Umgang mit Fehlentwicklungen

Liebe Gemeinde,

eine Internetnotiz vom Juni 1999: Aus Anlass des Kölner Weltwirtschaftsgipfels hat die Bonner Pax-Christi-Gruppe "Die Verehrung des Goldenen Kalbes" als Straßentheater aufgeführt. Aktionäre von Rüstungsfirmen, Bankdirektoren und PolitikerInnen tanzten um das Goldene Kalb und verehrten es als Garant von Profit, Stabilität, Wohlstand, Wachstum und Standortsicherheit. Militärs sicherten dabei das Kalb und die von ihm Gesegneten ab, allzeit bereit, für Rohstoffsicherung weltweit zu intervenieren. Zwischendurch kamen immer wieder Nachrichten aus dem Cassettenradio. Als es z.B. hieß, dass nach Ende des Balkankrieges jetzt sofort wieder alle Waffenarsenale nachgefüllt würden und damit die Rüstungsaktien kräftig anstiegen, war der Jubel der Kalbverehrer unüberhörbar. Litaneiartig setzte sich dann die Verehrung wieder fort. Auch Fürbitten wurden gesprochen, z.B. dass unser Wirtschaftsstandort vor Flüchtlingen gesichert werde.

Liebe Gemeinde,
eine Bibelnotiz vom Juni 599 v. Chr: Da sagte der Herr zu Mose: "Steig schnell hinunter! Dein Volk, das du aus Ägypten hierher geführt hast, läuft ins Verderben. Sie sind sehr schnell von dem Weg abgewichen, den ich ihnen mit meinen Geboten gewiesen habe: ein gegossenes Kalb haben sie sich gemacht, sie haben es angebetet und ihm Opfer dargebracht und gerufen: Hier ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägypten geführt hat!" Weiter sagte der Herr zu Mose: "Ich habe erkannt, dass dies ein widerspenstiges Volk ist. Deshalb will ich meinen Zorn über sie ausschütten und sie vernichten. Versuche nicht, mich davon abzubringen! Mit dir will ich neu beginnen und deine Nachkommen zu einem großen Volk machen." Mose aber suchte den Herrn, seinen Gott, umzustimmen und sagte: "Ach Herr, warum willst du deinen Zorn über dein Volk ausschütten, das du eben erst durch deine große Macht aus Ägypten herausgeführt hast? Du willst doch nicht, dass die Ägypter von dir sagen: Er hat sie nur weggeführt, um sie dort am Berg zu töten und völlig vom Erdboden auszurotten! Lass ab von deinem Zorn und verfahre nicht so grausam mit deinem Volk! Denk doch an Abraham, Isaak und Jakob, die dir treu gedient haben und denen du mit einem feierlichen Eid versprochen hast: Ich will eure Nachkommen so zahlreich machen wie die Sterne am Himmel; ich will ihnen das ganze Land, von dem ich zu euch gesprochen habe, für immer zum Besitz geben." Da sah der Herr davon ab, seine Drohung wahr zu machen, und vernichtete sein Volk nicht.

Das Goldene Kalb ließ Mose anschließend zerstören, aber die Rede vom goldenen Kalb oder die Rede vom Tanz um´s goldene Kalb ist auch heute noch ein beliebtes sprachliches Bild zur Visionalisierung von falschen Wegen der Anbetung in unserer Gesellschaft.

Heute am Sonntag Rogate – Betet – lege ich das Augenmerk meiner Predigt auf das Zwiegespräch Moses mit Gott oder wie Luther es überschreibt mit die Fürbitte Moses für sein Volk. Das Thema der Predigt ist somit: der Umgang mit Fehlentwicklungen.

Wie alles begann: Mose geht zu Gott, um mit ihm über seine Gebote, 10 Stück an der Zahl, zu reden. Er geht auf den Berg Sinai, hinterlässt sein Volk der Führung seines Stellvertreters Aaron. Der Führungswechsel verbreitet Unsicherheit. Vielleicht steigt im Volk der neidvolle Wunsch auf, Gott auch nahe zu sein? Vielleicht wollen Sie endlich einmal den Sehen, von dem sie immer nur hören? So beginnen sie ihr Werk zur Beruhigung ihres Sehsinnes. Denn sie können ihren suchenden Blick ins Leere nicht mehr aushalten.

Gott sieht es. Und der sich nun anschließende Dialog zwischen Mose und Gott, erinnert mich an Zwiegespräche in Partnerschaften bezüglich Krisensituationen, wenn deine Kinder, ach nein es sind ja dann doch deine Kinder, dies oder das angestellt haben.

