Unsere Gemeinde soll leben!

Liebe Gemeinde!

Es gab Zoff in der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem: Die griechisch sprechenden Witwen fühlten sich gegenüber den jüdisch sprechenden vernachlässigt. Nicht etwa, dass man ihnen das tägliche Brot verweigerte. Nein, beim gemeinsamen Abendessen in den Häusern konnte jeder satt werden, solange es noch Leute in der Urgemeinde gab, die einen Acker zu verkaufen hatten. Es ging hier um etwas anderes. Etwas, das mehr schmerzt als selbst der Hunger: Es ging um die Zurücksetzung der "Griechen" dieser Ausländer gegenüber den einheimischen "Hebräern". Die ungeliebte Hausarbeit, waschen, putzen, kochen, Kinder hüten, wurde immer mehr den Ausländern aufgehalst. Jedes Mal wenn eigentlich die einheimischen Witwen drangewesen wären, eilten die in den Tempel zu den höheren Aufgaben der Verkündigung und Kontaktpflege. Und weg waren sie.- Bis zum gemeinsamen Abendessen natürlich. Da setzten sie sich dann an den gedeckten Tisch und ließen sich von den "Griechen" bedienen. Und was die Apostel anging, die stritten sich mit dem Hohen Rat herum – und riskierten lieber ihr Leben, als unseren Herrn Jesus zu verleugnen.- oder mal in der Küche zu helfen, wie das zu Zeiten Jesu unter ihnen selbstverständlich gewesen war, denn der Herr hatte ein Beispiel gegeben, wie es unter ihnen sein sollte. Jetzt, jedoch, war alles ganz anders geworden. Die Apostel "übersahen" ebenso wie alle anderen die Nöte der "Auslandsjuden" in der Jerusalemer Gemeinde. Das war nicht recht. Und die Witwen nahmen daher auch kein Blatt vor den Mund, wenn sie einen der Apostel mal zwischen Kerkeraufenthalt, Torastudium und Tempelpredigt erwischten. Schließlich waren diese "Griechen" nicht auf den Mund gefallen.

Sie waren ja Nachkommen jener Juden, die oft seit Generationen in der ehemals griechischen und jetzt römischen Welt gelebt hatten: In der Verbannung oder auch als Heimatvertriebene, Kaufleute, Lehrer Ärzte und Handwerker. Irgendwann war dann der Großvater oder Vater mit Familie, Sack und Pack zurückgegangen in das Gelobte Land weil er Gott treu geblieben war und seine Kinder im Schatten des wieder errichteten Tempels leben sollten. Naja, – da im Schatten des Tempels war auch nicht alles Gold, was glänzte. So war mancher enttäuscht.- Bis ihnen dann Jesus selbst gar, oder einer seiner Jünger begegnete und sie selbst nun zu Jesusjüngern wurden. Mit der Sprache brachten diese "Griechenjuden" auch das Beste mit das griechische Kultur und griechischer Geist zu bieten hatten: Diese Neueinwanderer und die Nachkommen solcher waren oft Kosmopoliten die wussten: "Wo der Geist ist, da ist Freiheit!" – Und deren Witwen hatten davon profitiert. Die waren doch tatsächlich schon emanzipiert. Jedenfalls ließen sie mit sich nicht ‚dr. Molly machen‘. – Also gab es Zoff! Nun hatten die Apostel das wohl schon länger kommen sehen und reagierten ebenso, wie beispielsweise unser Presbyterium: Sie ‚machten sich für eine elegante Lösung stark‘ (mit der sie, nebenher bemerkt, selbst auch aus dem Schneider kamen). Wir haben es eben gehört: Sie bestellten sieben Männer, (natürlich Männer!), die "voll Glaubens und heiligen Geistes" waren. Und die Apostel "beteten und legten die Hände auf sie." Genau so, wie das auch heute noch bei jeder Ordination geschieht. Und damit waren die Sieben in ihr Amt berufen. Ja, und seitdem haben wir die Ämter in der Kirche. Und was einmal begonnen hatte war nun nicht mehr zu bremsen. Denn auch die Apostel selbst nahmen ja jetzt in aller Bescheidenheit die Privilegien ihres nun neu verstandenen Amtes für sich in Anspruch: Sie wollten hinfort nur noch "ganz beim Gebet, beim Dienst des Wortes bleiben", sich also dem Torastudium und der ‚höheren‘ Seelsorge widmen. Keine Rede mehr vom Tellerwaschen, Kochen, Kinder hüten und dergleichen.

