Thymian im Advent

Liebe Gemeinde,

1. Baldrian oder Thymian
Die heutige Predigt lassen wir in einem Kräutergarten beginnen. Und zudem stellen wir an den Anfang ein kleines Ratespiel. Ich frage Sie, liebe Gemeinde: Welches Kraut oder Gewürz kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort „Geduld“ hören? Nun, was fällt Ihnen ein? Nichts – und Sie werden schon gleich ungeduldig? Darf ich tippen? Ich vermute, dass einige von Ihnen an Baldrian denken, weil der doch ruhig macht und Nervosität stillen soll.
War´s Baldrian, was Ihnen eingefallen ist beim Wort Geduld, die Jakobus den „lieben Brüdern, bis zum Kommen des Herrn“ empfiehlt? Mit einer gewissen Frechheit frage ich: Ist ein Schlaf- und Beruhigungsmittel das, was wir Christen brauchen, um bis an´s Ende durchhalten zu können? Nein, falsch geraten, Baldrian ist es nicht, was wir suchen. Das Kraut, um das es geht, ist italienisch pikant. Gesucht wird der Thymian. Nun, da hätten Sie wirklich nicht draufkommen können. Ich habe diese Verbindung auch erst dank meiner Neugierde entdeckt. Ich wollte mir in Erinnerung rufen, welch griechisches Wort, das wir mit „Geduld“ übersetzen, Jakobus verwendet hatte. Geduld heißt auf griechisch „makrothymos“ – „Makro“, das kennen wir aus anderen Fremdwörtern, hat immer etwas mit „Größe“ zu tun. Und „Thymos“ bedeutet „Herz, Leben, Gemüt, Mut“. „So seid nun großen Mutes; lebt mit weitem Herz, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn.“ So müssten wir den Ruf des Jakobus eigentlich wörtlich übersetzen. Und Thymos bedeutet dann eben auch auf griechisch unser gesuchtes Kraut, den Thymian, der – einem Kräuterlexikon zufolge – gegen Bronchitis, Asthma, Erkältungskrankheiten, Kehlkopfkatarrh und Keuch- sowie Krampfhusten wirkt.
So klingt also dies mit: „Liebe Brüder, seid nicht kurzatmig und verkrampft als Christen in dieser Welt.“ Nun, nach dieser – hoffentlich nicht langatmigen Einleitung – halten wir als erstes Ergebnis fest. „Geduld“ ist biblisch verstanden kein Baldrian für die Kinder Gottes. Im Gegenteil, christliche Geduld ist Thymian, Heilkraut gegen Mutlosigkeit und kargen Lebenswillen. In diesem Satz mögen Sie das Ziel dieser Predigt erahnen. Doch ehe wir dorthin gelangen, wechseln wir die Blickrichtung.

2. Mit der Geduld am Ende: Vom Verlust des Einklangs mit dem Leben
„Ich seh‘, meine Geduld nimmt bereits Stock und Hut – ich glaub‘ sie geht mir aus!“, schreibt ein österreichischer Dichter (Nestroy) noch recht lieblich. Was er dort andeutet, erleben wir an uns und anderen (meist sind es Männer) sehr lautstark und gewaltig – bisweilen gewalttätig. Da wird geschrieen, getobt und geflucht. „Mir reißt die Geduld“, brüllt ein Mann auf. „Ich kann nicht mehr“, stöhnt eine innerlich wie äußerlich zusammenbrechende Frau. Es ist ja oft so, das uns Lebenssituationen zugemutet werden, die uns zuwider sind, die wir nicht ertragen können, nicht ertragen wollen und auch – um Gottes Willen – doch nicht ertragen müssen.
Einst hatte man die Religion verdächtig, eine „Opium des Volkes“ zu sein, ein Schlafmittel, um alle soziale Ungerechtigkeit in dösend-religiösem Wahn zu ertragen. Heute produziert die chemische Industrie tonnenweise „Valium“ und andere Pillen, um Kinder, Frauen und Männer ruhig zu stellen. Und wenn das alles nicht hilft?
Was kommt nach dem Ende der Geduld? Wie geht es weiter? Hier nun müssen wir unseren Gedankengang sehr weit auffächern. Eine gewisse Ungeduld ist zur allgemeinen Untugend geworden. Das wissen alle, die im Handel tätig sind. Kundenwünsche müssen sofort und zügigst befriedigt werden. Warten kann heute kaum noch einer. Und warum eigentlich nicht? Warum brauchen wir eine sofortige Erfüllung all unserer Wünsche? Ist es Angst, zu kurz zu kommen? Ist es Angst vor Ruhe? Ist es Angst, die Zeit reicht nicht, alles zu erleben? Brauchen wir nicht doch ein wenig Thymian, um wieder zu längerem Atem zu kommen? Ungeduld kann tödlich werden. Wir müssen das leider immer wieder erleben, wenn irgendwo Bomben explodieren. Da war wieder einer mit seiner Geduld am Ende. Sein Glaube an die kommende Gerechtigkeit ist erloschen. Nun nimmt er den Lauf der Welt selber in die todbringende Hand.
Ungeduld steht im Hintergrund vieler Dinge, die die heutige Wissenschaft prägen. Alles wird manipuliert. Gentechnisch behandelte Pflanzen mögen dafür als Beispiel genügen. Unkraut dulden wir nicht mehr – obwohl seit Jahrzehnten zu viel an Lebensmitteln produziert wird.
Ich erinnere hier an das von Jakobus verwendete Bild des Bauern, der „ wartet auf die kostbare FruFrucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.“ Dieses sicherlich sehr nostalgische Bild erinnert an den Zusammenklang von menschlichem und natürlichem Leben. Und den haben wir verloren. Wir unterwerfen unser Leben einem Gesetz, das ihm fremd ist. Für uns muss alles – auch in übertragenem Sinn – Ertrag und Rendite bringen. „Was habe ich davon“, ist die Ausgangsfrage. Die Mehrung des Geldes, des persönlichen Gewinns, der persönlichen Lust, des eigenen Glücks wird zum Gott, zum Motor des Lebens. Natürlich weiß ich auch, wie wichtig eine Belebung der Wirtschaft ist. Aber das ist doch nicht alles. Der wirtschaftliche Aspekt stellt doch nur einen kleinen Ausschnitt unseres Lebens dar. Wir leben doch nicht, um Geld zu verdienen und auszugeben. Wir leben nicht, nur um glücklich und befriedigt zu sein. Das wissen wir doch, aber scheinbar haben wir keine Kraft, irgendetwas dagegen zu tun. Unser Atem ist zu kurz. Unser Lebenswille zu klein, unsere Vorstellung vom Leben zu eng. Wir haben den Einklang mit dem Leben, dem wahren Leben, verloren. Jakobus schreibt in seinem kurzen und leidenschaftlichen Brief von Bedrängnissen, von Leid und Anfechtung. Er benennt die Probleme, die ihm auffallen. Er kämpft für den Erhalt des urchristlichen Mutes. Seine Parteinahme für die Armen wirkt nahezu kommunistisch. Seine Forderung. dass Glaube im Alltag praktisch werden muss, lässt ihn wie einen religiösen Fanatiker erscheinen. Gegen zwei Fronten kämpft er zugleich. Aber haben wir noch die Geduld, soviel Differenziertheit zu ertragen? Er warnt die Macher, die Ungeduldigen, die alles jetzt und gleich und sofort haben müssen. „So Gott will und wir leben“ (4,15), diese Formulierung aus seinem Brief ist nahezu sprichwörtlich geworden. Sie setzt unserem ungeduldigen Tun, das alles beherrschen und kontrollieren will, eine Grenze zur Linken und sein Satz „Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein“ (1,22) markiert die Warnung zur Rechten, die hoffnungslos, nörgelnd und tatenlos resignieren will. Die Geduld, der christliche Thymian, der unserem Leben Weite und Atem geben will, steht mittendrin. Thymian – die christliche Geduld – ist kein Schlafmittel, aber auch nicht dazu geeignet, uns in Rauschzustände zu versetzen. Sie ist die Kraft, die uns trotz vieler Widerstände leben und handeln lässt.

