Unterwegs auf dem Weg des Glaubens

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

worum geht es eigentlich? Unser geschultes Predigtohr sortiert beim Hören ja gleich und macht sich seine eigenen Gedanken. Undank ist der Welt Lohn. Das wäre die eine Möglichkeit, denn immerhin finden neun von zehn Geheilten nicht den Weg zurück zu dem, der ihnen ein neues Leben, eine neue Chance ermöglicht hat. Die Kinder mit ihrem Anspiel haben auch von den Schwierigkeiten im Umgang mit Dank erzählt. „Undank ist der Welt Lohn“ scheint eine Grunderfahrung und eine Grundhaltung der Menschen zu sein, sonst wäre dieses Wort nicht sprichwörtlich geworden. Und in der Tat erlebe ich, wie vieles heute als selbstverständlich hingenommen wird, obwohl es das nicht ist. Der Friede in unseren Dörfern und Städten, so bedroht er immer wieder auch ist. Der Wohlstand, obwohl er nicht gerecht und gleichmäßig verteilt ist, an dem aber doch viele in großem Maße teilhaben. Aber das Grundgefühl Dankbarkeit stellt sich nicht so recht ein. Ich kann schon die verstehen, die sich immer wieder darüber wundern, auf welch hohem Niveau wir klagen können. Stimmt nun Jesus mit in dieses alte Lied ein?

Oder geht es wieder einmal um das zu recht brennende Thema, wie mit dem Fremden unter uns umgegangen wird? Es muss ja gar nicht immer der Schwarzafrikaner sein, der wieder einmal in der U-Bahn angepöbelt und in seiner Würde verletzt wird oder der Pole, dem alles zugetraut wird. In unserer Geschichte ist es der Samaritaner in seiner Zeit auch Inbegriff des Fremden, vor dem man sich hütet, mit dem man keinen Umgang pflegt. Auch da ist der Mechanismus gleich geblieben. Vor dem Fremden oder den Fremden schirmen wir uns ab, lassen so schnell und so leicht keinen hinein in die Mauern unseres Lebens, unserer Städte oder Kirchen. Jesus dagegen sucht ganz ungeniert Kontakt auch mit denen, die anders, fremd und ausgegrenzt sind. Siehe die, wenn auch kultisch einwandfreie, Begegnung mit den zehn Aussätzigen, von denen einer sich auch noch als Samaritaner erweist.

Lohnenswert wäre es auch einmal der Erfahrung nachzugehen, wie sich denn ein Mensch fühlt, den eine Krankheit aus der Gesellschaft ausschließt. Aussätzige waren gemeinschaftslos, schlimmer noch als obdachlos. Eine Krankheit kann bis heute Menschen trennen von ihrem alten gewohnten Umfeld, weil vermeintlich Gesunde mit der Krankheit und mit dem kranken Menschen aus Angst und Hilflosigkeit nicht umgehen können. Die Krebserkrankung der Nachbarin, die Querschnittslähmung nach dem Badeunfall, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. All das schlägt ja ohne Umweg eine Brücke von unserer alltäglichen Erfahrung hin zu Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Da muss ich gar nicht viel vermitteln oder erklären. Und dennoch ist all das eher nebensächlich.

Ganz am Ende lässt Jesus selbst ja die Katze aus dem Sack: Steh auf, geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Es ist durch und durch eine Glaubenserfahrung und eine Glaubensgeschichte, die erzählt wird, die uns verstehen hilft, was Glaube eigentlich meint. Glauben heißt zum Beispiel: sich in seiner Not an Jesus zu wenden. Das tun die zehn Aussätzigen. Ihre Krankheit verbietet es ihnen, sich Jesus noch mehr zu nähern. Nur mit ihren Worten und ihren Blicken können sie Kontakt aufnehmen. Und sie rufen in ihrer Not: Jesus, Meister, erbarme dich unser. „Kyrie eleison“ so klingt das in unseren Gottesdiensten. In solchen Begegnungen hat dieser Ruf seine Wurzeln. Da wo Menschen in ihrer größten Not keinen anderen Zufluchtsort mehr haben als bei Jesus Christus. Und Jesus lässt diese Begegnung zu. Er lässt es sich gefallen, dass diese Ausgegrenzten ihn wie einen Freund anreden, den Ton anschlagen, den sonst die Jünger wählen, wenn sie mit Jesus allein sind: Meister!

