Tag der Trauer

Liebe Gemeinde!

„Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte sein Haupt und verschied.“ Mit diesen Worten beschreibt der Evangelist Johannes den Tod Jesu am Kreuz.

Ein verklärter, heldenhafter ja furchtloser Christus begegnet uns hier im Evangelium des Johannes. Diese Erzählung von Jesu Tod am Kreuz unterscheidet sich stark von den Berichten der anderen Evangelisten.

Bei Johannes trägt nicht Simon von Kyrene sondern Jesus selbst sein Kreuz. Er bricht nicht unter der Last der Folter zusammen. Er schreit auch nicht verzweifelt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Souverän trägt er sein Leid und nachdem alles erfüllt ist, wie in der Schrift vorhergesagt, neigt er sein Haupt und stirbt. Diese so ganz andere Schilderung des Todes Jesu gibt wieder, wie der Schreiber des Evangeliums Jesus verstanden hat.

Das Johannesevangelium ist das jüngste der Evangelien. Der Schreiber hat sein Buch wahrscheinlich zwischen 90 und 100 nach Christus verfasst und gehört damit schon zur 3. Generation des Urchristentums. Er sieht so manches aus der Entfernung und legt auf andere Dinge Wert. Was für uns vielleicht unbedingt zu Karfreitag gehört, ist für ihn nicht so wichtig. Die wichtigste Aussage des Evangelisten Johannes ist: „Jesus kam in die Welt damit die Herrlichkeit Gottes offenbart würde“ und diese Herrlichkeit kann auch das Kreuz nicht auslöschen.

Schweigend erträgt daher Jesus, das Lamm Gottes, alles bis zum Tod und kann am Ende sagen: „Es ist vollbracht!“

Es ist vollbracht? Liebe Gemeinde, was hat Jesus eigentlich vollbracht? Diese Frage scheint so einfach zu sein und sie ist es doch nicht.

Für mich jedenfalls wirft Jesu Tod am Kreuz mehr Fragen als Antworten auf und vielleicht finden sie sich bei der einen oder anderen Frage auch mit ihren Fragen und Zweifeln aufgenommen. Oder aber meine Fragen fordern sie zu eigenen Antworten oder zum Widerspruch heraus. Beides ist mir wichtig.

Es ist vollbracht! Was hat Jesus vollbracht? „Jesus ist für uns am Kreuz gestorben, er hat uns am Kreuz erlöst“ so lautet die immer wiederkehrende Antwort. Wie schrecklich denke ich dann! Warum eigentlich muss Blut vergossen werden, damit andere erlöst werden? „Weil es Gott so wollte!“ höre ich zur Antwort.

Noch schlimmer denke ich dann! Ein Gott der Menschenopfer braucht, damit er sich mit seinen Geschöpfen versöhnen kann. Furchtbar! Ich dachte immer Gott ist Liebe? „Das ist ja seine Liebe“, höre ich zur Antwort, „dass er seinen Sohn opferte“.

Also Gott liebt uns Menschen und kann sich mit uns nur versöhnen durch ein Opfer und dieses Opfer ist Jesus, und als er stirbt, hat er es vollbracht, frage ich. „Genau so!“

Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr komme ich ins Zweifeln darüber, ob wir dies heute noch so sagen dürfen. Es mag ja sein, dass diese Interpretation des Todes Jesu zur Zeit des Neuen Testamentes, verständlich und sinnvoll war.

Es war die Fortführung der im Judentum vorhandenen Vorstellung des Passah-Opferlammes, dessen Blut das Volk in Ägypten vor den Racheengeln geschützt hat und es war die Fortführung des jüdischen Brauches des Sündenbockes, wo einmal im Jahr alle Sünden des Volkes einem Bock übertragen wurden, der dann buchstäblich in die Wüste geschickt wurde.

Liebe Gemeinde,
das Kreuz ist für mich kein Hoffnungszeichen. Diesem Bild von Gott, der keinen anderen Plan hat um sich mit uns seinen Geschöpfen zu versöhnen als durch Folter und Tod eines Menschen, seines Sohnes, müssen wir neue Bilder entgegensetzen. Jesus ist doch nicht für uns gestorben, Jesus hat für uns gelebt!

Jesus hat für uns gelebt. Er hat Menschen die frohe Botschaft des Reiches Gottes verkündet. Er hat sich den Menschen zugewandt und ihnen Hoffnung gegeben. Er hat ihnen auch die Augen geöffnet und sie in die Nachfolge gerufen.

