Und das Licht leuchtete auf

Liebe Gemeinde:

waren Sie schon mal im Gefängnis – kennt jemand von Ihnen das Innere einer Justizvollzugsanstalt? Nun gut, ab und an sieht man mal Bilder aus dem Fernsehen: Gefangene, wie sie möglicherweise gerade eingeliefert werden, oder aber auch Straffällige, die ihre Strafe verbüßt hatten und freigelassen wurden. Noch mehr sieht man die Bilder von Gefängnisanlagen, z.B., wenn ein bekannter Mörder ausgebrochen ist und sich die ganze Nation zum wiederholten Male unreflektiert fragt: sind unsere Knäste vielleicht nicht sicher genug?

Aber wirklich "drinnen" waren wohl die wenigsten von uns schon einmal, höchstens wahrscheinlich in den Besucherräumen oder Anlieferungstellen, aber nicht weiter. Die Älteren unter uns wissen aber um die Gefangenenlager, in denen sie selbst nach dem Krieg einige Zeit verbrachten – möglicherweise sind sie vergleichbar mit unseren Gefängnissen von heute: ich weiß es nicht.

Liebe Gemeinde – ich war mal einige Zeit Seelsorger in zwei Gefängnissen und ich will versuchen, Ihnen einen Eindruck davon zu vermitteln. Es ist v.a. die Finsternis, die mich erschreckt hat: nicht die Finsternis in den Zellen oder in den Räumen, obwohl viele Räume reichlich zu klein sind und durch die Vergitterung die meisten in der Tat dunkel sind. Es ist die Finsternis im Gemüt, die mich erschreckt hat – die Abgestumpftheit, die Trostlosigkeit, die Einsamkeit, die in den Gesichtern der Gefangenen zu lesen ist. Ja, es gibt auch die Kalten und Abgebrühten unter den Straftätern, denen ein Menschenleben weniger wert sein mag als ein benutztes Taschentuch: nach Gebrauch einfach weggeworfen. Ja, ich habe auch solche kennengelernt: ein junger Mörder mit 17 Jahren etwa: er tötete zwei Menschen aus nächster Nähe, um sich ein Auto (ein billiges noch dazu) zu beschaffen. Ich bin nie an ihn herangekommen – er hat es nicht zugelassen. Aber daneben, liebe Gemeinde, habe ich unzählige arme und gebrochene Menschen kennengelernt: junge Männer, die nie eine Perspektive im Leben hatten, Leute, die in schlechte Gesellschaft und Gewohnheiten hineingezogen wurden, die Drogen verkauften und diese schließlich auch selbst nahmen: Menschen, die am Leben kaputtgingen. Für diese waren die realen Gefängnismauern und die Beamten, die Schließer, wie sie dort abwertend genannt werden, nicht mehr als der äußere Ausdruck der inneren Welt: Mauern und Schranken überall, verschlossene Türen und ein Bewegungsradius so eng, dass man nichts anderes mehr vermag als das, was auch der eingeschlosse Tiger in seinem Käfig tut: nämlich, sinnlos im Kreis herumlaufen, ohne Anfang, ohne Ziel. Das, liebe Gemeinde ist ein Leben ohne Licht – und manchmal kann man ein Leben ohne Licht den Menschen am Gesicht ablesen: da fehlt ein Strahlen und es ist dunkel und finster und die Augen wirken wie erloschen.

Alle Personen aus den biblischen Geschichten kennen die Zeiten der Finsternis, die Zeiten des Gefängnisses und die Zeiten der Trostlosigkeit. Die Apostelgeschichte, in der auch unser Predigttext von heute steht, schreibt im 12. Kapitel von einer solchen Zeit, die Petrus erlebt hat: wir lesen dort: "Um diese Zeit legt der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert. Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote. Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten;" Der Text liest sich wie ein Geschichtsbericht und dennoch steht dort mehr zwischen den Zeilen, als die bloße Beschreibung der Gefangennahme. Es waren die Tage der Ungesäuerten Brote, das ist ein Hinweis auf die Parallelen zu Christus selbst: Christi Tage der Vorbereitung auf sein Dunkel, sein Sterben, der Verrat aus den eigenen Reihen – auch in den Tagen des Passa: "Hilf Herr – lass diesen Kelch an mir vorübergehen." Jesus aber mußte ihn leeren bis auf den bittren Grund und das war der Tod an unsrer Stelle: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" – tiefer und weiter weg von Gott kann ein Mensch nicht sinken. Jetzt also, nach dem Tod des Jakobus: das Gefängnis für Petrus. "Wer mir nachfolgt, der nehme sein Kreuz auf sich" – Christusnachfolge heißt nicht nur eitel-Sonnenschein in diesem Leben, nein es heißt auch: einzustehen für den Glauben und sein Leid zu tragen.