Mit der Hierarchie die daraus schließlich geworden ist, wurde selbst Martin Luther mit seiner Lehre vom Priestertum aller Gläubigen nicht so ganz fertig. Und so ist z.B. ein Predigthelfer im Talar für manche Leute bis auf den heutigen Tag ein "Herr Pastor". Das will er aber gar nicht sein, denn er ist einer von euch, ihr Lieben. Und er ist nicht mal ein Diakon wie Stephanus. Irgendwie finde ich das gut. Denn es erinnert mich an einen Kernsatz aller Gemeindearbeit: "Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein." (Mk 10,44) – – – – (Pause!) Vielleicht wäre ja alles anders gekommen, wenn die benachteiligten griechischen Witwen nicht den Aufstand gewagt hätten. Wenn die "Hebräer" nicht gemauert und die Apostel nicht gekniffen hätten.- Möglich, dass der Allmächtige dieser kleinen Schar von Judenchristen in einer abgelegenen Provinz des Römischen Weltreiches trotzdem wider alle menschliche Erfahrung eine Chance gegeben hätte. Doch wäre die Menschheit damals wirklich reif für das reine, vollkommen gelebte Evangelium gewesen? Wäre sie heute reifer in unserer hochtechnischen Zivilisation und mit allen ihren Macken, die jedoch trotzdem mit Jesus so gut wie nichts mehr am Hut haben will? Also war es doch gut, dass die griechischen Witwen damals Mumm zeigten und sich nicht unterbuttern ließen, denn nun sind sie unseren Frauen zu einem Beispiel und Vorbild geworden für eine in unserer Zeit gottdank endlich auf den Weg gebrachte Emanzipation der Frauen. Andererseits, wer sich mit der Welt und ihren "eleganten Lösungen" einlässt, der nimmt gewiss Schaden. Und Schaden hat die Kirche ja bis auf den heutigen Tag auch genommen, wie es inzwischen von den Kanzeln bis zum Überdruss durchbuchstabiert wurde, – mea culpa, mea maxima culpa. Doch hat sie sich auch ausgebreitet, diese Kirche der eleganten Lösungen. – Ausgebreitet über die ganze Welt.- Und so ist sie zuletzt, nämlich heute zu einer Heimstatt für die Wenigen geworden, die sich wirklich noch zu ihr halten, die es ernst meinen mit ihrem Glauben und mit ihrer Kirche und die ihr ganzes Leben in die Hände Gottes legen und seines Sohnes Jesus Christus. Sie sind Salz der Erde, die Hoffnung der Welt.

Denn es hätte ja noch viel schlimmer kommen können, wenn Gott sich abgewandt hätte von den wankelmütigen Jüngern Jesu und von ihren oft unwürdigen Nachfolgern. Doch hat Gott sich nicht abgewandt. Im Gegenteil! Es verging in all den Jahrhunderten der Geschichte seiner Kirche, kein Tag, in der Jesus unser Herr nicht spürbar anwesend war. Und in der Gottes heiliger Geist nicht erfahrbar unter uns am Werke gewesen wäre. – Und nur das ist unsere Rettung. Deshalb glaube ich fest daran, dass es Sinn macht zu diesem zerfahrenen Haufen von Möchtegern-Jüngern zu gehören, die sich bei all dem Mist den sie bauen, doch fest darauf verlassen können, dass ihr Herr und Meister ihnen letztendlich aus der Patsche hilft. Solange sie nur ihm vertrauen und nicht der Mode, die sinnlos verkauft wodurch und wovon sie leben könnte, nicht den Aktienkursen und nicht den falschen Wegen dieser Welt. Nur um eines sollten deshalb wir alle bitten: Nämlich dass wir auch als Garather Gemeinde in Demut und in Einsicht nach dem Willen dessen leben, der gesagt hat: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wer an mich glaubt wird leben." Dann wird auch unsere Garather Gemeinde mit ihren zwei Kirchen, der Schlosskirche und den drei Gemeindehäusern lebendig bleiben im Glauben und im Geist. Darum rufe ich voller Zuversicht: Unsere Gemeinde soll leben!

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