Träger gesucht!

In Gedanken, liebe Gemeinde, bin ich durch Fußgönheim und Schauernheim gegangen und habe nach Gelähmten gesucht. Ich sah ein paar ältere, kranke Menschen vor meinem inneren Auge, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, aber auch zwei Menschen in meinem Alter.

Und ich sah noch mehr Menschen. Sie sind auf keine Gehhilfe oder einen Rollstuhl angewiesen. Und doch erschienen sie mir gelähmt, vielleicht sogar noch stärker beeinträchtigt als die Menschen im Rollstuhl.

Nichts geht mehr, sagt der Mann, deren Frau vor einiger Zeit starb. Ich fühl mich manchmal wie gelähmt, sagt eine Frau, die von ihrem Mann hintergangen wurde. Und sie braucht ihre ganze Energie, um das Familienleben aufrecht zu halten. Am Abend ist ihr oft schleierhaft, wie es morgen weitergehen soll. Und ich habe an den alten Mann gedacht, der sich immer mehr und mehr in sich zurückzieht, sich auf keinen Besuch, kein Gespräch mehr einlassen will, der nicht nur die Tür zu seinem Haus abgeschlossen hat.

Und es sind mir immer mehr Menschen eingefallen. Sie wohnen alle nicht weit und viele sind Ihnen vermutlich bekannt. Sie alle haben keinen Schwung mehr, keine Energie, sind längst müde geworden, treten auf der Stelle.

Und sie sind alle sind heute morgen hier. Warum wohl? Wir wissen so gut wie nichts über den Mann in der Predigtgeschichte. Wir wissen nicht, wie alt er war, mit wem er zusammengelebt hat, wie und wann er krank geworden ist.

Er hatte es schwer, in die Nähe Jesu zu gelangen. Jesus war dichtumdrängt von so vielen, das Haus platzte aus allen nähten. Die Menschen standen im Weg.

Im übertragenem Sinn geht das ja heute vielen so.?Herr Pfarrer, ich möchte ja an Jesus glauben, aber ich dringe einfach nicht zu ihm durch, ich schaffe das nicht.?Und oft stehen da Menschen im Weg, wie damals.

Die einen ärgern sich über den Pfarrer oder die Kirchenleitung in Speyer. Die anderen ägern sich über die Gottesdienstbesucher: sobald ich die Tür zur Kirche aufmache, so erzählte mir jemand, fühle ich mich beobachtet, beurteilt, bewertet. Die einen sagen: die Kirche sei zu konservativ, traditionell und verstaubt, alles läuft so ab wie vorgestern. Die Kirchen sind leer, die Gottesdienste sind langweilig. Für andere ist vieles hier schon wieder zu expementierfreudig und modern. Die einen wünschen sich stille Meditation und Vergewisserung in einer hektischen Welt – die anderen gebildete Appetithäppchen, theologische ausgefeilte Reflexionen, wieder andere wollen eine scharfe Attacke gegen die unsozialen Auswüchse der Agenda 21 hören.

Es war wohl schon immer so. Sobald sich Menschen um Jesus scharen, versperren sie sich mit ihren Erwartungen und Vorurteilen gegenseitig den Weg. Sie sehen nur ihre eigenen Anliegen und somit sich selbst. Sie versprerren sich die Aussicht auf Jesus und wollen gar nicht mehr wirklich hören, was er uns heute zu sagen hat.

Wenn jemand heute vor lauter Kirche und Menschlich-Allzumenschlichem hier wirklich auf Jesus trifft, dann grenzt das – mal übertrieben gesprochen – schon an ein Wunder, so wie damals.

Aber auch das Wunder damals fiel nicht vom Himmel. Es vollzog sich in drei Schritten. Die möchte ich Ihnen nun nach und nach vorstellen:

1. Der Gelähmte nimmt Hilfe an.
2. Er wird von Vieren getragen.
3. Das Wunder geschieht: Er begegnet Jesus und wird heil.

1. Das ist ja gar nicht so selbstverständlich: Kann ich Hilfe von anderen annehmen? Stehe ich dazu, dass ich manchmal Hilfe anderer benötige? Oft sagt man mir:?Ich komme allein gut zurecht. Das Schlimmste, was es gibt, ist doch, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, seine Selbständigkeit zu verlieren. Ich bin ja kein Kirchgänger, gewiss! Aber ich halte an meinem Herrgott fest und Beten kann man auch allein.?Ich wünsche mir die Courage, da zu widersprechen! Sicher, selbstständig zu sein ist gut. Wir brauchen alle einander. Wie kein Mensch isoliert und für sich ganz allein leben kann, so kann auch kein Mensch allein glauben Gelähmte nimmt Hilfe an. Wir sind alle von klein auf und auch dann noch, wenn wir längst erwachsen sind, darauf angewiesen, dass andere uns in die Nähe Jesu brachten und immer wieder bringen, wir können ja gar nicht aus eigner Kraft zu ihm kommen. Wir brauchen, dass andere für uns beten, uns seine Worte weitersagen. Wir brauchen Vorbilder, wollen Menschen sehen, die auch an Jesus glauben, durch ihn stark geworden sind. Wir können uns nicht alles selbst erschließen, wir brauchen das Zusammensein mit anderen Christen hier in der Kirche. Einerseits ist es tragisch, aber wahr: Menschen können einander den Glauben an Gott unmöglich machen, den Zugang zu Jesus versperren. Aber andererseits ist es wundervoll und ebenso wahr: Menschen können einander in die Nähe Jesu bringen.

