Traum oder Wirklichkeit?

Liebe Gemeinde,

wenn die äußeren und inneren Fesseln fallen und Gefängnisse sich öffnen, ist das für den Menschen, den es betrifft, ein großes unbegreifliches Wunder. Der Fall der Mauer in Berlin ist für sehr viele Menschen ein unerwartetes Wunder. Das macht besonders der Film "Deutschlandspiel – Eilig Vaterland" deutlich, der anlässlich des 10 Jahrestages nach dem Fall Mauer im Fernsehen kürzlich ausgestrahlt wurde. Der Machtverlust Milosevics ist ebenso ein Wunder. Auf einmal ist das Gefängnis der Diktatur aufgebrochen und die Menschen sind frei. In Belgrad konnten sie dann nur noch singen und tanzen. Ein Mädchen sagte voller Freude und Dankbarkeit gestern Abend in den Nachrichten: "Wir sind frei! Frei, wie ein Vogel!"

Für alle, die um die Befreiung von den Diktatoren gebetet haben ist es Gott, der die Fesseln der Gewaltherrschaft gesprengt hat. Die Gemeinde hat für Petrus gebetet. In der Thomaskirche in Leipzig gab es das Montagsgebet. Auch in Belgrad werden Menschen gebetet haben!

Wenn einer helfen kann, dann ist es Gott, der allein die Macht hat, aus der Finsternis des Todes zu befreien. Er hat Petrus aus der dunklen und engen Gefangenschaft herausgeholt. Das Licht der Auferstehung Christi dringt bis in unsere tiefste Verlassenheit hinein und erhellt sie. In unserem innersten Gefängnis begegnet uns der "Engel in uns" und will uns zum Licht, zum Leben führen.

Dabei geht er nicht zimperlich mit uns um, wie es Petrus erfahren musste. Er stößt ihn in die Rippen. Er kommandiert ihn. "Steh schnell auf! Zieh dich an! Nimm deinen Mantel und folge mir!" Petrus, noch ganz benommen, hört auf die Wort des Engels und bricht auf.

Gottes Wunder geschehen, indem sie uns mit in die Handlung einbeziehen. Beim Fall der Mauer und in Belgrad war es das Volk, wie wir wissen. Es hat auf seine innere Stimme, seinen Engel der Freiheit gehört, die Angst hinter sich gelassen und den Augenblick der Befreiung wahrgenommen.

Die Betenden erfahren, dass Gottes Macht zuletzt größer und stärker ist, als alle menschliche Macht. In der Auferstehung Jesu Christi bricht Gott die letzte und unentrinnbare Macht des Todes. Das helle Licht des Ostermorgens bricht in unsere Gefangenschaft hinein und befreit uns mit einer Macht, die wir nie vermuten. Es ist wie ein Traum. Es ist unbegreiflich und doch wirklich und geschehen.

Wie tief unsere Fesseln, Angst und Einsamkeit sind, wird an den zu überwindenden Türen und Wachen deutlich. Petrus muss die vier Wächter in der Zelle, je zwei an einer Seite überwinden. Dann muss er die Zellentür hinter sich lassen. Weiter geht es an der ersten und zweiten Wache vorbei. Schließlich muss noch das schwere Eisentor in die Freiheit, in die Stadt, zu den Menschen, hinter sich gelassen werden. Das war ein Hochsicherheitstrakt. Jetzt ist das Gefängnis verlassen und der Engel kann verschwinden.

Diese Geschichte von der Befreiung des Apostels Petrus wird uns nicht erzählt, damit wir an das Wunder glauben. Das wäre viel zu wenig für uns. Es geht nicht darum, was da im einzelnen geschehen ist. Als ein unerwartetes Wunder erleben Menschen auch heute Gottes Macht in der Welt und ihrem ganz persönlichen Leben. Ihr Leben gleicht dem Leiden und Sterben Christi. Die eigenen Möglichkeiten sind ausgeschöpft und an ihre Grenzen angelangt. Was hat sie eingeschnürt und hält sie gefangen? Vielleicht eine Krankheit zu der auch Süchte jeder Art gehören! Vielleicht ist es Schuld, die immer weiter von den Menschen geführt hat. Vielleicht ist es die Abhängigkeit und Angst vor dem Urteil anderer. Vielleicht die Verpflichtung gegenüber von Menschen, religiösen Traditionen und Weltanschauungen. Es sind Menschen und Mächte, die in das eigene Leben wesentlich hineinregieren.

Im Ruf "Wir sind das Volk" oder im Zorn über die verweigerte Anerkennung der gewonnen Wahl folgen die Menschen bedingungslos dem Ruf des "Engels in ihrem Herzen" und streifen so furchtlos alle Ketten ab und überwinden alle Hindernisse. Sie geben uns wie Petrus ein Beispiel. Wir können die Wachen vor unseren inneren Gefängnissen durch das Vertrauen auf die Stimmen und Gefühle in uns überwinden und die Bindungen lösen.

Danach werden wir uns fragen: Ist es Traum oder Wirklichkeit? Bekennend werden wir antworten: Gott hat mit und durch uns selbst eingegriffen! Wir kommen zu uns selbst. Türen öffnen sich. Neue Wege erschließen sich. Wir sind nicht mehr abhängig von anderen. Wir erfahren: Unser Hilfe kommt von außen, von Gott her. Das Licht der Auferstehung, des neuen Lebens hat ein hellen lebendig machenden Schein.

Nach einer solchen Begebenheit der Befreiung, die durch Leiden, Schmerzen und Tod hindurchging, sagte mir mein Therapeut seinerzeit: "Sie sind wieder zu sich selber gekommen! Sie sind wieder Pfarrer! Damit ist die Therapie zu Ende!"

"Da verschwand der Engel, und erst jetzt begriff Petrus: Es ist kein Traum. Der Herr hat mir tatsächlich seinen Engel geschickt, um mich aus der Gewalt … zu retten."

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