Und wieviel Wachen hatte Petrus in seinem Gefängnis? 4 Wachen zu je 4 Soldaten – das zeigt das Ausmaß seines Dunkels an: nicht die 16 Leute, das ist an sich nicht viel, aber die 4 mal 4, denn das ist eine göttliche Zahl, die Zahl der Vollkommenheit: das Becken im Tempel hatte 4 Räder, Lazarus lag 4 Tage in der Gruft, bevor er zum Leben erweckt wurde, die 4 Wesen, die der Prophet Ezechiel geschaut hat haben je 4 Angesichter und 4 Flügel: sie umgeben Gottes Thron, diese Wesen sind auch am Ende der Bibel in der Offenbarung wieder genannt. Jetzt also erfährt Petrus auch die andere Seite Gottes, seine dunkle und geheimnisvolle: die Seite des nicht verstandenen und nicht des verstehbarens Schmerzes – aber diese Seite gehört genauso zu Gott wie seine Liebe und Gnade: Gott ist darin vollkommen. Diese beiden Erwähnungen, das Passa und die Wachen – sie deuten an, wo sich Petrus gerade befindet: am Ende, im Dunkeln, im Gefängnis ohne Licht und ohne Trost. Was aber passiert jetzt? Ich lese den Text weiter: "aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. Und siehe der Engel des Herrn kam herein, und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel. Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete."

Aber die Gemeinde betete für ihn und es kam ein Engel – Licht kam in seine Finsternis und er war errettet: er war wieder frei geworden von seiner Finsternis und ging wieder in die Welt, um die Welt an seinem Licht teilhaben zu lassen. Ein schönes Ende dieser Geschichte, vielleicht erscheint es uns ein wenig einfach: ein Engel sprengt die Ketten und sie fallen einfach von der Hand, Türen und Tore öffnen sich wie von allein. So etwas gibt es doch bei uns nicht, oder? Petrus, so sagt es unser Text, "wußte nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch einen Engel, sondern er meinte, eine Erscheinung zu sehen." Ich kenne viele Menschen, die so etwas von sich sagen: "Du, da hab´ ich nochmal Schwein gehabt, kürzlich beim Autofahren – beinahe hätt´s gekracht. Oder: Zufall, dass ich den XY da getroffen habe, der konnte mir doch glatt weiterhelfen. Oder: Dann hat mir das Schicksal die Frau sowieso vorbeigeschickt und die hatte dann gerade das, was ich brauchte. Oder: Und dann habe ich geträumt, was ich morgen in der Prüfung sagen sollte – und plötzlich ging´s auf. Oder: Kurz bevor mein Mann starb, hatte ich so ein komisches Gefühl und ich kehrte nochmal um ins Krankenhaus – so konnten wir die letzten Minuten zusammen verbringen." Oder, oder, oder …

Manch ein Mensch trifft seinen Engel und hält ihn für eine Erscheinung und er nennt seine Erscheinung mit tausend Worten, wie Zufall, Glück, Deja-vú oder sonst irgendwie. Aber es gibt ein paar, die sind weiter gegangen, so wie Petrus, und können bekennen: nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt hat und mich errettet hat. Diesen Menschen ist es wie Schuppen von den Augen gefallen, genauso befreiend wie Petrus die Fesseln von der Hand abfielen und es wurde ganz licht und hell in ihrem Raum. Bei diesen Menschen wurde erfüllt, was schon der Prophet Jesaja gesagt hatte: "Ich mache dich zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker."

Liebe Gemeinde, wir sind eine Gemeinschaft von Christinnen und Christen, die sich hier versammelt, weil sie diesen Herrn, diesen Gott und diesen Christus, von dem ich gerade geredet habe, glaubt. Wir tun das, indem wir miteinander beten, indem wir uns von unserem Glauben erzählen und, indem wir füreinander da sind. Denn es wird immer welche unter uns geben, die gerade in der Finsternis sitzen, im Gefängnis, so wie es Petrus tat – die Gemeinde aber betete und es wurde ein Engel entsandt. Wir aber dürfen glauben, dass diesen Menschen geholfen wird, vielleicht sogar, dass wir ein Werkzeug dieser Hilfe sein werden. Dann wird man vielleicht das Licht auf unseren Gesichtern sehen, weil wir das, was wir in uns tragen nicht verstecken können, sondern leuchten müssen in der Welt. So wie es heute morgen gesungen und gebetet haben: "Bei Dir Herr, ist die Quelle des Lebens, in deinem Lichte sehen wir das Licht."

Ich habe dieses Licht auch gesehen bei mir im Gefängnis – immer wieder mal, z.T. nur für Augenblicke, z.T. für längere Zeit. Aber es war da und ich bin glücklich darüber, denn ich habe Menschen getroffen in diesen Gefängnissen, Menschen, denen die Ketten von den Händen und die Schuppen von den Augen gefallen sind. Und sie haben geleuchtet, diese Menschen. Und ich wußte: sie haben ihr inneres Gefängnis längst verlassen, Tür und Tor geöffnet und ich wußte, die Dauer, die sie in dem anderen, dem äußeren Gefängnis noch verbringen mußten war für sie zur Nebensache geworden.

drucken