Um der Gemeinschaft willen

Liebe Gemeinde,

auch Gründonnerstag ist ein herausgehobener Tag in der Passionszeit – er ist orientiert an der Passionsgeschichte, wie sie uns die Evangelien erzählen. Gründonnerstag wird daher auch der ‘Tag der Einsetzung des Heiligen Abendmahls“ genannt. So schildern es die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas: das letzte Mahl Jesu als ein typisch jüdisches Passamahl – Johannes macht da eine Ausnahme: er hat keinen direkten Bericht über die Einsetzung des Abendmahles durch Jesu, aber er berichtet von der Fußwaschung – dem großen Liebesdienst Jesu – und er überliefen die weiten Abschiedsreden Jesu.

Wir feiern diesen Gottesdienst aus einem bestimmten Grund am Abend: nach alter Zählung beginnt nämlich der neue Tag jeweils mit seinem Vorabend. So eröffnet der Gründonnerstag-Gottesdienst die Feier der drei österlichen Tage, nämlich Jesu Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung. Noch dazu erinnert die Feier am Abend an die nächtlichen Geschehen, die in der Nacht auf Karfreitag passiert sind: Jesu Gang nach Gethsemane, sein nächtliches, einsames Gebet in jenem Garten, seine Gefangennahme, das Verhör vor dem Hohen Rat und schließlich die Verleugnung des Petrus. Von daher kann man auch verstehen, warum es Gründonnerstag heißt – das hat nur vielleicht etwas mit der Farbe zu tun, es gab nämlich nur grüne Dinge wegen des Fastens, also etwa Gemüse, zu essen. Vielleicht kommt es aber auch von dem Wort “greinen“, also dem Weinen über Jesu Leiden. Traditionell sind an jenem Tag die Büßer (das heißt ja die “Weinenden“) wieder in die volle kirchliche Gemeinschaft aufgenommen worden.

Ich erzähle dies alles noch vor dem Predigttext, denn oftmals weiß man die Bedeutung der Tage nicht mehr oder nicht mehr so genau – aber auch, damit unser Text aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther besser verstanden werden kann. Er ist nämlich erstaunlich kurz und bedeutet für uns doch auch all dies, was ich eben ausgeführt habe. Paulus schreibt:

[Text]

Paulus schrieb damals in eine bestimmte Situation der Gemeinde hinein: einige haben sich abgekehrt von der Lehre Christi und haben angefangen eigene oder fremde Gedanken, die man damals in Korinth zuhauf finden konnte in diese Lehre hinein zu mengen. Sie verwechselten die Botschaft Christi mit den Botschaften anderer Kulte und glaubten so, sie hätten die Welt schon überwunden Sie meinten, sie wären schon frei und bräuchten sich von daher um nichts mehr zu kümmern. Sie besuchten also andere Feiern und nahmen dort am dem Essen für deren Götzen teil, weil – so sagten sie – selbst, wenn das Fleisch den Götzen geweiht ist – wir tragen doch keinen Schaden davon!

Was macht nun Paulus in dieser Situation? Zunächst macht er genau das nicht, was wir – zumindest ich – zuallererst erwartet hätten: er sagt nicht: “in der Tat, ihr seid frei – frei zu tun, was ihr wollt, denn ihr seid nur noch Christus untertan!“ Nein: zuallererst sagt er: “haltet euch von den Götzen fern, damit ihr nichts mit ihnen gemein habt“: genauer sagt er: “Nun will ich nicht, dass ihr in der Gemeinschaft der bösen Geister seid!“. Ein seltsamer Hinweis für uns heute – liebe Gemeinde, denn nur noch wenige glauben an die Existenz von bösen Geistern, wie sie Paulus damals gefühlt hat. Für uns gilt heute eher, was der Psychoanalytiker C.G. Jung einmal sagte: “Früher glaubten die Menschen an Geister – heute glauben sie an Vitamine“ – aber davon vielleicht ein andern Mal.

Manchmal ärgere ich mich über Paulus, über den Apostel, der doch so viel in unserer Bibel geschrieben hat und der so wichtig für ihr Verständnis ist, weil er so seltsam abgehackt schreibt: ein Gedanke jagt den anderen: manchmal kaum zu überblicken – manchmal jedoch, liebe Gemeinde, sehe ich ihm das auch nach, denn ich stelle ihn mir vor als einen großen Eiferer für Gott, dem die Sache mit Gott so wichtig war, dass er darüber Sätze und Gedanke einfach verschluckte, so als koste es ihn zuviel Zeit, darüber zu reden. So mag es auch hier gewesen sein. Paulus will nicht, dass die Korinther in der Gemeinschaft mit den bösen Geistern sind – er will dies aber nicht deshalb nicht, weil die bösen Geister für ihn noch etwas bedeuten würden oder gar noch Macht gegen Christus hätten. Er sagt ja sogar öfter: “Alles ist erlaubt“ oder “Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit“. Nein, er will es um der Gemeinschaft willen nicht. Sein Satz “Alles ist erlaubt“ geht ja weiter: “Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf Niemand suche das Seine, sondern was dem anderen dient.“ Die Gemeinschaft untereinander ist ihm ein so hohes Gut, dass sie die Freiheit der Einzelnen beschneidet. Genauso würde also die Gemeinschaft mit den Götzenfleisch-Essern die Gemeinschaft der Christen untereinander gefährden, denn es gibt immer “Schwache“ in der Gemeinde: Menschen, die noch Angst haben, in unserem Fall z.B. vor den bösen Geistern der Götzen. Also mahnt Paulus die Gemeinde zur Gemeinschaft. Denn nur als Gemeinschaft seid ihr die Gemeinde Gottes, nur als gemeinschaftliche Gemeinde seid ihr die Töchter und Söhne des lebendigen Gottes.

