Umkehren

Liebe Gemeinde,

als Text für die Predigt heute ist ein Abschnitt aus der Jakobsgeschichte ausgewählt worden. Bevor ich diesen Textabschnitt vorlese, möchte ich Ihnen die Vorgeschichte dazu in Erinnerung rufen, ohne die man das Geschilderte wohl kaum versteht.

Es ist eine konfliktreiche Geschichte, eine Geschichte von Schuld und Versagen. Der Konflikt beginnt bereits, als Isaak und Rebekka Zwillinge geboren werden. Der zuerst Geborene erhält den Namen Esau, "der Behaarte". Er wird ein rauer Naturmensch und der Lieblingssohn seines Vaters. Die Ferse des Älteren festhaltend, kommt der zweite Sohn zur Welt, Jakob, "der Betrüger". Er ist intelligent und sensibel und wird der Lieblingssohn seiner Mutter. So unterschiedlich die beiden Söhne sind, so spannungsreich bleibt ihr Verhältnis zueinander – nicht ohne die Schuld der Eltern.

Als Isaak sein Ende nahen fühlt und er den sogenannten "Erstgeburtssegen" an Esau, den Ältesten, weitergeben will, denkt sich Rebekka eine Intrige aus. Sie möchte, dass dieses Segenswort ihrem Lieblingssohn Jakob zugesprochen wird. Gott hatte diesen weitreichenden Segen einst Abraham zugesagt, seitdem wurde er an den Erstgeborenen weitergegeben. Eine große Nachkommenschaft war verheißen worden, reicher Landbesitz, dazu ein Ausgehen des Segens auf alle Völker der Erde. Jakob spielt mit. Zusammen mit seiner Mutter betrügt er den blinden Vater Isaak und raubt seinem Bruder den Segen, der wertvoller ist als jedes andere Erbe. Der Familienfrieden ist zerstört. Esau schmiedet Mordpläne, er will seinen Bruder umbringen. Jakob muss fliehen. Rebekka schickt ihn zu ihrem Bruder ins Ausland. Wie wird es weitergehen? Wird Gott sich seinen Segen rauben lassen? Wir lesen darüber im 1. Buch Mose im 28. Kapitel:

[TEXT]

Verstehen Sie das? Da lässt sich doch offenbar Gott durch eine Intrige den Segen rauben, der einem anderen zugedacht war. Er stellt den Betrüger nicht zur Rede. Er erwähnt den Betrug mit keinem Wort. Er bestätigt einfach das, was auf unrechte Weise in Anspruch genommen worden ist. Jakob, der Betrüger, wird für seine Cleverness von Gott noch belohnt. Diese Geschichte scheint so recht in unsere Zeit zu passen. Wer vorankommen will, muss etwas dafür tun, auch wenn andere auf der Strecke bleiben. Auf dem Weg zum Erfolg braucht man halt die Ellenbogen. Das scheint sogar Gott anzuerkennen. Doch wo bleiben da Gottes Gerechtigkeit und Unabhängigkeit? Oder steigt in dem Traum Jakobs nicht nur etwas aus seinem Unbewussten auf. Sind es nicht seine geheimen Wünsche, die da Gestalt annehmen? Ist er sich nicht im Klaren darüber, dass Gott mit sich so nicht umspringen lässt? Es ist doch sein Wunschtraum, dass Gott zu dem bösen Spiel "ja" sagt, dass Gott ihn trotz aller Schuld segnen wird. Was er da im Traum vor sich sieht und hört, das ist doch nicht wirklich Gott, sondern das Produkt seines Wunschdenkens. Helfen nicht die unbewussten Wünsche im Traum, ihn zu beruhigen und bereit zu machen für den Aufbruch in das fremde Land? Könnte er sonst überhaupt weiter leben?

Liebe Gemeinde, ich fürchte, weder das eine noch das andere trifft zu. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, Gott, der Urgrund unseres Seins, lässt sich weder zum Narren halten noch auf das sogenannte Unbewusste reduzieren. Jakob, der Betrüger, macht hier eine ganz echte und lebenswichtige Erfahrung. Er erfährt, dass trotz aller Schuld ein Neuanfang möglich ist. Und er erfährt Stärkung für den Aufbruch in ein fremdes Land.

Ich stelle mir vor, wie er vor dem Bruder geflohen ist. Hastig packt er ein paar Sachen für die weite Reise ein, nimmt etwas Proviant mit. Er hat nicht einmal Zeit, sich von der Mutter richtig zu verabschieden. Gehetzt von Angst rennt er davon. Er läuft, bis die Dunkelheit anbricht. Da wird ihm erst richtig bewusst, wie allein er ist. Allein in der feindlichen Natur. Allein mit dem schlechten Gewissen. Die Nacht wird kalt sein, Raubtiere ziehen durch die Gegend. Eine unheimliche Situation.

Der Text ist an dieser Stelle sehr knapp. Es heißt da nur: "Er gelangte zu der Stätte und blieb dort über Nacht, weil die Sonne schon untergegangen war. Er nahm einen von den Steinen der Stätte, machte ihn zum Lager für sein Haupt und legte sich an jener Stätte schlafen." Man könnte denken, Jakob steht über den Dingen. Ein cooler Typ. Er ist sich seiner Sache ganz sicher. Nein, ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Nicht Jakob, der Sensible, das Muttersöhnchen. Der steckt das so leicht nicht weg. Vielleicht hat er alles schon bereut und sehnt sich zurück nach dem schützenden Zelt der Eltern? Doch die Rückkehr ist ihm abgeschnitten, der Bruder würde ihn umbringen. Und dem Vater kann er nicht wieder in die Augen sehen. Da kann er auch hier in der Einöde sterben. Ihm ist schon alles egal. Außerdem ist er total erschöpft. Er wagt kaum daran zu denken, dass er das fremde Land je erreichen könnte. Er streckt sich auf dem Boden aus und der Schlaf übermannt ihn.

