Umzug

Liebe Gemeinde,

ein Umzug steht uns bevor. Viele von Ihnen wissen schon, dass mein Mann, unsere Tochter und ich zum 1. Dezember nach Lüneburg umziehen werden. Dieser Gottesdienst ist daher auch der letzte Gottesdienst, den ich hier in Neuenkirchen halten werden. Am nächsten Sonntag werden mein Mann und ich hier im Gottesdienst verabschiedet und schon in zwei Wochen, am 1. Advent, werden wir in Lüneburg in unserer neuen Gemeinde begrüßt. Ein Umzug steht bevor. Wir bereiten uns im Moment gerade darauf vor, wir sortieren aus, was nicht mitkommen soll, wir räumen auf, wir überlegen uns, wie in der neuen Wohnung die Möbel stehen sollen. Denn wir wissen ja schon, wo wir hinziehen, wir haben den Mietvertrag schon unterschrieben und kennen den Grundriss, die Zimmer, den Garten. Ein anderer Umzug steht uns allen bevor, der Umzug, von dem Paulus in unserem Predigttext redet. Ein Umzug, der nicht so gut organisiert werden kann. Das Ende unseres Lebens, den Tod, vergleicht Paulus mit einem Umzug. Unser irdisches Haus wird abgebrochen, das geht schnell, denn es war ja sowieso nur eine Hütte, eine notdürftige Behausung. Die neue Adresse kennen wir, es soll ein Haus sein, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel, aber wir wissen nicht, wie es darin aussieht. Dieser Umzug ist ein Umziehen von einer Behausung in die andere, zu vergleichen mit einem Umzug, wie er mir jetzt gerade bevorsteht. Dieser Umzug, dieses Umziehen, ist aber auch mit dem „sich umziehen“, mit dem Wechsel von Kleidungsstücken zu vergleichen. Die Behausung, die wir kennen, legen wir ab wie ein Kleidungsstück.

Es ist kein Zufall, dass wir beide Male „ausziehen“ und „umziehen“ sagen. Häuser und Kleider haben viel gemeinsam. Sie zeigen nach außen, wer wir sind, wer wir sein wollen, wie wir leben. Häuser wie Kleider sind Hüllen, die uns schützen, in denen wir uns wohl und geborgen fühlen. Deswegen ist es eine wichtige Aufgabe für alle Handwerker des Krieges, diese Hüllen zu zerstören. Heute am Volkstrauertag erinnern wir uns daran. Einige von Ihnen haben erlebt, was es heißt, wegen des Krieges sein Haus verlassen zu müssen. Sie haben es nie mehr wiedergesehen oder schlimmer noch, es „durch Kriegseinwirkung zerstört“, wie es nüchtern ausgedrückt wird, in Schutt und Asche liegen sehen. Vielleicht nur mit dem, was sie am Leibe trugen, haben sie sich retten können – aber wenigstens mit dem, was Sie am Leibe trugen. Denn auch vor dieser Hülle, vor der Kleidung, die wir am Leibe tragen, machen Krieg und Gewalt nicht Halt. Es gehört zu den Techniken der Folter, Menschen ihrer Kleider zu berauben, sie dazu zu zwingen, sich auszuziehen, sie nackt dastehen zulassen. Solche Bilder von nackten, ihrer schützenden Hülle beraubten und so entwürdigten Menschen gehören bis heute zu jedem Krieg und steigen vor unserem inneren Auge empor. Die nackte Gewalt, eine Rohheit, die die Würde des Menschen mit Füßen tritt, springt uns aus solchen Bildern an. Diese Nacktheit ist unerträglich anzusehen, sie hat nichts mit der Form von Nacktheit zu tun, in der wir selbst entscheiden, was wir von uns zeigen wollen und wer uns ohne unsere schützende Hülle zu sehen bekommt. Es ist eine Qual, ohne Hülle zu sein, obdachlos und entblößt dazustehen. Deswegen fürchten wir uns vor dem Tod, denn wir vergleichen ihn mit dem Ausziehen und Umziehen. Unsere Hüllen werden wir nicht mehr haben, die irdische Hütte wird abgebrochen – und wie werden wir dann dastehen?

Paulus stellt sich am Ende unseres Lebens eine Szene vor, die wir mittlerweile nur zu gut aus dem Fernsehen kennen, aus den vielen Shows am Nachmittag mit guten Einschaltquoten. Eine Gerichtsszene. „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“ schreibt er. Diese Vorstellung passt zu dem, was wir vorhin im Evangelium gehört haben. Hören Sie genau hin: Wir haben das Evangelium, die „frohe Botschaft“ gehört – und der Inhalt dieser Botschaft ist das Weltgericht. Ein Gerichtstermin als frohe Botschaft – wie geht das zusammen? Ich verstehe es so: Die Vorstellung vom Richterstuhl Christi am Ende des Lebens soll uns nicht noch mehr Angst machen, sondern uns freimachen von Angst. Wer sich am Ende vor den Richterstuhl Christi stellt, wird frei. Alle anderen Richterstühle verlieren ihre Bedeutung. Nicht nur unsere Gerichtssäle, sondern auch die vielen anderen Orte, an denen Menschen im bösen Sinne „vorgeführt“ werden, im Fernsehen, in der Zeitung, in dem, was man im Dorf so redet, in den Urteilen anderer Menschen über uns: Alle diese Orte sind nur vorläufige Instanzen. Das Urteil über uns fällt anderswo. Helmuth Graf von Moltke, der als Widerstandskämpfer im Januar 1945 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, schrieb nach der Verhandlung vor dem brüllenden Volksgerichtshofpräsident Freisler an seine Frau Freya: „Der ganze Saal hätte brüllen können wie der Herr Freisler und sämtliche Wände hätten wackeln können, es hätte mir gar nichts gemacht“. Für ihn war die Freiheit, die die Vorstellung vom Richterstuhl Christi geben kann, Wirklichkeit geworden.