Aber liebe Gemeinde – und da wird‘s gewissermaßen erst: diese Gemeinschaft ist nicht einfach eine zufällige, sie ist kein Verein etwa, auch keine Ansammlung von Menschen, die sich zufällig gerade am gleichen Ort befinden und es ist auch keine von oben verordnete Gemeinschaft, so wie z.B. Ober- und Unteraltertheim eine politische Gemeinde bilden, weil es die Gebietsreform so gewollt hat. Paulus spricht ganz im Gegenteil von einer Gemeinschaft durch Teilhabe – Teilhabe bedeutet etwas von einem Gegenüber zu besitzen, von diesem Gegenüber etwas bekommen zu haben, was dann mir gehört. Weil ich aber nur einer von vielen bin, der von diesem Gegenüber etwas bekommen habt, schließe ich mich zusammen mit den anderen, die auch etwas von ihm besitzen: diese Art von Gemeinschaft beschreibt Paulus.

Jetzt endlich, liebe Schwestern und Brüder, kommen wir wieder zu unserem Predigttext: “Der Kelch des Lobpreises: ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot: ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist‘ s: So sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.“ Wir wissen, dass sich über die Frage des Abendmahles die Theologen und die Gemeinden viel zerstritten haben – erst im letzten Monatsgruß haben wir lesen können, wie viele unterschiedliche Deutungen es allein in unserem kleinen Umkreis geben kann. Ich will nicht sagen, dass die eine oder die andere Deutung falsch oder richtig ist: das steht mir gar nicht zu, obgleich ich auch eine eigene Meinung dazu habe. Wichtig aber ist – und das haben wir auch im Monatsgruß sehen können, dass es etwas gibt, was gleich bleibt in der Bedeutung des Abendmahles. Einiges haben wir schon gesagt: zunächst die Gemeinschaft mit Gott, mit Jesus Christus, eben die “Teilhabe“, wie Paulus sagt: diese Gemeinschaft ist unzerbrechlich, sie ist geschenkt und nicht verdient – sie ist ein großes Gut, das wir alle besitzen. Es ist die Vergebung der Sünden, die die Gemeinschaft mit Gott wieder herstellt. Luther konnte sagen, dass die Einsetzungsworte beim Abendmahl das ganze Evangelium in seiner kürzesten Form darstellen. So wichtig, so bedeutend ist diese neue Gemeinschaft mit Gott.

Als zweites kommt dann die Gemeinschaft untereinander – die Teilhaber Gottes schließen sich untereinander zusammen und werden eine christliche Gemeinde. Diese Gemeinschaft wird als Bild sichtbar, wenn wir im Kreis vor dem Altar stehen und wir alle, egal ob jung oder alt, groß oder klein, Mann oder Frau nacheinander aus dem gleichen Becher trinken. Früher gab es keinen stärkeren Ausdruck für Gemeinschaft, als zusammen zu essen und zu trinken – nicht umsonst hat man sich zu Jesu Zeiten über den Gottesohn geärgert, wenn er mit Zöllnern und Huren, also mit den abgesonderten der damaligen Zeit gemeinsam aß: so machte Jesus die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen sichtbar und öffentlich.

Zum dritten ist es diese Gemeinschaft allein, die uns unsere Freiheit, die uns Gott gegeben hat beschneidet. Denn wahrhaft frei sind wir Kinder Gottes geworden. Als Luther sagte: “wahrlich, als Kinder Gottes könnten wir neue Dekaloge schreiben“, meinte er genau diese Ungebundenheit von zeitlichen Normen und Gesetzen, von Angsten und Bedrängung. Allein aber, wenn ich auf den Nächsten blicke, z.B. auf den, der beim Abendmahl neben mir steht, merke ich, wo ich meine Freiheit zu seinen Gunsten einschranken muß Paulus schreibt: “einer trage des anderen Last, so werdet Ihr das Gesetzt Christi erfüllen“.

Zum Schluss kommt jedoch noch ein viertes hinzu: die Gemeinschaft mit Jesus Christus geht auf dieser Welt unter uns Christen noch weiter. Am Anfang habe ich von den Fehlern der korinthischen Gemeinde berichtet: sie dachten, sie wären schon auferstanden, sie glaubten, sie hätten die Welt schon hinter sich gelassen. Daraufhin schreibt Paulus die Zeilen, die wir vorhin schon gehört haben. Paulus weiß: die Gemeinschaft mit Gott geht noch weiter – sie umgreift uns ganz – auch in diesem Leben. Wer an unserem Gesprächsabend vor drei Wochen dabei war, weiß, was Paulus in seinem 2. Brief an die Korinther dazu schreibt: “wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe“, ähnlich schreibt es der 1. Petrusbrief: “Ihr Lieben lasst euch durch die Verfolgung nicht befremden, sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet“. So weit, liebe Gemeinde, geht hier unsere Gemeinschaft: noch sind wir nicht vor dem Leid gefeit, sondern es ist andersherum: auch im Leid sind wir mit Jesus Christus verbunden. So merken wir auf einmal, wie sinnvoll der “grüne“ oder besser der “greine-Donnerstag“ verbunden ist mit dem Abendmahl – die Gemeinschaft mit Christus erfährt ihre volle Größe.

So feiern wir das Abendmahl im Bewusstsein und im Gefühl all dieser Dinge: im Leid verbunden mit Christus, unsere Gemeinschaft erfüllt in der Hinwendung zum Nächsten, wir: erlöst von der Sünde und von daher wirklich als freie Kinder Gottes in der fröhlichen Gemeinschaft mit Gott selbst. Ehre sei Gott in der Höhe.

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