Gott sagt nämlich: Mir reicht es! Dein Volk läuft ins Verderben. Es ist widerspenstig. Ich werde es vernichten. Lass mich in Ruhe, du musst gar nicht erst versuchen mich umzustimmen.

Woraufhin Mose unbeirrt erwidert und ihn darauf hinweist: Es ist Dein Volk, indem er sagt: Ach Herr, warum willst du deinen Zorn über dein Volk ausschütten. Mose führt Gott gegenüber stichhaltige Argumente ins Spiel.
1. warum willst du es vernichten, wenn du es vorher befreist!
2. Du blamierst dich vor den Ägyptern
3. Du hast Abraham, Isaak und Jakob deinen Segen versprochen als Zusage an dieses Volk.

Das Ergebnis: Gott lässt sich umstimmen. Zwei Aspekte sind mir bei dieser Geschichte wichtig geworden, um mit Krisen umzugehen:

1. Das Gespräch suchen
Für mich menschelt Gott auf sehr angenehme Art und Weise an dieser Stelle, denn er wechselt seine Meinung. Ein menscheln von dem wir Menschen lernen können, nämlich dass emotionaler Platzregen zwar gut, aber stichhaltige Argumente bei der Erziehung besser sind.

Seit dem Amoklauf in Erfurt werden die Worte der Gewaltprävention und die Verschärfung des Waffengesetzes zu hoffnungsvollen Ansatzpunkten der Veränderung erklärt. Den Schulgottesdienst der Elsa-Brandströmschule am vergangenen Freitag leitete die Direktorin mit der Hinweis auf die Stärkung der Solidarität an der Schule ein. Diese Solidarität gründet für mich auf dem Gespräch miteinander und der Anrede des einzelnen. So wie Mose trotz Angst und schlechter Ausgangslage Gott ansprach und sagte: Ach, Herr. So suchte Lehrer Rainer Heise ruhig den Augenkontakt mit dem Täter und sprach ihn an: Robert … . Der Bann der Inszenierung Bluttat brach. Robert erschoss sich, bevor er noch mehr Menschen töten konnte. Der Weg der Änderung führt über die Anrede, über das Gesprächs. Wichtigstes Ausgangsinstrument dazu ist die Zivilcourage, um diesen ersten Schritt zu wagen. Mose macht in dieser Geschichte uns Menschen Mut, das es sich lohnt Zivilcourage zu zeigen und die Anrede und das Gespräch in scheinbar schon entschiedenen Situationen zu suchen.

2. Hilfe im Gebet finden
Für die, die beten, ist es keine Neuigkeit, aber nun hat es selbst die Wissenschaft in Form von Gruppen und Kontrollgruppen geprüft: Beten hilft! In zweierlei Hinsicht wurden Untersuchungen angestellt und dabei wurde festgestellt: 1. Die beruhigenden Effekte von Gebetsübungen oder frommen Gesängen helfen gesunden. Beten stärkt das Immunsystem – wörtlich übersetzt heißt Immun: frei von Leistung. Beten befreit also vom krankmachenden Leistungsdruck. 2. Fürbitten für andere helfen. Am Rande bemerkt: Es gibt sogar ein Online-Fürbittenzentrum.

Hilfe im Gebet finden. Wer von uns wüsste aber nicht all zu gerne, wo der Berg liegt, auf den ich gehen muss, um Gottes Stimme zu hören, um ihm näher zu sein und mit ihm über den Dunstwolken der Lebensverwirrungen so direkt von Mann zu Mann, von Frau zu Frau zu reden in aller Klarheit? Wer wüsste nicht allzu gerne welche Worte – welche Argumente treffen, um Gott zum Meinungswechsel zu bewegen?

Den Berg Moses kenne ich nicht, aber ich kenne den Berg des Gebetes, den ich überall erklimmen kann, um mit Gott zu reden. Den Berg zu erklimmen hilft, die Leere, das Vakuum, den Stillstand, die Realität im Unterschied zu meinen Wünschen und Träumen auszuhalten.

Dieser Berg der Anrede Gottes hilft mir hinunterzuschauen auf die goldenen Kälber in meinem Leben / im Leben dieser Welt und ihre Größe als nichtiges Spielzeug zu erkennen. Das Gebet stärkt meine Courage das Gespräch mit den ach so großen Gewalten und Mächten in meinem Leben zu wagen.

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