Aber selbst, wenn wir uns mit der Vorstellung vom Richterstuhl Christi anfreunden können, es bleibt die Frage offen: Wie werden wir dastehen vor diesem Richterstuhl, nach dem Umzug, der uns allen bevorsteht? Wie sieht uns Gott, wie sieht uns Christus als der Richter an? Ich habe beschrieben, wie grausam Nacktheit sein kann und dass wir uns vor der Nacktheit fürchten, uns fürchten, ohne unsere Hülle dazustehen. Das war nicht immer so, es gab eine Zeit paradiesischer Nacktheit, als die beiden ersten Menschen, Adam und Eva, sich nicht fürchteten, einander ohne Hülle anzusehen. Sie fürchteten sich auch nicht, nackt und von Gott, ihrem Schöpfer, angesehen zu werden. Das änderte sich, nachdem die beiden vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten. Sie wussten nun, was gut und böse ist und sahen sich selbst nackt dastehen. Sie schämten sich voreinander und sie mochten Gott nicht unter die Augen treten. Und Gott bestraft sie tatsächlich streng: Raus aus dem Paradies, unter Schmerzen Kinder gebären, im Schweiße des Angesichts Brot essen, das ist ihre Zukunft, und so ist bis heute unser Leben. Aber die Strafe ist nicht nur Strafe – Adam und Eva werden Brot zu essen und Kinder haben. Als sie das Paradies verlassen müssen, bedeckt Gott ihre Nacktheit. Er macht ihnen Kleider und gibt ihnen so eine Hülle, dass sie ohne Angst vor ihm stehen können. Seine Liebe hüllt sie ein, als sie es am nötigsten haben.

Ich glaube, dass sich vor dem Richterstuhl Christi wiederholen wird, was die Bibel ganz am Anfang der Geschichte Gottes mit den Menschen beschreibt. Christus sieht uns streng an, er fragt genau, was wir den Geringsten unter unseren Brüdern und Schwestern getan haben. Vor ihm stehen wir tatsächlich nackt da, ohne unsere Hüllen aus Selbstrechtfertigung, entblößt von allen Illusionen über uns selbst, dass wir gute Menschen sein können. Wir wissen seit Adam und Eva, was gut und was böse ist, und können das eine nicht tun und das andere nicht lassen. Wir können es nicht und gerade als Glaubende erfahren wir das immer wieder schmerzhaft. Wir scheitern an den einfachen Dingen, an der Zuwendung zu unseren Nächsten und deswegen beherrschen Ungerechtigkeit und Unfrieden unsere Welt. Christus sieht uns streng an und wir fürchten seinen Blick. Aber Christus sieht uns auch gnädig an. Er sieht unsere Nacktheit mit den Augen dessen, der uns gemacht hat. Er weiß, wie wir uns fühlen, er ist ein Mensch geworden wie wir. Er hat erlebt, was die Opfer von Krieg und Gewalt erleben, um seine Kleider haben die Soldaten das Los geworfen, nackt ist er gekreuzigt worden. Er wird uns nicht nackt dastehen lassen. Wir dürfen hoffen, von ihm neu eingekleidet zu werden, eingehüllt zu werden in seine Liebe wie in einen warmen Mantel, aufgenommen in ein Haus, das nicht mit Händen gemacht und ewig ist im Himmel. Christus sieht uns gnädig an.

Heute am Volkstrauertag erinnern wir uns daran, dass wir Menschen von Anfang an wissen, was gut und böse ist. Wir erinnern uns, dass wir von Anfang an, seit Kain seinen Bruder Abel erschlug, daran scheitern, auf dem Weg des Friedens zu bleiben. Wir denken an unsere eigenen, mehr oder weniger zaghaften Schritte auf den Wegen des Friedens und der Gerechtigkeit; an das, was wir unseren Brüdern und Schwestern tun und nicht tun. Wir erinnern uns aber auch an die Zukunft, die uns versprochen ist. Das Ausziehen und das Umziehen, das uns allen bevorsteht, ist ein Grund zur Furcht und zur Hoffnung. Uns erwartet die Freiheit von allen Urteilen der Welt vor dem Richterstuhl Christi. Er wird uns ansehen, mit einem strengen und gnädigen Blick. Vor ihm, das hoffen wir, werden wir einmal unverhüllt dastehen, aber nicht bloßgestellt.

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