Wir dürfen uns diese Vertrautheit leisten, wir dürfen diese Nähe über die Distanz unseres Zweifels wagen. Die Unmittelbarkeit und die Direktheit, mit Jesus umzugehen, fehlt uns oft. Ich beobachte so eine falsche Scheu vor Frömmigkeit. Dabei berauben wir uns so wunderbarer Erfahrungen und Begegnungen. Ist der Gedanke, dass Christus mir ein guter Freund ist, mit dem ich umgehen kann, so befremdlich? Für die zehn Aussätzigen auf keinen Fall und sie legen all ihre Hoffnung, all ihre Zukunft in diese Begegnung. Das ist Glaube!

Jesus schickt die zehn Aussätzigen los. Sie sollen sich den Priestern zeigen, die die Reinheit, die Gesundung feststellen müssen. Sie sind unterwegs. Auch das ist Glaube. Glaube ist keine ausschließlich intellektuelle Angelegenheit, nicht allein Diskurs, was ich zu glauben, zu vertreten, zu begründen und zu verteidigen vermag. Glaube ist keine theoretische Angelegenheit, sondern ein Unterwegssein. Und keiner kann sagen, wie weit der Weg ist. Ich denke, es ist ein lebenslanger Weg, auf dem aber viel mit mir und in mir passiert.

Die Zehn werden auf ihrem Weg zum Priester rein, heil. Ja, Glaube ist ein Weg, heil zu werden an Leib und Seele, nur dass diese Form Seelsorge im klassischen Sinne aus unserer Kirche ausgewandert ist. Heilung für die Seele wird überall, aber nicht mehr auf dem Weg des Glaubens, auf den Jesus schickt, gesucht. Die Praxen der Seelenärzte sind überfüllt, die Seelsorgeräume in unseren Gemeinden sind dagegen eher leer. Dabei gibt es viele, die haben erfahren, wie der Glaube im Leben nicht nur begleitet hat, sondern immer wieder aufgerichtet, getröstet und gestärkt hat, wie er geholfen hat, Wunden und Verletzungen zu heilen.

Der Glaube ist auch nie fertig, so dass ich sagen könnte. Jetzt habe ich es. Er ist im Werden, im Wachsen und unsere Gemeinden dürfen und sollen die Orte sein, wo wir uns darin einüben, wo wir uns austauschen, wo wir gemeinsam fragen und hoffen, klagen und bitten, ein Stück vorankommen oder einmal innehalten, wo wir weitergeben, was uns trägt. Konfirmierenden Handeln der Kirche hat man dies genannt. Wir bleiben lebenslang auch lange nach unsere Konfirmation in Sachen Glauben Konfirmanden!

Gut ist es, wenn wir bis zu einem Punkt vordringen: dorthin, wo Dank und Gotteslob zu Hause sind. Und das hat in dem, was Lukas erzählt, nur einer geschafft. Nur einer kommt beim Gotteslob an. Dafür mag es viele verschiedene Gründe geben. Es ist sicher auch ein weiter Weg vom kompromisslosen jugendlichen Wollen und Bitten über das alltägliche Klagen zu der Einsicht zu kommen, dass ich mit meinem Leben aufgehoben bin in der großen, wunderbaren Lebensgüte Gottes. Aber gerade das ist das größte Geschenk des Glaubens, diese Güte zu entdecken, mit der ich angeschaut werde, die ich mir nicht verdienen muss. In Gott begegnet mir diese Güte. Er schaut mich auch mit meinen Makeln an und lässt mich heil werden.

Ich weiß nicht, wo wir alle zusammen auf dem Weg des Glaubens sind. In diesen Wochen so kurz vor dem Erntedankfest, mit dem Anspiel der Kinder und dem Beispiel des einen üben wir uns aber
in das Loben und Danken ein. Geben wir Gott die Ehre.

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