… und führte sie aus der Knechtschaft

Liebe Gemeinde,

heute ist das Predigtwort fast ebenso lang wie es eine kurze Predigt es sein könnte und in der Tat verstehen viele auch diese sogenannten 10 Gebote als eine Art Kurz-Predigt, und zwar genauer v.a. als eine Moralpredigt, denn es klingt v.a. im Ohr: "Du sollst nicht!" Und legitimiert sind diese Worte quasi von der höchsten Stelle, die wir Christen anerkennen: von Gott selbst, denn es heißt: "Gott redete alle diese Worte". Wer von ihnen zu Hause eine Bibel besitzt und dann das Predigtwort von heute nachschlägt, wird eine Vielzahl von Hinweisen und Querverbindungen finden – das zeigt zunächst einmal, dass die Worte, wie wir sie im 2. Buch Mose finden eine immense Wirkung gezeigt haben: überall sind sie entweder wieder aufgenommen worden, oder aber beziehen sich selbst auf die Geschichte, die das Volk Gottes durchlebt hat. Als Christen heutiger Zeiten kennen wir die Gebote noch aus dem Konfirmandenunterricht oder aus der Schule, vielleicht sogar noch mit der Auslegung unseres Reformators Martin Luther dazu. Und überall dort haben wir gelernt, wie gut diese Regeln und Vorschriften, wie hilfreich die Hinweise und Ratschläge für unser eigenes Leben und das Leben unserer Mitmenschen, ja sogar Mitgeschöpfe sind. Und es sind in der Tat immer wieder sinnvolle und erhellende Meinungen zu diesen Geboten gesagt und geschrieben worden. Denken wir an unsere Zeit: du sollst nicht töten – wir sehr hat dieser kurze Satz immer wieder Christen angeregt, nach gewaltfreien Lösungen für Konflikte zu suchen. Wie oft leider haben sie sich aber auch nicht durchsetzen können. Oder: du sollst nicht ehebrechen – wie scharfsinnig wird herausgestellt, was eine Beziehung an Treue und – übrigens das gleiche Wort – an Vertrauen nötig hat und wie sehr das geschützt werden muss. Ein letztes Beispiel noch: du sollst den Sabbattag, das ist der Feiertag, heiligen: welche Brisanz bekommt die Einsicht, dass der Mensch auf geschenkte Ruhe angewiesen ist, nicht nur, um wieder mit neuer Kraft an seine Arbeit zu gehen, sondern auch, um seine Seele baumeln zu lassen, sein zu können wie er ist, ohne Anspruch und ohne Gegenleistung zu erbringen. Und das gleiche gilt – oh Wunder – auch für den Fremden: man höre – auch für den, der nicht die gleiche Religion hat wie wir: welch aktueller Hinweis! All diese Dinge sind gut und oft bedacht worden und ich werde sie deswegen heute nicht alle wiederholen.

