Un-Be-Greifbar

Weihnachten ist bei uns verbunden mit der Weihnachtsgeschichte des Lukas, die wohl zu den bekanntesten Geschichten nicht nur in unserem Lande gehört. Weihnachten ist verbunden mit dem Stall, der Krippe, Ochs und Esel, den Hirten auf dem Felde, denen die Weihnachtsbotschaft gebracht wird. Die vielen Krippen in unseren Häusern zeugen von der Darstellung dieser Weihnachtserzählung. Es begab sich aber zu der Zeit, als ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzet würde. Diese Worte gehören zum Heiligen Abend und zu Weihnachten für uns einfach dazu. Heute nun haben wir auch noch die andere Weihnachtsgeschichte gehört: Die Geburt Jesu Christi geschah aber so, begann sie und dann hörten wir von Joseph, dessen Verlobte schwanger war und die er in aller Stille verlassen wollte. Ein Engel jedoch macht ihm deutlich, dass dieses Kind von Gott her ist und einen ganz besonderen Auftrag hat. Seine Namen machen diesen Auftrag deutlich: Jesus: er rettet, er wird sein Volk von ihren Sünden retten; Immanuel: Gott mit uns.

Das ist keine Weihnachtsgeschichte für eine Krippe, sie eignet sich auch nicht für Bilder großer Maler, hier fehlt die bildreiche Idylle und doch ist sie ganz Weihnachtsbotschaft, frohe Botschaft für uns alle, denn hier werden wir hineingenommen in eine Wirklichkeit, die ganz und gar auch unsere Wirklichkeit ist, auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so aussieht. Die Geburt Jesu wird uns in dieser Weihnachtsgeschichte des Matthäus als ein wunderhaftes Geschehen beschrieben, denn als Jungfrau soll sie ein Kind gebären. Dies hat zu viel Streit unter den Theologen geführt, wie dies zu verstehen ist. Die Geschichte selber kümmert sich nicht um die Frage, sie war gar nicht wichtig. Was wichtig war, ist etwas anderes: was in diesem Jesus Christus geschehen ist, das ist etwas das von Gott ist, das ein göttliches Ziel hat, das hineingehört in die menschliche Niedrigkeit ohne seine Besonderheit zu verlieren, und es ist etwas, das auf Widerstand stößt. Das Kind einer Jungfrau: das ist das Bild für Gottes Wirklichkeit in unserer Welt. Das Kind einer Jungfrau ist etwas, das nicht auf menschlichem, auf natürlich nachvollziehbarem Wege entstanden ist. Menschen können Gott nicht auf diese Erde ziehen. Dass Gott in die Welt hineinkommt, das hat etwas Unbegreifbares, etwas, das über alles natürlich Begreifbare hinausgeht, das absolut und völlig unabhängig von uns Menschen ist. Glaube, das Vertrauen, dass da ein Gott ist, dieses innere Erleben, da ist jemand, dem ich mich anvertrauen kann, der mir Halt gibt und eine Stärke, die über das hinausreicht, was ich selber aufbringen kann, darin liegt ein Stück jungfräulicher Empfängnis, weil es nicht menschlich machbar, sondern durch die Botschaft des Evangeliums nur geistlich empfangbar ist. Dass Jesus Christus als Lebenshalt mein Gefühl, mein Denken und mein Handeln bestimmt, dass Freiheit innerlich spürbar ist, dass Liebe selbstverständlicher wird, dass Hoffnung gegen alle Hoffnungslosigkeit da ist, das ist nicht das Ergebnis gedanklicher Arbeit, das ist nicht Erfolg menschlicher Bemühungen, das ist Wirksamkeit des Heiligen Geistes, der den Keim des Glaubens in uns entstehen lässt.

Maria ist zwar zeitlich gesehen weit weg von uns die Mutter des Kindes in der Krippe, aber wir selber tragen Maria in uns, sind selber ein Stück Maria, wenn die Botschaft von Weihnachten uns erreicht, wenn der Glaube in uns Raum greift.

Können wir Empfangende sein? Sind wir bereit, uns auf Gottes Wirken in uns und um uns einzulassen, oder stehen wir mehr auf der anderen Seite, auf der Seite des Josef, der das alles gar nicht wahrhaben möchte, der diese Maria und mit ihr dieses Kind gerne loswerden möchte? Nicht mit großem Aufsehen, still, so dass Maria keinen Schaden nimmt, Josef aber unbehindert leben kann.

