Und wenn ER kommt ….?

Liebe Gemeinde!

Hunde spüren es, wenn jemand zu Besuch kommt. Manchmal lange bevor es an der Tür klingelt, wedeln sie mit dem Schwanz oder machen sich zur Eingangstür auf. Und Kinder haben hin und wieder auch so eine Vorahnung, wenn sie – telepathisch oder wie auch immer – den spontanen Plan für einen Überraschungsbesuch eines Verwandten oder Bekannten spüren und wie aus heiterem Himmel fragen: „Wann kommt eigentlich ´mal wieder Onkel Soundso?“ Und kurze Zeit später steht der in der Tür.

An solche Vorahnungen muss ich denken, wenn ich unseren heutigen Predigttext höre:

[TEXT]

Die ersten Christen haben in dem tiefen Glauben gelebt, dass Christus noch zu ihren Lebzeiten kommt, bzw. wiederkehrt. „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird so wieder kommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel.“ So lesen wir es am Anfang der Apostelgeschichte (Apg. 1,1). Dieser Glaube an die bevorstehende Wiederkunft Jesu hat besonders den Apostel Paulus zu einem starken Missionseifer und zu theologischen Gedanken getrieben, die heutzutage äußerst abwegig geworden sind: z.B. wie abfällig Paulus über die Frauen spricht, seine Forderung, unverheiratet zu bleiben oder als Verheirateter so zu leben als sei man unverheiratet und dies nur, „weil die Zeit kurz ist!“ (1. Kor. 7,29) Seine frauen- und familienfeindlichen Gedanken sind unheilvoll. Paulus hat sich geirrt. Gott ging einen anderen Weg.
„Unser Herr kommt! Maranatha!“ So vertrauensvoll beteten die ersten Christen. Doch je länger das Kommen Christi ausblieb, desto mehr verkümmerte der Glaube an ein Wiederkommen Jesu Christi. Im Glaubensbekenntnis lernen unsere Konfirmanden, dass Jesus Christus aufgefahren ist „in den Himmel, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“ Bleiben das leere Worte?
„Unser Herr kommt! Maranatha!“ So vertrauensvoll wie die ersten Christen beten wir heute auch wieder, wenn wir gemeinsam das Heilige Abendmahl feiern: „Unser Herr kommt!“ Und wir meinen damit seine Gegenwart in unserer Feier, wir erwarten seinen Leib und sein Blut. Er selbst kommt zu uns, geht in uns ein. Aber erwarten wir sein Kommen über das hinaus, wie wir ihn im Abendmahl erfahren?

„Der Herr kommt!“ Wenn ich heute im Kindergottesdienst die Frage stellen würde, welcher Herr denn da gemeint sei, welcher Herr denn zu uns kommen will, dann würden die meisten Kinder wohl an den Weihnachtsmann oder das Christkind denken, weil wir seit Kindertagen in dem Glauben aufwachsen: „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind.“ Was aber, wenn ER wirklich kommt?

Dieser Frage möchte ich heute nachgehen. Was wäre, wenn ER wirklich kommt? Mich erinnert diese Frage an das Kinderspiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Dabei stehen sich z.B. in einer Turnhalle zwei Gruppen in einigem Abstand gegenüber, wobei zu Beginn die eine Gruppe nur aus einer Person besteht. Dieser oder diese Eine ruft der gegenüberstehenden Gruppe zu: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ – Die Gegenüberstehenden antworten laut: „Niemand!“ – Antwort der Einzelperson: „Und wenn er kommt?“ – „Dann laufen wir!“ ertönt es im Chor von der Gruppe, die daraufhin losläuft und versucht, von der Einzelperson nicht gefangen zu werden.

