Übertreibe es nicht!

Liebe Gemeinde,

elf Tage sind wir im neuen Jahr. Haben Sie sich etwas besonderes vorgenommen für dieses Jahr? Wollten Sie jeden Tag etwas anders machen als letztes Jahr? Wie geht es ihren guten Vorsätzen? Haben Sie bis jetzt umgesetzt, was Sie sich für das neue Jahr vorgenommen hatten. Oder hat der Alltagstrott Sie bereits wieder eingeholt? Sie haben den Predigttext bereits als erste Lesung gehört. Da er ziemlich kompliziert und unbekannt ist, lese ich ihn gerade noch einmal: Brief des Paulus an die Gemeinde in Röm 12,1-3:

[TEXT]Dieser Text hat eine für Paulus typische Dynamik und Widersprüchlichkeit. Diese hat etwas mit moralischen Ansprüchen und guten Vorsätzen zu tun. Ich versuche einmal die Bewegung in diesem Stück Brief herauszuarbeiten. Am Anfang ist Paulus schon ziemlich in Fahrt. Wir sind ja schon im 12. Kapitel des Briefes. Er hat also schon ein Weilchen an diesem Brief geschrieben: Ich ermahne euch nun liebe Brüder (die Schwestern denken wir uns dazu) durch die Barmherzigkeit Gottes. Jetzt wird es ernst, jetzt kommt ein moralischer Anspruch an unser Leben. Und zwar ein mit der Barmherzigkeit Gottes begründeter Anspruch. Jetzt kommt etwas, was wir absolut ernst nehmen müssen. Es wird von uns eine Antwort auf Gottes Barmherzigkeit erwartet. Und das ist wichtig für unser Leben, denn auf Gottes Barmherzigkeit sind wir ja unbedingt angewiesen. Was sollen wir also tun? Wir sollen unsere Leiber hingeben als Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das heißt: Wir sollen unser ganzes Leben mit Leib und Seele in den Dienst Gottes stellen. Wir sollen unser Leben Gott weihen, und nur tun, was Gott gefällt. Wir sollen unseren Gottesdienst nicht beschränken auf einmal die Woche sonntags vormittags, sondern unser ganzes Leben als Gottesdienst verstehen. Und das, sagt Paulus, wäre dann der vernünftige Gottesdienst. Man kann Paulus nicht vorwerfen, dass er eine billige Gnade verkündet. Die von uns erwartete Antwort auf Gottes Barmherzigkeit umfasst unser ganzes Leben und verlangt von uns durchaus Heilige zu werden. Und in dieser Anspruchshaltung geht es weiter: Stellt euch nicht dieser Welt gleich! Also Anpassung an unsere Umgebung und unsere Zeit ist auch nicht erwünscht. Wir sollen nicht irgendwelchen Moden hinterher laufen, sondern aus unserem Glauben ein Leben führen, dass sich von dem der anderen Menschen unterscheidet.

Nun, dass wir das nicht selbstverständlich von alleine tun, das ist Paulus bewusst. Deshalb sagt er: Ändert euch (a) durch Erneuerung eures Sinnes, (b) damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Normalerweise können wir gar nicht erkennen, was in einer Situation Gottes Wille ist. Denn wir sind so sehr verstrickt in unsere üblichen Überzeugungen, die wir aus der Zeitung oder dem Fernsehen oder den Meinungen der Nachbarn beziehen, das wir gar nicht sehen können, was in einer Situation gut wäre, und was Gott von uns verlangt. Wir neigen dazu unsere politischen und persönlichen Vorlieben mit dem Willen Gottes zu verwechseln. Damit wir überhaupt den Willen Gottes erkennen können, müssen wir unsere Wahrnehmung erneuern lassen. Und dann erst können wir prüfen, was gut und Gott wohlgefällig und vollkommen wäre. Und der nächste Schritt, den Paulus offensichtlich von uns erwartet, ist das Gute und Gott Wohlgefällige und Vollkommene! auch noch zu tun. Ich betone, das Vollkommene sollen wir tun. Das ist die Stelle, an der Paulus aufgefallen ist, dass er uns – sprich die Adressaten seines Briefes – wohl etwas überfordert hat. Und mit der gleichen Autorität, mit der er die moralischen Ansprüche an unser Leben formuliert hat, rudert er jetzt zurück: Als Antwort auf die Barmherzigkeit Gottes hat Paulus von uns ein heiliges Leben verlangt und jetzt sagt er uns durch die Gnade, die ihm gegeben ist, dass niemand (a) mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, (b) wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

Was Paulus damit meint: „Gut, gut, ich habe etwas übertrieben. Natürlich kann nicht jeder in der Gemeinde gleich ein Heiliger werden. Ich wollte nicht sagen, dass man als Christ sich selbst jetzt für vollkommen halten soll. Sondern Gott hat verschiedenen Menschen einen unterschiedlich starken Glauben geschenkt. Und es hat keinen Sinn, sich selbst moralisch zu überfordern. Es bringt nichts, mehr von sich zu verlangen als man leisten kann. Entschuldigung, ich wollte nicht, dass alle versuchen vollkommen zu werden. Ich weiß ja selbst, was passiert, wenn man sich so überfordert: Dann steht man vor einem unüberwindlichen Berg und kann die kleinen Schritte in die richtige Richtung, zu denen man noch fähig wäre, nicht mehr tun.“

Ich empfehle, dass wir Paulus Entschuldigung annehmen. Und natürlich fragen wir uns jetzt, was fangen wir mit diesen Ausführungen des Paulus an? Ich schlage vor, da wir uns am Anfang eines neuen Jahres befinden, wenden wir sie auf unsere guten Vorsätze an.