Wie sieht dieser Josef in uns aus? Er ist das Bild des nüchternen Menschen, des nachdenkenden, des vernünftigen Menschen damaliger und heutiger Zeit. Realismus kennzeichnet sein Denken und Handeln. Religiös gesagt ist er für mich die Seite in uns Menschen, die Gott wohl einlassen will in das Leben, er will eine Beziehung mit Maria beginnen, aber es muss alles in realen Bahnen verlaufen, es muss alles natürlich verlaufen in der Beziehung. Wenn in dieser Beziehung plötzlich dieses Kind auftaucht, wenn in der Beziehung mit Gott etwas entsteht, was mehr ist, was eine Eigenständigkeit enthält, die mich mehr in Anspruch nehmen könnte, dann mache ich einen Rückzieher. Er war fromm, gedachte sie aber heimlich zu verlassen. So heißt es.

Wir feiern Weihnachten, mit Gottesdienst und viel Gefühl, aber wenn da etwas anfängt in uns zu entstehen, das wir nicht klar erklären können, wenn etwas entsteht, das nicht in unser Denken passt, nicht von uns ausgeht, aber uns dennoch zu betreffen beginnt, dann ziehen wir uns zurück. Weihnachten ja, einige Stunden frommes Gefühl ja, aber die Wirklichkeit Jesu Christi und damit die Wirklichkeit Gottes mitten in meinem Leben, mit allen Konsequenzen für die Zeit danach, nein so weit muss Weihnachen nicht gehen. Und diese Josephsgedanken sind auch verständlich, denn lebendiger Glaube, der in mir entstehen könnte, der macht ja auch Angst, denn ich weiß nicht wie dieses kleine Kind sich breit machen wird in meinem Leben, wie es sich entwickeln wird, was alles Unbekanntes auf uns zu kommt. Abwenden, ohne großes Aufsehen, innerlich verlassen, das ist eine mögliche Reaktion auf diese Gefühle in mir, auf Gottes Wirken in mir.

Joseph aber wird daran gehindert, ihm wird zugesprochen: Fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen wird, das ist vom heiligen Geist. Und was sie empfängt, das hat einen Namen: er wird retten. Fürchte dich nicht, diesem unerwarteten, nicht von dir selber gezeugten Glauben anzunehmen. Habe keine Angst davor dich hineinzubegeben in die Macht dieses Kindes, das im Werden und Wachsen ist und das dein Leben bestimmen will, so höre ich aus diesen Worten. Zieh dich nicht ängstlich heraus aus dieser Situation, zieh dich nicht zurück von Weihnachten, lass dich darauf ein, dass dieses Kind dir und allen Menschen Rettung und Heil bringen wird. Von den Sünden wird er sein Volk retten, heißt es in unserem Text, wir könnten auch sagen, von unserer Gottesferne in der wir leben. Gottesferne insofern, als dass wir – wie Josef – Gott nicht zutrauen, dass er auch ohne unser Zutun Neues entstehen lassen kann, dass er Hoffnung gibt, wo nach menschlichem Ermessen Hoffnung eigentlich aussichtslos erscheint, dass er Liebe schenkt, wo nach menschlichem Empfinden Liebe überhaupt keinen Platz hat, dass Nähe dort erfahren wird, wo Menschen sonst nur Distanz erleben, dass Gerechtigkeit geübt wird, die allen Menschen gerecht wird, wo sonst nur nach Leistung und Verdienst gefragt wird. Rettung aus der Sünde heißt dann für mich, Rettung aus der Gefangenschaft einer Gedankenwelt, die nur sich selber sieht und ihre eigene Vernünftigkeit und die klaren Regeln einer funktionierenden Gesellschaft. Weihnachten ist deshalb für mich Rettung, weil hier etwas geschieht, was eben nicht aus der Enge meiner Welt kommt, sondern hier werde ich inmitten der eigenen Lebenswelt hineingenommen in eine Wirklichkeit, die weitaus größer ist, als ich selber mir ausmalen kann. Aber diese Wirklichkeit ist nicht weit weg, sondern sie wird lebendig in dem Kind Jesus Christus, das auch in mir geboren werden will, für das auch ich jungfräuliche Maria werden will, auf dass es mir zum Heil und zur Rettung wird und durch mich zur Rettung vieler.

Das, liebe Gemeinde, ist die Weihnachtsbotschaft des Matthäus, ganz anders als die des Lukas und doch ganz weihnachtlich, nicht idyllisch und doch ganz bei uns und hineinnehmend in den Frieden Gottes. Maria, Joseph und das Kind, so realistisch sie uns vor Augen gestellt werden, so sehr sind sie auch in uns selber und in unseren Gedanken und Empfindungen. Möge Gott uns durch seinen Geist, die Bereitschaft der Maria schenken, die Botschaft und das Kind des Glaubens in uns wachsen zu lassen, möge er dazu dem Joseph in uns immer wieder zusprechen: Fürchte dich nicht, auf dass wir uns freudig und mit aller Kraft auf das einlassen können, was Gott in uns und um uns entstehen lassen will.

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