Da hat er diesen sonderbaren Traum. Eine stabile Leiter, fast wie eine Treppe, verbindet Himmel und Erde. Es ist viel Bewegung auf dieser Treppe. Boten Gottes steigen auf und nieder. Für einen kurzen, ewigen Augenblick sieht Jakob, wie Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit, Endliches und Unendlichkeit miteinander verbunden sind. Für einen kurzen, ewigen Augenblick sieht Jakob, wie die Erde Anteil am Göttlichen hat, wie alle Trennung zwischen Oben und Unten beseitigt ist, wie der Himmel über ihm offen steht. Aber dieses Hin und Her geht lautlos vor sich. Ist das der Anfang vom Gericht? Wird er jetzt seine verdiente Strafe erhalten?

Da erscheint Gott und beginnt zu sprechen. Kein Wort von Strafe, kein Wort von Schuld. Gott erneuert die Zusage des verheißenen Segens. Gott will segnen, nicht weil Jakob sich den Segen ergaunert hat, sondern obwohl er schuldig geworden ist. Trotz aller Verirrung und Schuldverstrickung will Gott Jakob segnen. Das ist seine freie Entscheidung. Das ist sein gnädiges Urteil. Er will bei ihm bleiben, wohin er auch geht. Und er will ihn wieder in das Land seiner Väter zurückführen.

Jakob wacht auf, und der Schrecken sitzt ihm noch in den Gliedern. Seine Schuld ist vergeben. Er kann noch einmal neu anfangen. Er kann den Aufbruch in das fremde Land wagen. Mit dem Segen Gottes wird er es noch oft wagen aufzubrechen. Furcht vor diesem Gott erfüllt ihn. Wer Gottes Gnadenspruch so unmittelbar erlebt, kann nur dankbar erschauern.

Wir wissen, dass Jakob trotzdem nichts geschenkt wurde. Er musste reichlich büßen. So wie er Vater und Bruder betrogen hatte, so betrog man ihn im fremden Land. So wie er seinem alten Vater Schmerz zugefügt hatte, so fügten ihm seine eigenen Kinder Schmerz zu. Er musste reichlich büßen. Aber das wurde ihm leicht mit Gottes Segen. Er begann umzukehren und ein anderer Mensch zu werden. Seine Umkehr begann, als er sich zum Aufbruch in das fremde Land bereit machte.

Umkehr, Aufbruch in ein fremdes Land, Segen Gottes erfahren trotz aller Schuld. Ich denke, wir alle kommen einmal in unserem Leben an einen Punkt, an dem diese Stichworte lebenswichtig werden: Umkehr, Aufbruch in ein fremdes Land, Segen Gottes erfahren trotz aller Schuld. Wir stehen an diesem Punkt, wenn wir ins Abseits geraten sind und trotzdem nichts mehr rückgängig zu machen ist. Wenn wir merken, dass wir ganz allein sind und von allein nicht wieder hochkommen. Ich wünsche uns, dass wir dann wie Jakob im Traum den Himmel über uns offen stehen sehen. Dass wir Gewissheit darüber erlangen, Gott will uns segnen und bereit machen zum Aufbruch in ein fremdes Land, trotz aller Schuld, die auf uns lastet. Dass wir begreifen, wir sind nicht allein. Gottes Boten sind um uns. Und Gott ist ganz nahe.

Aber nicht nur für jeden einzelnen von uns, sondern für unsere ganze Gesellschaft, ja für unsere gesamte Welt können diese Stichworte lebenswichtig werden: Umkehr, Aufbruch in ein fremdes Land, Segen Gottes erfahren trotz aller Schuld. Uns alle bewegen die Ereignisse der vergangenen Woche und wir fragen uns, wie es denn weiter gehen soll und kann. Die Rufe nach massiven Vergeltungsschlägen erschrecken mich. Und für meine Begriffe hat man etwas zu schnell Schuldige ausgemacht, nachdem man vorher völlig ahnungslos gewesen war. Wie gehen wir mit Schuld um? Und liegt die Schuld nur auf einer Seite? Woher kommt dieser unvorstellbare Hass auf die westliche Welt? Wir wollen uns doch nichts vormachen – mit dem Anschlag war nicht nur Amerika gemeint, sondern auch wir. Müssen wir nicht auch Schuld bei uns selbst suchen? Der Bürgermeister von New York hat angekündigt, das World Trade Center wieder aufzubauen. Für mich heißt das: Wir machen so weiter wie bisher. Aber muss das sein?! Brauchen wir diesen Gigantismus? Entsteht der Hass auf die westliche Welt nicht gerade durch unsere Arroganz und Gleichgültigkeit gegenüber der Armut und Not in weiten Teilen der Welt?! Der islamische Fundamentalismus findet den besten Nährboden in den ärmsten Bevölkerungsschichten islamischer Länder.

Es ist an der Zeit, miteinander umzukehren, um aufzubrechen in ein fremdes Land! Ein Land, das wir noch nicht kennen. Denn sowohl wir reichen Länder als auch die Ärmsten dieser Welt sollen den Segen Gottes erfahren trotz aller Schuld. Dazu brauchen wir sicher viele Träumer, die den Himmel offen stehen sehen. Die befreit werden von der Bürde der Vergangenheit. Die unsere Erde als ein fremdes, friedliches Land für alle Menschen bewohnbar machen.

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