott selbst, Fragen nach seinen dunklen Seiten. Sie werden wohl auch offen bleiben und uns herausfordern zu vertrauen, dass er sich am Ende als der offenbart, dessen letztes Wort Rettung und Leben ist.

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