Umkehr hat Folgen

Unser heutiger Predigttext ist die Geschichte von Zachäus. Winken Sie jetzt bitten nicht ab: Kennen wir längst. Ich kenne sie auch, schon oft erzählt im Kirchlichen Unterricht oder Kindergottesdienst. Immer stand der ungerechte Mann im Mittelpunkt, der auf der Suche ist, der verzweifelte Anstrengungen unternimmt, diesen Jesus zu sehen. Aber vielleicht war er das ja gar nicht. Vielleicht war er nur zufällig in Jericho unterwegs, gerade auf dem Weg zum Stammtisch oder zu einem Schuldner, als er einen Tumult bemerkte: Da setzt unsere Geschichte ein und ich will sie einladen, die alte Geschichte neu zu hören, als würde da plötzlich einer angesprochen, der eigentlich nur Zuschauer bleiben wollte. Der wird in die Geschichte Jesu mit den Menschen hineingezogen.

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Die Gefahr liegt nahe, überzubetonen wie Zachäus Jesus sucht, Opfer auf sich nimmt, Spott und Lächerlichkeit. Aber vielleicht war er auch nur einer von vielen Schaulustigen, die einen guten Platz suchten, um zu sehen. Zaungast wollte er sein – und plötzlich wird er hineingezogen in eine Geschichte, die bis dahin nicht die Seine war. Plötzlich kommt dieser Jesus auf ihn zu und spricht den zentralen Satz: "ich muß heute in deinem Haus einkehren." Ganz unvermittelt und unerwartet trifft ihn diese Einladung. Da lädt sich jemand bei ihm ein, den er nie gewagt hätte anzusprechen, den er vielleicht ja auch gar nicht in seinem Hause haben will. Aber die Form der Selbsteinladung duldet keinen Widerspruch. Also eilt er nach Hause. Eigentlich kein Problem. Sein Haus ist immer gerichtet auf plötzlichen Besuch. Also wird schnell alles bereitet. Zumindest Haus und Essen. Aber die Menschen – Zachäus? Was will dieser Jesus? Bin ich bereit, ihn zu empfangen – innerlich?

Seine Mitmenschen sind nicht bereit. Sie mosern und motzen. Da gibt es nun wirklich bessere Häuser in Jericho, wo die Speisen vielleicht nicht so erlesen sind, das Ambiente nicht so stimmig, dafür die Menschen rechtschaffen und fromm. Zu ihnen hat Jesus nicht gesagt: "ich muß heute in deinem Haus einkehren." Eigentlich ist es ein Skandal.

Dieser Zachäus muss ein sehr reicher Mann gewesen sein. Jericho, die Grenzstadt zu Arabien und alte Residenzstadt. Hier blühte ein reger Handel, gerade mit Balsamöl, das in der Region hergestellt wurde, aber auch mit den vielen anderen Artikeln, die hier umgeschlagen wurden. Seinen Besitz verdankt er dem Umstand, dass die Römer ihn zum Hauptzolleinnehmer gemacht haben. Wahrscheinlich hatte er einige Unterzolleinnehmer und jeder betrog und wurde reich dabei. Die Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht, die Kollaboration war schon immer ein einträgliches Geschäft, das allerdings auch einsam machte. Die Verachtung der anderen machte einsam, aber das verminderte auch die Skrupel, die anderen zu betrügen und der Reichtum war auch nicht zu verachten.

So wie damals nehmen heute noch rechtschaffene fromme Menschen Anstoß an Menschen wie Zachäus – ich auch. Es ist doch wirklich zum Verrücktwerden, wieso Jesu gerade sich diesen Zachäus aussucht. Entweder liebt er das süße Leben im Haus des Reichen so sehr, dass er die Moral vergisst, oder er hat keine Ahnung, wen er sich da so zufällig sucht. Oder er will etwas Besonderes. Die Geschichte gibt ihm ja recht. Der Besuch lässt Zachäus nicht unberührt. Ich will jetzt gar nicht darüber meditieren, wie er das macht, ob es überhaupt möglich sein kann, alle Betrogenen auszuzahlen. Das erinnert mich an den Versuch, die Zwangsarbeiter angemessen zu entschädigen – und dann sind es doch nur ein paar tausend Mark pro Betroffenem. Aber der Versuch allein zählt manchmal ja auch schon. Jesus sieht es so: "Heute ist diesem Hause Heil widerfahren", sagt er, bevor auch nur ein einziger Denar bezahlt ist.

Geld ist eine Kraft, die den Menschen von Gott trennen kann (Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr [Lukas 18,25]). Durch die zufällige Begegnung mit Jesus gewinnt Zachäus eine neue Freiheit und öffnet sich für das Heil. Das Stichwort für das Geschehene liefert Jesus: "denn auch er ist Abrahams Sohn." Zachäus hat sich nicht durch sein Tun gerichtet. Er wird aufgerichtet, weil es für Jesus niemanden gibt, der verloren gehen darf.

Zachäus ist vielleicht nur zufällig da, als Jesus auf ihn zukommt. Aber dann öffnet er sich, dann lässt er sich bewegen von diesem Jesus. Das verändert ihn – und er lässt diese Veränderung bei sich zu. Er ergreift die Chance, ein neuer Mensch zu werden, mit allen Nachteilen.

Ich kenne eine Darstellung der Zachäus-Geschichte, die darin mündet, dass der Sohn verbittert ist, über die Umkehr seines Vaters. Sein Leben ändert sich. Geld wird knapp, der Spaßfaktor sinkt. Umkehr hat folgen, auch für die, die nicht umkehren. Für die Familie genauso, wie für die, die mosern und motzen. Werden sie sich auch bewegen lassen von dieser Begegnung – oder bleiben sie außen vor. Werde ich mich ändern lassen, weil Jesus niemanden verloren gibt – oder bleibe ich außen vor?

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