Jesus hat Menschen eine neue Perspektive des Zusammenlebens eröffnet und vorgelebt. Jesus hat für uns gelebt. Deshalb trauern wir auch heute und erinnern uns an seinen Tod. Dieser Tod war nicht der Tod eines triumphierenden Königs. Es war der Tod eines Menschen, der durch die Folter gehen musste, der verspottet wurde, in seinem Schmerz allein am Kreuz hing, vielleicht sogar an sich selbst zweifelnd. Er starb umgeben von Gaffern und Neugierigen, die sich bis heute immer noch dort zusammenfinden, wo anderen Leid und Schmerz zugefügt wird. Karfreitag ist ein Tag der Trauer, weil uns vor Augen steht, was Menschen anderen Menschen antun können, bis auf den heutigen Tag.

Deutlich haben wir dies auch in den vergangenen Wochen in den Passionsandachten wahrgenommen, wo wir mit Menschen des 20. Jahrhunderts auf dem Weg der Passion waren. Lebensbilder standen uns vor Augen, die uns deutlich machten, was Menschen anderen Menschen antun können. Jochen Klepper, Sophie Scholl, Elisabeth Käsemann, Martin-Luther King, Camilo Torres und Edith Stein.

Karfreitag ist ein Tag der Trauer, weil wir ausgehend von dem Leiden und Sterben Jesu auch an das unschuldige Leiden und Sterben in der Welt denken.

Und in diesen letzten Wochen wird uns dies in besonderer Weise durch die Bilder von verstümmelten Kindern und verwundeten Männern und Frauen aus dem Irakkrieg eindrücklich vor Augen geführt. Schmerzhaft wird uns an einem Tag wie heute bewusst, wie schwer es anscheinend Menschen fällt, das Gute zu tun, und Menschen die Gutes wollen, nicht als Feinde zu sehen. Karfreitag ist ein Tag der Trauer, weil uns schmerzhaft bewusst wird, wie die Verantwortlichen in Gesellschaft und Politik ihre Macht unbarmherzig durchsetzen.

Karfreitag ist ein Tag der Trauer, weil es letztlich ein Tag der Niederlage Gottes und ein Tag der Niederlage der Menschheit ist.

Jesus hat für uns gelebt, und er wollte diese Welt verändern und er hat sie verändert. Dass man ihn als Verbrecher ans Kreuz genagelt hat, war eine schmerzhafte Niederlage. Jesus hat aber nicht umsonst gelebt.

Was er den Menschen in Herz gelegt hat, ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Der Tod am Kreuz hat ihn und seine Botschaft nicht ausgelöscht. Er lebt weiter und ist bei uns, wenn wir ihn im Herzen tragen.

Menschen erfahren seine Nähe und schöpfen daraus bis auf den heutigen Tag Hoffnung, wenn sie selbst auf schwierige Wegen sind, durch leidvolle Erfahrungen gehen oder gar am Ende sind. Menschen, die an die Botschaft des Jesus von Nazareth glauben, spüren, dass ein wesentliches Kennzeichen des Glaubens die Gemeinschaft mit anderen ist.

Daher gehört die Schilderung wie Jesus zu Maria und Johannes unterm Kreuz spricht, für mich zur wichtigsten Szene in diesem Bibelwort. Das Schreien und Toben der Spötter und Kriegsknechte verblasst angesichts dieser Worte. „Deine Mutter“, „dein Sohn“, sagt er.

Seine letzten Gedanken gelten der Gemeinschaft und das niemand mit seinem Schmerz in der Welt alleine ist. Wenn alles andere vergeht, aber das hat Bestand. Nachfolge Jesu führt Menschen zueinander uns bindet sie einander wie eine Schicksalsgemeinschaft.

Jesus hat für uns gelebt und er wird gegenwärtig sein, wie er verheißen hat: wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind.
In diesem Sinne hat für mich das Abendmahl eine ganz neue Bedeutung. Nicht den Tod, verkünden wir, wenn wir Brot und Wein teilen, sondern die neue Gemeinschaft, die er gestiftet hat. Jesus hat für uns gelebt und so teilen wir auch Brot des Lebens aus.

Auch erinnern wir uns daran, dass Jesus in die Welt kam, damit sie heil wird. Und so trinken wir beim Abendmahl aus dem Kelch des Heils. Jesus stiftet Gemeinschaft, die stärker ist als Leid und Tod.

So ist jeder Karfreitag zugleich ein Appell gegen den Tod und für das Leben. „Es ist vollbracht!“ Dieser Ausruf Jesu ist für mich ein Wort der Zuversicht und Hoffnung. Er ist in unserm Leben gegenwärtig. Sein Leben war nicht umsonst.

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