Gute Vorsätze sind ja der Versuch, sich selbst zu ändern. Und das ist wichtig. Wir sind lebendige Wesen. Und Leben bedeutet ja Veränderung. Wir versuchen ein besseres Leben zu führen und wir versuchen ein besserer Mensch zu werden. Hier hilft uns Paulus: Er beschreibt die Richtung, in die die Veränderung gehen kann: Unser Körper, unsere Seele, unser Geist, soll lebendig, heilig und Gott wohlgefällig werden. Ich finde das eine schöne Beschreibung der Zielrichtung meines Lebens. Lebendig und beweglich möchte ich werden. Ich möchte, dem was Gott mir geschenkt hat, entsprechend handeln. Als Richtungsangabe für Veränderungen finde ich diese Sätze sehr nützlich. Und bei Paulus stoße ich auch auf die Hindernisse, die mir bei den Änderungen in meinem Leben im Weg stehen. Das erste Problem ist überhaupt zu erkennen, was Gottes Wille ist. Habe ich mir denn auch das Richtige vorgenommen oder versuche ich etwas zu tun, was weder mir noch irgendwem sonst nützt. Sind meine guten Vorsätze nicht vielleicht in Wirklichkeit schlechte Vorsätze? Ein einfaches Beispiel: Wenn ich versuche abzunehmen, renne ich da nicht vor einem absurden Schönheitsideal hinterher, das schwule Modemacher erfunden haben, damit Frauen wie junge Männer aussehen? Wäre der bessere Vorsatz nicht, meinen Körper so zu akzeptieren wie er ist und dafür zu sorgen, dass ich mich gesund und wohl fühle. Das erste ist also, sich etwas vorzunehmen, was auch wirklich gut tut und gut ist.

Wenn ich herausgefunden habe in welche Richtung ich mein Leben verändern möchte, dann kommen neue Schwierigkeiten: Die alten Gewohnheiten sind stark. Die Menschen in meiner Umgebung sind so an mich gewöhnt wie ich bin, und sie legen meistens Wert darauf, dass ich auch so bleibe. Und natürlich sind da die alten Überzeugungen. Auch die halten mich fest und verhindern, dass ich ein besseres Leben finde. Die Gefahr, mich dem Anpassungsdruck der Welt, in der ich lebe, zu fügen, ist groß. Und dann ist es wieder vorbei mit den guten Vorsätzen. Und deshalb finde ich die letzte Ermahnung des Paulus im Grunde die wichtigste: Übertreibe es nicht, und überfordere dich nicht!

Du musst ja nicht gleich eine Heilige werden. Meistens sind gute Vorsätze zum Scheitern verurteilt. Bereits am 11. Januar habe ich die meisten aufgegeben. Ich habe mir zu hohe Ziele gesteckt. Ich habe zu viel gewollt. Und deshalb ändere ich jetzt überhaupt nichts. Die guten Vorsätze haben ihre Aufgabe erfüllt. Ich habe mich selbst davon überzeugt, dass ich doch nichts machen kann. Und dann lebe ich munter so weiter wie bisher. Schließlich habe ich es versucht. Natürlich ist es erst einmal ein schlechtes Gefühl, dass ich es wieder nicht geschafft habe. Andererseits war das ja der Zweck der guten Vorsätze, nichts ändern zu müssen. Ich habe es erfolgreich vermieden, die kleinen Schritte zu tun, die ich hätte schaffen können.

Paulus hat zwar vor etwa 2000 Jahren seinen Brief geschrieben. Aber er hat ganz gut verstanden, wie Überforderungen wirken, und dass es nichts nützt sich zu überfordern. Also, Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß des Glaubens ausgeteilt, und unsere Aufgabe ist es jetzt mit unserem Maß zurecht zu kommen. Und da lautet die erste Frage, welches sind die kleinen Schritte zur Veränderung meines Lebens, die ich auch wirklich gehen kann. Und da lande ich dann bei solchen Vorsätzen wie ab und zu könnte ich mal versuchen, mich nicht aufzuregen, wenn xy wieder etwas sagt, was mir auf die Nerven geht. Und das ist etwas anderes als mir vorzunehmen immer freundlich zu allen Menschen zu sein.

Ich hoffe für uns alle im Jahr 2004, dass wir uns ein wenig auf das große Ziel zu bewegen, dass unsere Tage lebendig und heilig und Gott wohlgefällig gelebt werden. Und ich hoffe, dass wir die kleinen Schritte finden, die uns in diese Richtung führen. Und dass wir diese kleinen Schritte wirklich gehen.

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