Trümmerfreude

Liebe Gemeinde, –

die Mutter schaut nervös auf die Uhr. Seit einer dreiviertel Stunde ist die Tochter überfällig. Sie geht misstrauisch zum Fenster – nichts zu sehen. Wie mechanisch macht sie sich wieder an ihre Arbeit, konzentrieren kann sie sich nicht. Immer wieder der Blick auf die Uhr. Na, der würde sie erzählen, was es heißt, pünktlich zu sein. Sie geht wieder zum Fenster, es wird dunkel. Von der Tochter ist nichts zu sehen. Jetzt wird der Fernseher eingeschaltet, doch das hilft nur fünf Minuten. Plötzlich springt die Mutter auf, greift zum Telephon und ruft die Freundin an: Ja, die war schon da, aber sie ist schon vor über einer Stunde hier weg, sie müsste längst bei Ihnen sein, hört die Mutter. Genau das hatte sie befürchtet. Wieder aufs Sofa vor den Fernseher, Schreckensbilder martern das innere Auge, – da hört sie Schritte vor der Wohnungstür, eilt in die Diele – doch – die Schritte gehen weiter, wieder Stille. Die Angst lässt keine Tränen zu. Anderthalb Stunden schon. Muss man eins eins null wählen oder ruft man besser die örtliche Polizeistation an? Lachen die vielleicht? – Es geht auf zwei Stunden zu, draußen ist alles dunkel, die Mutter kann nicht mehr still halten, läuft immer wieder händeringend quer durch die Wohnung. Plötzlich wieder Schritte vor der Tür und ehe sie recht horchen kann jenes metallene Klicken im Schloss, das jeden Zweifel ausschließt: Sie ist da! Schnell zieht die Mutter die Tocher in ihre Arme und drückt sie fest. Wahre Gesteins-Brocken fallen ihr vom Herzen. Erleichtert geht ihr Herz wieder auf in Liebe und Freude. Und alle Angst löst sich in Freudentränen.

Jeder hat solche Freude, denke ich, schon erlebt, – und bewahren Sie sich jetzt den Eindruck dieser Freude, denn um genau so eine Freude geht es in unserem Predigttext. Er steht beim Propheten Jesaja im 52. Kapitel. Ich gebe die Übersetzung etwas wörtlicher als die Luther-Bibel:

[TEXT]

Die Wächter Jerusalems, liebe Gemeinde, erspähen ganz weit in der Ferne den Freudenboten. Und das ist für sie wie für die Mutter das Geräusch des Schlüssels im Schloss. Endlich, was man kaum noch zu hoffen wagte, den man erwartete, er kommt!

Der sogenannte zweite Jesaja trat um die Mitte des 6. Jahrhunderts auf, als sich die Israeliten im Exil in Babylon befanden. Jerusalem, die Davidsstadt, an die sich so viele Verheißungen und Hoffnungen Israels klammerten, war von den Babyloniern zerstört, die Führung des Volkes war nach Babylon verschleppt worden. Nun versetzt sich der Prophet in die fernen Trümmer Jerusalems. Er kündigt an, Gott kehrt jetzt als König dorthin zurück, und das wird in Jerusalem unsäglichen Jubel auslösen. Damit aber fragt er seine Gefährten in Babylon: Wartet ihr auch so sehnlich wie die, die in Jerusalem noch übrig sind? Würdet ihr auch so jubeln? Oder habt ihr euch hier im Exil ganz gut eingerichtet und angepasst; so dass ihr gar nicht mehr zurück wollt? Habt ihr euch gar schon an die babylonischen Götter, diese Nichtse gewöhnt? Jahwe, unser Gott, kehrt jetzt heim ins kapputte Jerusalem! Kommt ihr mit und jubelt mit? Oder bleibt ihr hier zurück – satt, aber lau im Herzen?