Ich komme zu zweiten Teil: Der Gelähmte wird getragen, von vier Männern. Vielleicht haben Sie ja gerade, als ich über Menschen hier im Dorf, die mir wie gelähmt erscheinen, nachdachte, auch an einen Menschen aus diesem Dorf oder aus ihrem Bekanntenkreis gedacht. Ein Mensch, der Hilfe braucht, weil er – aus welchen Gründen auch immer – momentan wie gelähmt ist. Für ihn oder sie sind Träger gesucht. Vielleicht kommen Sie selbst in Frage? Das wäre schön. Noch besser wäre es, wenn sich zwei oder noch mehr zusammentun und sagen: wir wollen für ihn oder sie Sorge tragen. Denn so geht das nicht weiter, wir wollen vor dem Elend nicht mehr die Augen schließen. Träger gesucht! Heute! Jetzt! Gesucht sind Menschen, die selbst von einem Glauben getragen werden, Menschen, die davon überzeugt sind: Er braucht nicht nur gute medizinische Betreuung, die richtige Therapie, er braucht nicht jemand, der mal zuhört oder die Kinder nimmt oder die Schulden bezahlt; sie oder er braucht noch mehr, sie oder er benötigt neue Hoffnung – und die kriegt man hier, ja, wo denn sonst, in der Kirche, bei Jesus. Obwohl hier so viel Menschen sind und sich gegenseitig den Kopf verdrehen, er, Jesus, ist doch auch noch da, darum sind wir doch letztlich alle hier, oder? Und der kann helfen. Träger gesucht, die für andere beten und dann auch kreativ werden. Auf die Idee muss man schon kommen, da einfach das Dach abdecken! Vielleicht muss man unserer Kirche auch mal aufs Dach steigen, neue Ideen haben, erfinderisch werden, dass der Himmel durchscheinen kann, frische Luft in unsere Versammlungen kommt. Und dann ist es vielleicht bald soweit, wie damals in der Geschichte.

Die Träger haben es geschafft. Der Gelähmte steht tatsächlich vor Jesus. Jetzt kann er ihn sehen. Jetzt kann er ihn hören. Niemand kann von ihm ablenken. Und was sagt Jesus? Wie reagiert er? Was glauben Sie, was haben Sie noch in Erinnerung? In der Bibel steht: ?Und als Jesus den Glauben der Träger sah? – so wichtig sind also die Träger, auf ihren Glauben kommt es an und ihren Einsatz – ?als Jesus den Glauben der Träger sah, da sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!?Wir wissen von dem Gelähmten nur, dass er ein Mensch gewesen ist, wie wir. Ob er ein Schwerverbrecher war oder ein alt gewordener tugendhafter Greis, wir wissen es nicht, aber er war ein Mensch wie wir. Und jeder Mensch macht in seinem Leben fortlaufend Fehler. Manche Fehler fallen nach unserer Einschätzung ins Gewicht, andere vielleicht weniger, wieder andere Fehler wiederholen sich und reiben uns wund. Wir verletzten andere, werden uns selber untreu, machen uns und anderen was vor und vieles mehr. Ich denke, sie wissen, wovon ich rede. Der größte Fehler ist wohl der, dass wir Gott aus unserem Leben ausklammern. Wir suchen ihn nicht, vergessen ihn. Manche rufen:?Um Gottes willen!?Tatsächlich aber haben Sie nur selten nach Gottes Willen gefragt. Und darum ist es gut, immer wieder die Nähe Jesu aufzusuchen, sich von anderen nicht den Blick verstellen lassen, ganz nah an ihn heranzukommen und sich von seinem Wort ins Herz treffen zu lassen.?Mein Sohn, meine Tochter, deine Sünden sind dir vergeben!?Diesen Zuspruch brauchen wir. Und ein Herz, dass daran allen Glauben hängt. Ich bin nicht mehr weit weg von Gott. Sondern ganz nah dran wie der Gelähmte. Ich darf frei sein von allem, was mich lähmt und belastet. Jesus macht mich heil, innerlich heil. Ich glaube, wir alle können spüren, was das bedeutet. In der Predigtgeschichte treten natürlich sofort wieder Menschen auf, die das Wunder der Nähe Gottes und die Glaubensfreude zunichte machen wollen.?Jesus lästert Gott?, argumentieren sie,?Sünden kann nur Gott vergeben.?Das ist doch alles nur Einbildung?, würden heute vielleicht die Zweifler sagen und uns dabei den Blick auf Jesus verstellen. Achten wir doch nicht so sehr auf sie. Suchen wir uns vielmehr Träger aus, Menschen, die uns immer wieder in die Nähe Jesu bringen. Halten wir Ausschau nach Menschen, an deren Glauben wir uns dranhängen können. Und werden wir anderen zum Träger! Gehen Sie mal in Gedanken durch das Dorf!

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