Suchen und Finden

Suchen und Finden. Das ist, liebe Gemeinde, das Motto dieses Jahres der Bibel, das ist auch eine gute Überschrift über unsere heutige Predigt.

Wenn wir etwas verlieren, dann ist das ärgerlich. Das kennt jeder. Diesen Schreck. Das Suchen. Eben hatte ich es doch noch …

Einmal, da habe ich mein Portemonnaie verloren, mit allen Ausweisen drin, mit Geld, mit Karten. Es konnte gar nicht gestohlen worden sein. Ich wusste ich hatte es zu Hause. Das Haus verliert doch nichts. Nichts. Wir haben es bis zum heutigen Tag nicht gefunden.

Das war keine große Krise und erst recht keine Katastrophe. Aber geärgert habe ich mich schon.
Ich wusste ja, wie ich das meiste wiederbeschaffen konnte. Mein Ärger galt wohl mehr der eigenen Schusseligkeit und der zu erwartenden Mühen der Wiederbeschaffung und der Behördengänge, die nun auf mich zukamen, als dem tatsächliche Verlust.

Anders ist, wenn wir etwas verlieren, was wir lieben. Und noch schlimmer, wenn wir jemanden verlieren, den wir lieben. Dann ist unser Gefühl etwas anderes als Ärger, dann bestimmt Schmerz und Trauer und Verlassenheit und Ohnmacht unser Fühlen und Handeln.

Auch wenn es niemals mehr so sein wird, wie es war, auch wenn wir den Verlust eines Menschen immer schmerzlich spüren werden, so ist doch noch Hoffung da, dass wir lernen mit dem Verlust, mit unserem Schmerz zu leben. Es wäre noch einiges darüber zu sagen, wenn Menschen, Menschen verlieren, auch darüber, wenn Menschen sich selbst verlieren oder sich verloren vorkommen. Schlimm ist es, wenn Menschen sich verloren vorkommen, oder verloren fühlen, wenn Menschen nichts mehr mit dem Leben anzufangen wissen, wenn Menschen ihren Lebenssinn verloren.

Ich denke dabei auch an jene die ihre Hoffnungen und Träume verloren, an jene, die in der Partnerschaft die Liebe füreinander verloren, oder auch an die vielen Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren. Suchen und Finden.

Vom Verlorensein, vom Suchen und vom Finden handeln auch zwei Gleichnisse, die Jesus erzählte, und wir wollen in den folgenden Gleichnissen, wenn wir vom verlorenen Schaf hören oder vom verlorenen Groschen, über das Gleichnis hinaus auch all das Verlorene mithören, das uns dabei noch in den Sinn kommen mag.

[TEXT]

Liebe Gemeinde,
die Pointe dieser Gleichnisse ist den Gleichnissen eigentlich schon vorausgeschickt. „Jesus nimmt die Zöllner und Sünder an und isst mir Ihnen.“ Es geht nicht um Schafe oder und auch nicht um Silbergroschen, die verloren gehen, sondern um Menschen, die abseits der frommen, das hieß früher der bürgerlichen Gesellschaft stehen. Und es geht im Eigentlichen auch nicht mehr um ihr Verlorensein allein , sondern darum, dass Gott niemanden verloren sein lässt, dass er ihm nachgeht, dass er sich freut, wenn der Mensch sich Gott zuwendet.

So ist Gott eben, dass er keinen abschreibt, keinen aus den Augen verliert und keinen verloren gehen lässt. Alles klar also?

Ich denke nicht. Denn wenn wir einmal diese Gleichnisse in unseren Alltag hineingesprochen hören, da wird sich auch vieles Verlorene finden, dem keiner mehr nachgeht. Aus den Augen, aus dem Sinn. Vom Suchen, geschweige denn vom Finden ist kaum noch die Rede.

Oft suchen wir das nicht das Verlorene, sondern suchen uns viel schneller und zeitsparender Ersatz, weil angeblich nichts und niemand unersetzbar ist. Würde heute nicht der Schäfer einer großen Herde sagen, er würde die gesamte Herde nicht aufs Spiel setzen und alleine lassen, um eines verlorenen Schafes willen, von dem man nicht einmal weiß, ob man es wiederfindet? Das wäre doch unökonomisch und unvernünftig. Auf den einzelnen Rücksicht nehmen und die anderen vernachlässigen.

Und erleben wir nicht täglich im Wirtschaftsleben, dass eben genau anders gehandelt wird. Ich kann, sagte mir, um meinem Unternehmen das Überleben zu sichern, wirklich keine Rücksicht auf den Einzelnen nehmen. Wenn ich entlassen muss, muss ich eben entlassen.

Liebe Gemeinde, ich meine beobachten zu können, dass der Einzelne in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren immer mehr an Wert verliert. Das gilt eigentlich für alle Bereiche.

Der Einzelne verliert an Wert. Kaum einer, der, wenn er die Arbeitslosenzahlen hört, sich die Mühe macht das Schicksal des Einzelnen zu betrachten und zu würdigen. Ob Viermillionen oder 4,3 Millionen Arbeitslose: Hören wir da wirklich noch den Unterschied. Hören wir denn überhaupt noch hin und sehen, was das für den Familienvater oder die Alleinerziehende Mutter und für deren Kinder bedeutet: Arbeitslos zu sein?