In der Tat, liebe Gemeinde, war es so, dass sich viele Israeliten nach den vierzig Jahren im fruchtbaren Land Babylons ziemlich wohl fühlten, und als der Perserkönig Kyros die Babylonier besiegte und die Israeliten nach Hause ließ, blieben etliche lieber in der Fremde. – So interessant solche geschichtlichen Dinge sind, liebe Gemeinde, erst wenn wir erkennen, was wir damit gemeinsam haben, gehen sie uns etwas an. Äußerlich haben wir mit den Verbannten in Babylon, oder mit den Restbewohnern im zerstörten Jerusalem wenig zu tun. Aber – wir kennen ähnliche Lebenslagen: Morgen – überflüssig zu sagen – ist Weihnachten und da soll ja irgendwie Gott kommen zu uns. Advent ist die Zeit des Wartens darauf. Und die nähert sich jetzt rasant ihrem Ziel. Warten wir, dass Gott kommt? Wär‘ das nicht etwas grossspurig zu sagen: Ich warte, dass Gott kommt! Ja wäre es nicht zu beunruhigend, wenn wirklich Gott käme? – Aber wir warten doch irgendwie auf etwas Grosses an Weihnachten, auf Erlebnisse der Geborgenheit, auf tiefe, harmonische Gefühle? Also auf etwas, das uns erfüllt und stärkt? Sind nicht die, die sagen: Ach Weihnachten ist doch eigentlich wie immer! Sind das nicht nur die, die sich vor Enttäuschungen schützen wollen?

Und die Trümmer? Trümmer haben wir dies Jahr genug gesehen, darauf will ich gar nicht weiter eingehen. Unsere eigenen Trümmer, das sind die wichtigen. Aber da gilt es erst einmal wieder Einwände abzuwehren: Ich höre da junge Menschen, jung-dynamisch-erfolgreich, und ich höre ebenso Ältere, zufriedene Senioren, die sagen, uns geht’s gut, wir freuen uns aufs Fest, was muss jetzt dieser Pfarrer wieder Trümmer-Stimmung verbreiten? Kann man denn nicht einfach mal abfeiern? – Kann man schon mal, aber nicht, wenn nach zwei Stunden zermürbender Sorge das Kind endlich heimkommt, nicht wenn Gott nach vierzig Jahren in seine Stadt zurückkehrt, nicht wenn in unsere Welt mit ihren Trümmern der Gottessohn geboren wird. Dann ist nicht Spaß angesagt, sondern befreiter Jubel, erlöste Freude, Freude, die weiß, was auf dem Spiel stand; Freude, die weiß, was ihr geschenkt wurde.

Unsere Trümmer, liebe Gemeinde: Da denke ich an Krankheit und Sterben im engsten Freundes- und Familienkreis: "Wir hatten so gehofft", sagt eine Frau, "dass er Weihnachten zuhause sein kann, aber die Ärzte haben’s nicht erlaubt." – Oder all die Spannungen in den Familien: Nie spitzen sie sich so zu wie an Weihnachten: Harmonische Sippen lösen sich auf in versprengte Familientrümmer – zusammengehalten von bissigen oder verhärmten Weihnachtskarten. Nie wird eine Freudenfassade mit soviel Tränen dahinter bezahlt wie an Weihnachten. Und wer ist da schuld? Die anderen!! Ja natürlich, stimmt; aber ich auch. Natürlich haben die mich provoziert, aber ich hätte doch damals an dem Punkt anders reagieren können. Und da hätt‘ ich mal über meinen Schatten springen können, aber ich wollte nicht. Muss man sich den alles gefallen lassen? Und so weiter. Die Frage: Wer ist schuld? bringt da übrigens nur dann etwas, wenn ich sie mir selbst stelle.

Wen, liebe Gemeinde, haben wir da nötiger als den Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündet?

