Unser Leben wird realer

Heute vor genau elf Jahren feierten wir hier in Westdeutschland unseren "Tag der deutschen Einheit". Denn am 17. Juni 1953 hatten die Arbeiter in der damaligen DDR bessere Verhältnisse, Arbeitsbedingungen und auch bessere Löhne gefordert. Getäuscht hatte man sie. Die Versprechungen eines sozialistischen Paradieses auf Erden waren ein Flopp. Mit Gewalt wurden die Forderungen der Arbeiter am 17. Juni 1953 niedergeschlagen. Nur eine hohe Mauer mit Stacheldrahtverhau konnte eine Massenflucht aus dem Arbeiter- und Bauernparadies stoppen. Und alle Ideologien scheiterten, die ein Himmelreich auf Erden schaffen wollten. Und heute? – Heute sind es die Massenmedien und ihre Werbung, die uns himmlische Freuden auf Erden versprechen, wenn wir dieses oder jenes Produkt kaufen. Die Werbung wird nicht müde, den enttäuschten Käufer durch neue Versprechungen abzulenken. Vor 2000 Jahren gab es auch schon enttäuschte und notleidende Menschen. Was uns Matthäus hierüber berichtet, steht in den Kapiteln 9,35-38;10,1-7:

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Jesus hat in seiner Vollmacht da zugegriffen, wo Menschen von Sünde, Geldgier, Tod und Krankheit ergriffen waren und keinen Ausweg aus ihrer Situation fanden. Auch heute, liebe Gemeinde, gibt es auf der ganzen Welt Menschen, die genau so "verschmachtet und zerstreut sind, wie die Schafe, die keinen Hirten mehr haben". Rühren uns solche Menschen auch – wie damals Jesus – oder schauen wir einfach bei Seite? Haben wir den Blick für das Wesentliche verloren?

Saint Exupéry schrieb in einem seiner Werke: "Man sieht nur mit dem Herzen gut." Jesus hatte diesen Herzensblick. Er ließ sich nicht von Äußerem blenden. Jesus sah in jedem, den von Gott gewollten Menschen. Dabei übersah er nicht, dass sich dieser im Gegensatz zu Gott setzte. Und er verwarf den Sünder deshalb nicht. Indem Jesus den Menschen erbarmend und nicht verurteilend begegnete, erreichte er die Herzen dieser und vermochte sie so zu heilen. Jesu Herzensblick ist es, der uns verbietet an den leiblichen, sozialen und wirtschaftlichen Nöten der verschmachteten und zerstreuten Menschen, die keinen Hirten mehr haben, vorbeizuschauen. Jesus sagt uns: "Das Himmelreich ist nah herbeigekommen!" Der Himmel hat sich geöffnet, als Jesus die Menschen gesehen hat und Mitleid mit ihnen empfand. – Was ist der Himmel?

In früheren Zeiten sagte man: Hier unten auf der Erde wohnt der Mensch und dort oben wohnt Gott. Und wo Gott wohnt, da ist der Himmel. Heute sagen die Menschen: Wir leben hier und jetzt. In der Zukunft, in die wir hineinschreiten, kommt Gott uns entgegen. Der Himmel – das ist die Zukunft. Deutungsversuche, an denen nicht viel dran ist. Auf der Suche nach dem Himmel sollten wir fähig werden, einen Blick für das Offene, das Unvollendete hier auf Erden zu bekommen, für die Nöte der verschmachteten und zerstreuten Menschen, die keinen Hirten mehr haben. Vom Himmel reden, das heißt von Gott sprechen, wie er ist, er der Heilige, der Unzugängliche, der Fremde, der Übermächtige, der in einem Licht wohnt, in welches niemand vordringen kann. Dass heißt aber nicht, dass Gott fern ist. Er ist mitten in den Dingen dieser Erde, um sie herum und über ihnen. Der Himmel ist die Nähe Gottes in dieser Welt. Und seit Christus unter dem offenen Himmel im Jordan stand, heißt für uns den Himmel sehen: Christus erkennen, der den Durchblick und Zugang zum Vater öffnet.

Christus erkennen – das Hauptproblem hierbei ist wohl, dass wir alle so verschieden sind. Da gibt es Außenseiter, Einzelgänger, Rassisten, Kommunisten, Fremde und viele andere Menschen, die genau so "verschmachtet und zerstreut sind, wie die Schafe, die keinen Hirten mehr haben". Rühren uns solche Menschen auch – wie damals Jesus – oder schauen wir einfach bei Seite? Haben wir den Blick für das Wesentliche verloren? Wir leben allerdings in einer Zeit, in der sich jede und jeder bemüht wegzusehen, wenn wir dem Elend begegnen. Kann da Himmel sein? Jesus schickt seine Jünger auf Reisen, nicht auf Erholungsreisen sondern auf Missionsreisen. Er beauftragt seine Jünger hinaus zu gehen und zu predigen, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen ist. Der Himmel hat sich geöffnet, als Jesus die Menschen, die genau so "verschmachtet und zerstreut waren, wie die Schafe, die keinen Hirten mehr hatten" gesehen hat und Mitleid mit ihnen empfand. Jesus verkündet die befreiende und mutmachende frohe Botschaft von der Liebe und der Nähe Gottes. Gott ist nicht fern. Er ist mitten in den Dingen dieser Erde, um sie herum und über ihnen.

Jesus lehrt uns neue Wege, die es lohnt zu gehen. Und wenn jede und jeder von uns bereit ist die Last des anderen zutragen, dann hat sich, auch bei den Menschen, die genau so "verschmachtet und zerstreut sind, wie die Schafe, die keinen Hirten mehr haben", der Himmel auf Erden aufgetan. Dabei kommt es nicht darauf an Menschenkenntnis zu entwickeln, und schon gar nicht Menschen durchschauen zu wollen, sondern zu klären, wie man selbst mit anderen Menschen umgeht. Es gehört einfach dazu, dass wir die Verbindung mit den anderen Menschen suchen, und zwar nicht nur mit den Leidenden, sondern auch mit Schuldigen. Es gehört einfach dazu, dass wir die Türe hinter uns nicht verschließen, sondern nur angelehnt lassen, damit das fremde Schicksal bei uns eintreten darf. Es gehört der Wille dazu, das Leiden, die Sorgen, die Ängste, die Zweifel und auch die Bosheiten der anderen bei uns eintreten zu lassen, allerdings nur soweit die eigene Kraft dazu reicht. Nicht die Kraft des Widerstehens, sondern die des Auffangens.

Unser Leben wird dabei realer. Es wird auch schwerer; und es wird wesentlicher, den Durchblick und Zugang zum Vater zu sehen – den Himmel zu sehen. Wo wir mit Jesus Christus leben, liebe Gemeinde, da ist also auch das Himmelreich auf Erden. Wo die frohe Botschaft ist, da ist Jesus Christus, da ist der Heilige Geist und sein Reich, das Himmelreich.

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