Der oder die Einzelne verliert an Wert. Wer kümmert sich um die Gescheiterten, die Verlorenen der Gesellschaft, die heutigen Zöllner und Sünder? Ich denke da etwa an die Obdachlosen, die Penner, die Drogensüchtigen im Frankfurter Bahnhofsviertel, die an Aids Erkrankten, die Asylbewerber. Ich denke, die Beispiele ließen sich noch eine ganze Weile fortsetzen, wenn wir bedenken, wie viel kranke und pflegebedürftige Menschen letztlich zu einem Kostenfaktor degradiert werden.

Für mich, liebe Gemeinde, enthalten die beiden Gleichnisse zwei Botschaften.
Zunächst einmal eine Botschaft an die, die abseits stehen, die verloren gehen, die ihren Lebenssinn verloren, die vom Weg abgekommen sind. Und die Botschaft lautet: Gott lässt dich nicht verloren gehen. Er gibt dich nicht auf. Er geht dir nach. Denn er hat dich nach seinem Abbild geschaffen und erst mit dir ist darum auch Gott vollkommen. Oder wie es in der Bibel heißt: Auf dass Gott sei alles in allem. Und es wird eine große Freude sein, wenn er dich findet.
Auch dich, der vielleicht seinen Glauben verloren hat, auch dich und im täglichen Kampf zur Überzeugung kam, es sei besser an nichts und niemanden zu glauben.

Gott aber glaubt an dich.
Gott bist du nicht egal. Er sorgt sich um dich. Ich glaube, dass Gott jedem und jeder nachgeht. Ob er sich verirrt hat, oder weggelaufen ist, ob er die Orientierung verloren hat oder meint ganz allein den richtigen Weg zu wissen.
Gott geht dir nach und sucht dich, weil alles, was Gott geschaffen hat in ihm auch zusammengehört. Er kennt dich mit Namen, Er hütet dich, wie es in der Bibel heißt, wie seinen eigenen Augapfel. Und ich denke, wir wollen neu dieses Vertrauen lernen, dass Gott uns nachgeht, dass er uns nicht alleine lässt.
Und dann, liebe Gemeinde, hat diese Geschichte, die man vielleicht nur mit den Augen der Armen lesen und mit den Ohren der Ausgeschlossenen hören kann, die damals Zöllner und Sünder heißen und heute viele Namen tragen, dann hat diese Geschichte noch eine andere Botschaft.

Eine Botschaft an die Gemeinden, an die Christinnen und Christen an uns. Verliert nicht den Mut, dem Verlorenen nachzuspüren. Versucht eine Gemeinde zu sein, die dem Einzelnen nachgeht und nicht nur auf große Zahlen schaut. Versucht eine Gemeinde zu sein, die davor warnt, wenn der Wert und die Würde des Einzelnen verloren geht. Seid bitte so unvernünftig, wie Gott es ist und kümmert euch, sorgt euch, um den einzelnen Menschen. Denn Gottes Unvernunft ist nichts anderes als seine Liebe.

Darum trachtet danach, dass die Liebe Gottes euer Herz erfüllt und euer Handeln bestimmt. Bewahrt euch den Blick für den Einzelnen. Und verwahrt euch dagegen, wo alle in eine Schublade gesteckt werden. Verwahrt euch dagegen, wenn ökonomische Zwänge im Zeichen leerer Kassen dazu führen, dass man sich sogar noch die Liebe zum Mitmenschen spart. Prüft euch, bitte, bitte prüft euch, ob ihr euren Glauben so lebt, dass auch andere dazu eingeladen sind, prüft euch, ob eure Gemeinde, eine Gemeinde ist, die das Verlorene sucht, oder eine, die sich mit dem Verlust so vieler Menschen, die sich von der Kirche und dem Glauben entfernt haben, einfach abfindet. Wo gibt es Möglichkeiten sie zu suchen und zu finden? Wenn alles beim Alten bleibt, verlieren wir eine gemeindliche Dynamik, die auf die sogenannten Kirchenfernen zugeht. Tradition ist wichtig. Sie ist das Fundament. Sie ist niemals aber das ganze Haus.

Und nun liebe Gemeinde, hätte ich fast das vergessen, was an diesen Gleichnissen das Wichtigste ist, nämlich die Freude Gottes über jeden, der sich finden lässt, über jede die umkehrt auf den Weg des Lebens, über jeden Menschen der erst gar nicht verloren geht und die Freude auch über Christinnen und Christen, die sich selbst noch freuen können. Freude auch über eine Gemeinde, die ihre Liebe zu Gott und den Menschen noch nicht verloren hat. Vielleicht sind ja wir sogar die, die heute einen neuen, eine guten Grund finden zu glauben und ihren Glauben zu leben. Vielleicht sind aber auch wir es, die heute spüren, dass sie sich schon ganz schön weit von ihrem Hirten entfernt haben. Es wird eine große Freude im Himmel sein, wenn wir umkehren zu Gott, umkehren auf den Weg der Liebe Gebe Gott, dass wir uns von ihm finden.

drucken