Heute, liebe Gemeinde, möchte ich davon reden, was wir Menschen aus diesen von Gott für das Leben geschaffenen Geboten gemacht haben – ich komme damit zurück auf den ersten Eindruck, den ich vorhin beschrieben habe: eine Moralpredigt: Gott als der große und übermächtige Unterstützer unserer kleinen Welten, unserer Vorstellungen von Gut und Böse. Gott als der große Vorschlaghammer, der die Pfähle unserer Zäune, die wir rings um unser Leben aufrichten, tief und fest in die Erde rammt, damit sie als Gesetze ewig halten mögen. Und ich darf es hier einmal wagen, einfach nur von "wir" zu reden, obwohl ich weiß, dass wir alle, die wir hier in dieser Kirche versammelt sind, guten Willens sind – ich weiß, dass wir uns alle Mühe geben, in Christus Jesus Gottes Geboten nachzufolgen und so etwas "Gutes" an und in der Welt zu tun. Aber ich weiß auch um den Menschen, wie ihn die Heilige Schrift beschreibt als einen, der gerne stehen bleiben möchte, als einen, der das, was er meinte, ergriffen zu haben, festhalten möchte. Dieser Mensch, wie ihn die Schrift beschreibt, ist ein schwacher Mensch, der etwas Festes und Starres sucht, um sich selber fest zu machen. Und das, liebe Gemeinde, ist gerade das Tückische an guten Geboten und Satzungen, an Vorsätzen und Hinweisen: sie werden verabsolutiert, gewissermaßen in Stein gehauen und so auf den Thron gehoben, auf den Thron, auf dem eigenlich nur einer sitzen sollte: nämlich Gott, noch dazu: Gott, der Lebendige. Wenn es aber so weit gekommen ist, dass die starren und toten Regeln abgeschnitten von dem regieren, der das Leben und die Liebe selber ist, dann kommt es zu dem, was wir alle kennen: gute Ordnungen verkehren sich plötzlich in tief verletzende Ketten und Gängelungen, die behindern statt frei zu machen: "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!" – eine tiefe Einsicht in das Zusammenleben der Generationen, die seit Jahrhunderten immer wieder dasselbe erleben: nämlich, dass die Jugend anders denkt und handelt, anders will und kann, als man es selber für sich entdeckt hat. Das Gebot der Ehrung erlaubt einen Umgang miteinander, der von Respekt und Anerkennung geprägt ist. Nun aber dies: sagt die Mutter zu ihrem Kind: du sollst dies oder das lassen – und wenn du´s doch tust: der liebe Gott sieht alles und wird dich bestrafen! Viele Beispiele in dieser Richtung gibt es noch und der eine oder die andere unter Ihnen wird sie selbst am eigenen Leibe erfahren haben: seien es die Regelungen zur Ehe und zur Liebe, seien es die Bestimmungen, was die Frau zu gelten habe oder nicht, seien es die Vorstellungen, wie ein Feiertag denn nun wirklich zu heiligen sein. Was aber passiert, wenn man solches tut: die Regeln an den Platz dessen setzt, der sie doch als Lebensweisung gab? Dann wird auch noch das letzte Gebot verletzt, welches zugleich immer das erste ist: "Höre, der Herr unser Gott ist der Herr allein – du sollst ihn lieben von ganzem Herzen". Und wenn dieses Gebot missachtet wurde, weil man seine eigenen, mühsam erarbeiteten Interpretationen der Lebensgebote an seinen Platz gestellt hat, dann passiert es, dass Gott, der Gott des Lebens plötzlich als Gott des Todes, als Gott der Regelmacher, als Buchhalter-Gott oder als reiner Moral-Gott erscheint. Ich lese einen Abschnitt aus einem Buch (Tilmann Moser, Gottesvergiftung), dessen Autor mit diesem Zerrgott sein Leben lang zu kämpfen hatte und darüber den Gott des Lebens aus den Augen verlor: "Gott, du warst eine solche Enttäuschung, ein solcher Betrug in meinem Leben, dass ich, als ich ganz allmählich und unter Qualen dahinterkam, dich links liegen ließ. […] Du warst einst so fürchterlich real, neben Vater und Mutter die wichtigste Figur in meinem Kinderleben. […] Du haustest in mir wie ein Gift, von dem sich der Körper nie befreien konnte. Du wohntest in mir als mein Selbsthass. Du bist in mich eingezogen wie eine schwer heilbare Krankheit." Ein schlimmer Text, wie ich finde, der aber genau jenes beschreibt, was ich eben mit eigenen Worten zu formulieren suchte: die Regeln haben über das Leben gesiegt und sind übrig geblieben als tote Buchstaben ohne Geist, die von den Geistlosen angebetet werden, als wären es Götter. Deswegen möchte ich zurücklenken, auf das, was mit unseren wichtigen zehn Geboten in Zusammenhang steht, nämlich auf den lebendigen Gott, den Gott, der mitzieht aus der Knechtschaft, die wir uns immer wieder selber schaffen. In unserem Predigtwort heißt es: "dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habt." Auch in diese Knechtschaft sind die Israeliten freiwillig gegangen und mit guten Gründen – in ähnliche Knechtschaften begeben wir uns auch heute immer wieder – ebenfalls mit guten Gründen und mit bestem Willen. Aber unser mitgehender, lebendiger Gott lässt uns dort nicht stehen, sondern ruft uns zu: "bete sie nicht an, sondern: ich bin der Herr dein Gott". Richte dich daher auf ihn aus und lass dich von ihm rufen, v.a. dann, wenn du meinst, du stündest gerade eben besonders fest. Lass dich von ihm rufen, damit du wieder sehen kannst, für was die Regeln eigentlich gemacht wurden, die du gerade als das Wichtigste erkannt hast: nämlich, damit das Leben gelingen kann, damit liebende und fördernde Beziehung geschehen kann. Damit du als ein Kind Gottes und sein Ebenbild ein wenig von dem weitergeben kannst, was er für dich schon unendlich getan hat: da zu sein für andere und deinen Nächsten zu lieben, übrigens wie du dich selbst auch lieben kannst – und darfst, denn Gott hat uns zuerst geliebt.

Aus und in dieser Liebe Gottes, daran glaube ich fest, liebe Gemeinde, werden dann neue Gebote entstehen und alte wieder einsichtig werden, deren Geltung gerade für diesen Moment so unumstößlich und einsichtig ist, dass wir sie befolgen werden. Das meine ich, wird ein lebendiger Umgang mit Geboten sein und aus der Moralpredigt vom Anfang wird eine Freudenbotschaft, die hell aufleuchtet und die die Menschen frei atmen lässt, damit sie erkennen, was es bedeutet, wenn Gott selbst für ein Gebot einsteht.

Und der Friede Gottes, der weiter ist als unsere menschlichen Regelungen bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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