Liebe Gemeinde, so spielerisch möchte ich uns alle heute fragen: „Und wenn ER kommt?“ Wenn der Herr kommt, laufen wir dann davon wie im Kinderspiel, bleiben wir erstaunt – wie angewurzelt – stehen oder laufen wir ihm in die Arme? Die meisten von uns haben sich inzwischen gut eingerichtet, so dass wir ihn, Jesus Christus, gar nicht mehr brauchen. Und wenn er kommt? Wenn ER trotz allem kommt, überraschend wie ein Dieb in der Nacht, sehnsüchtig erwartet von denen, die sich auf ihn wie auf eine einzigartige Hochzeitsfeier freuen.

„Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen.“ Warten auf etwas Großes, das von oben kommt wie es im Adventslied (EG 7) heißt: „Ihr Wolken, brecht und regnet aus, den König über Jacobs Haus.“ Seid fast 2000 Jahren hält unsere Heilige Schrift eine Erwartungshaltung wach, in der Generationen von Gläubigen gestorben sind ohne das Kommen des Herrn zu erleben, doch ihr Glaube hat sie stark gemacht: „Unser Herr kommt!“ Sie hatten die Geduld einer Spinne, die tagelang seelenruhig in ihrem Netze sitzen kann und einfach nur wartet, wartet auf die erste Berührung, wartet auf Belohnung.

Während wir schon ungeduldig werden, wenn sich jemand um 10 Minuten verspätet, hat Gott eine Geduld und Langmut mit dieser Welt und uns Menschen. Er will sich scheinbar nicht einmischen in unsere Streitereien und Pläne. Er hat alles gesagt. Jetzt schweigt er und wartet auf seinen Tag. Und wenn ER kommt, dann wird es wohl so sein wie es Dostojewski in seiner wunderbaren Erzählung vom Großinquisitor. Sie spielt im katholischen Spanien im Mittelalter. Dorthin kommt Jesus Christus und besucht die Seinen. „Schweigend wandelt er unter ihnen mit einem stillen Lächeln unendlichen Mitleides. Die Sonne der Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen von Licht und Liebe gehen von seinen Augen aus, ergießen sich auf die Menschen und erschüttern ihre Herzen in Gegenliebe.“ Er weckt ein totes Kind wieder zum Leben. Natürlich stört er das Leben dort und wird gefangen genommen. Der 90jährige lebenserfahrene Großinquisitor sucht ihn im Gefängniskeller auf: „Bist du es? Ja.“ Doch er lässt IHN nicht zu Wort kommen. Der Inquisitor hält ihm eine lange Rede und hält Jesus vor: „Ich schwöre dir: der Mensch ist schwächer und niedriger als du von ihm geglaubt hast.“ Er redet weiter. Jesus schweigt.
Am Ende wartet der Inquisitor auf Antwort, wartet! Da nähert sich Jesus „plötzlich schweigend dem Greise und küsst ihn still auf die blutlosen neunzigjährigen Lippen. Das ist seine ganze Antwort.“ Schließlich lässt der Inquisitor Jesus frei und sagt zu ihm: „Geh weg und komm nicht mehr wieder … niemals, niemals!“

Liebe Gemeinde, und wenn er kommt, dann laufen wir! Denn er würde wieder heilen und Verstorbene auferwecken und damit unser Gesundheitssystem durcheinanderbringen. Er würde sich wieder liebevoll den Sündern zuwenden, den Mördern und Ehebrechern, den Dieben und Diskriminierten. Er würde sich mit Schwulen und Lesben an einen Tisch setzen und die vielen vaterlosen Kinder besuchen, deren Vätern die Familie nicht heilig ist oder die das heilige Sakrament der Priesterweihe empfangen haben. Er würde alle besuchen, Opfer und Täter gleichermaßen und er würde ihnen allen mit derselben grenzenlosen Liebe begegnen. Denn die Sonne der Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen von Licht und Liebe gehen von seinen Augen aus, ergießen sich auf die Menschen und erschüttern ihre Herzen in Gegenliebe.

Maranatha. Unser Herr kommt.

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