Aber neben den Trümmern, die Schicksal und Schuld schlagen, gibt es noch eine dritte Art Trümmer, die unauffälligste. Einfach dadurch, dass ich mein Leben leben muss. Da höre ich zum Beispiel jemanden sagen: Ja sicher, mein Beruf macht mir schon Spass, in meiner Beziehung geht’s – so meistens gut. Und mit meinen Freunden habe ich auch einen festen Kreis fitter Leute. – Aber wenn das Jahrzehnte so weiter geht, wär das nicht langweilig? Lebe ich eigentlich richtig? Was ist das überhaupt? Wenn man zufrieden ist, oder wenn es einen erfüllt? Oder ist das das gleiche? Ich wollte eigentlich ein guter Mensch sein; gerade in der Adventszeit wollte ich mich darauf besinnen und jetzt ist sie doch wieder verrauscht. Muss ich moralischer sein, – oder mehr glauben, – oder beides? Und was, wenn es nicht Jahrzehnte weiter geht? Wenn was passiert? Was hält mich dann? Oder brauch ich dann keinen Halt mehr? (trotzig) Ach was nützt es, immer auf andre zu vertrauen? Muss ich nicht mein Leben einfach selbst in die Hand nehmen?

So wären wir mitten drin in den Trümmer-Fragen.

Nun sagt aber der Prophet: Die Trümmer sind gar nicht mehr das Schlimme. Entscheidend ist, wie ich in den Trümmern lebe: Man kann sich ja frustriert ins Schneckenhaus zurückziehen und sagen: Ja mei, die Welt, das Leben ist halt so und wird sicher nicht besser. Man muss es halt nehmen, wie’s kommt. Wir sind eben alle nur Menschen. Man muss sich damit abfinden, dann hält man’s schon aus. – So haben ja, wie gesagt, auch einige Israeliten ihren Frieden mit Babylon geschlossen und nicht mehr auf Heimkehr gewartet.

Liebe Gemeinde, jetzt übertragen Sie diese "Wurschtigkeit" mal auf die Mutter, die auf ihre Tochter wartet: "Ja – was weiss ich, vielleicht kommt sie gar nicht mehr, vielleicht ist was Schreckliches passiert, kann man nie wissen, man muss es nehmen, wie’s kommt…" – Zynisch wäre das, sonst nichts!

Eine andere Art, in den Trümmern zu leben, ist die: "So Leute, jetzt packen wir’s an. Wir schaffen das, wenn wir wollen. Gott ist mit den Tüchtigen, nur nicht nachlassen. Wir bauen aus diesen Trümmern die bessere Welt!" Wieder zurück zur wartenden Mutter: Die müsste dann sagen: Aha, meine Tochter kommt nicht, na dann hol ich sie, ich steig einfach ins Auto und such jeden Winkel der Stadt ab, bis ich sie habe. Ausdauer hab ich, die find ich auf jeden Fall!

Schon wieder, liebe Gemeinde, völlig an der Wirklichkeit vorbei. So verhält sich niemand. Die wirkliche Mutter weiss, dass sie gar nichts tun kann als am Fenster zu stehen und zu warten. Sie ist völlig davon abhängig, was kommt, dass etwas, dass die Tochter kommt. Die Mutter ist in völliger Ohnmacht völlig gespannt.

Und die Wächter in den Trümmern Jerusalems? Auch die resignieren nicht in den Ruinen, sie verfallen auch nicht in Aufbau-Hektik, denn die Mittel fehlen. Aber sie sitzen gespannt auf den Zinnen und warten, dass der, der immer zu seiner Stadt halten wollte, wieder kommt.

Und wir? Kleistern wir unsere Trümmer zu mit faden Lebensweisheiten, mit Weltverbesserertum oder einfach mit Alltagsgetriebe?

Die Mutter ist in heller Aufregung, weil sie nicht will, dass das Schreckliche wahr wird. Die Wächter Jerusalems sind gespannt, weil sie nicht auf ihren Trümmern sitzen bleiben wollen. Und wir? Wir müssen uns nicht mit unseren Trümmern abfinden, wir können auf Hilfe hoffen, weil / Hilfe / kommt.