3. Wer nicht geduldig ist, ist nicht verliebt
„Wer nicht geduldig ist, ist nicht verliebt“, so lautet ein italienisches Sprichwort. Und das führt uns weiter. Das führt uns weiter zur Frage, auf welches Ziel hin wir leben und arbeiten. Natürlich könnten wir hier nun eine ganze Reihe anführen: Erfolg, Glück, Zufriedenheit, Reichtum, Gesundheit und vieles andere mehr. Und wenn ich nun sage, Jakobus erinnert uns daran, dass wir auf Christus hin leben, dann mag Ihnen das als fromme Floskel erscheinen, als religiös wahr, aber lebensalltäglich naiv. Von den drei Sätzen, aus denen unser Predigttext heute besteht, haben wir bislang zwei Gedanken verfolgt.: Die Mahnung zur aufatmenden Geduld, die uns als Christen zur Tat ruft trotz aller Widerwärtigkeit, und zweitens die Mahnung, zum Einklang in den Rhythmus des Lebens zurück zu finden. Sein dritter Satz will unser Herz, wie er sagt, stärken, nicht chemisch und nicht mit Aussicht auf irdische Lust.
Christus wird kommen. Er wird wiederkommen. Der, der am Kreuz leidend sein Leben aushauchte.; der, der am Ostermorgen jenseits des Todes lebend erschien, das ist unser Horizont, unter dem wir leben, so sagt er.
„Wer nicht geduldig ist, ist nicht verliebt,“ behauptet das italienische Sprichwort. Der 2. Advent stellt uns vor die Frage, was wir lieben. Hierauf die Religionsstundenantwort „Jesus“ zu geben, wird uns wahrscheinlich schwer über die Lippen kommen. Aber welchen anderen „Markennamen“, gelungenen Lebens möchten sie stattdessen aussprechen? Die Zeitungen bieten uns täglich neue „Erfolgsnamen“ an. Aber wer möchte schon Bill Gates oder Marilyn Monroe wirklich „anbeten“? Ab 14 Jahre sollte man tiefer blicken können, was Leben bedeutet.
Sie müssen Jesus nicht lieben, aber Sie könnten dennoch einmal darüber nachdenken, wessen Lebensbild dem ihrem liebend zugrunde liegt. Was stärkt Ihr Herz?

4. Starke Herzen schauen nicht auf die Uhr
„Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“
Die Nähe, die Jakobus hier anspricht, lässt sich nicht mit der Uhr oder dem Kalender in der Hand bestimmen. Das ist der Irrtum der unseligen Sekten. Die Nähe des kommenden Jesus, des wiederkommenden Christus in meinem Leben, kann ich nicht zeitlich, sondern nur jetzt bestimmen. Advent bezeichnet den Horizont christlichen Lebens. Den Horizont, auf den ich zuwandere, unter dem ich mich geborgen weiß. Advent ist die Verheißung, das unser Leben besser wäre, wenn wir zum Rhythmus des Lebens aus Freude und Leid zurückfänden. Advent heißt, mit starkem Herzen und viel Atem auf Gerechtigkeit hin zu leben. Advent ist Thymian, nicht Baldrian des Glaubens. Starke Herzen schauen nicht auf die Uhr. Sie leben auf die Ewigkeit hin.

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