Seid fröhlich, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet. Trösten kann er aber nur die, die ihre Trümmer sehen und zulassen. Wer seine Trümmer verdeckt, lässt sich nicht trösten. Deshalb ist der Advent in der kirchlichen Tradition eine Buss-Zeit, eine Trümmerzeit, weil Gottes Trost naht. Wer kennt nicht trotzige kleine Kinder, die sich nicht trösten lassen wollen. So sollen wir an Weihnachten, wenn uns Gott trösten will, nicht sein. Wie die sorgenvolle Mutter weiss, dass nicht sie selbst sich trösten kann, sondern nur die Ankunft der Tochter, so sollen wir einsehen: Niemand kann über unsere Schuld und unser Schicksal Herr werden wenn nicht der Herr; und der muss jetzt kommen.

So sagt auch der zweite Jesaja zu seinem Volk: An der Verbannung seid ihr selbst schuld gewesen, das sollt ihr wissen; aber die Schuld ist abgegolten. Drum, wenn Gott jetzt kommt, braucht ihr die Augen nicht mehr peinlich auf Eure Trümmer zu senken. Aug in Auge, sagt der Prophet, sehen die Wächter, wie der Herr kommt. Erwartungsvoll wie die Mutter dem Kind, wie die Kinder der Bescherung, mit grossen Augen dürfen auch wir den Herrn erwarten, der tröstet und erlöst, wie eine Mutter ihr Kind umfängt.

Zum Schluss nun sagt der Prophet: Der Herr hat seinen heiligen Arm entblößt vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes. Der Herr erlöst mit starkem Arm und alle Welt sieht es. So dachte der Prophet und ich habe schon gesagt: Es kam nicht so, wie der Prophet dachte: Kyros, der die Israeliten befreite, hat die Erzfeinde, die Babylonier, nicht vernichtet, auch ihre Götter nicht. Und die Israeliten sind eher als gebrochenes Häufchen Elend heimgeschlichen, als dass sie im Triumph in ihr altes Jerusalem eingezogen wären. – Von einem starken Arm, den alle Völker sehen, konnte nicht die Rede sein.

Aber wie ist das mit dem Gott, den wir morgen erwarten? Da könnte man doch sagen: Alle Welt weiss doch in etwa, was Weihnachten ist. Selbst etwa im fernen Japan, wo man nicht dran glaubt, weiss man doch, dass es da dieses Christmas-Fest mit Geschenken gibt. Wissen nicht aller Welt Enden vom Heil unseres Gottes? Wohl kaum, denn sie wissen von roten Weihnachtsmännern wahrscheinlich mehr als vom Kind in der Krippe. Und also haben sie nichts verstanden, was nicht ihre Schuld ist. Das Kind in der Krippe geht leicht unter.

Hier sind wir an dem Punkt, wo wir den Propheten verlassen müssen und getrost verlassen können: Der Prophet erwartet Gottes Triumphzug. Der kam nicht, sondern es kam Weihnachten, die armselige Geburt eines Kindes. Nicht seinen starken Arm hat Gott zu unserem Trost entblösst, sondern einen Säugling. Nicht nur die Enden der Erde, nein sein eigenes Volk hat ihn als Trost nicht erkannt. Ein unoffensichtlicher Tröster.

Liebe Gemeinde, der Prophet sagt es, die Spatzen pfeifen es von den Dächern, die Konsumtempel brüllen es seit September aus vollen Regalen: Sie wissen nicht, was sie tun, aber sie sagen doch das Richtige: Gott kommt. Als Mensch, Aug in Aug tröstet er die, die warten, die hoffen auf Erlösung. Ja er wird sich zertrümmern lassen, um uns aus völliger Ohnmacht völlig zu trösten. "Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt." "Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems!" – Frieden verkündigt der Freudenbote, Gutes und Heil. Mehr geht nicht. König ist der Herr, der Traurige tröstet, der Tränen trocknet, der Trümmer zu festen Palästen verwandelt. Er kommt – schon morgen.

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