Stückwerk

Liebe Gemeinde,

die längste Zeit im kirchlichen Jahr ist die Trinitatiszeit. Sie beginnt heute mit dem des Trinitatissonntag. Sie kann bis zum 24. Sonntag n.Tr. gehen. In diesem Jahr sind es 23. S.n.Tr. Sonst gibt es immer nur einige Sonntag nach den großen kirchlichen Festen. Aber nach dem Fest der Dreieinigkeit Gottes, in kirchlicher Fremdsprache Trinitatis, zählt die Festzeit fast ein halbes Jahr.

Unser Predigttext hat zwei Schwerpunkte. Zum einen werden Sie zu bestimmten Verhalten ermahnt. Zum anderen soll Ihnen die kirchliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes verständlich werden. Ob beides heute morgen gelingt, sei dahingestellt.

Bei den Empfängern des zweiten Korintherbriefes scheint alles andere zuzutreffen, als ein gutes christliches Miteinander. "Freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden!" fordert der Schreiber. Das fordere ich doch nur dort, wo es fehlt- oder?. Ganz sicher gab es Zoff in Korinth! Warum auch nicht?

In der Gemeinde und Kirche muss gestritten werden. Nur haben wir es nicht gelernt. Streit wird schon gleich zu Beginn abgewürgt, weil es sich in der Kirche nicht gehört. Als Christen streiten wir nicht. Der Streit sollte auch nicht als zähes miteinander Ringen um unseren Weg abmildert werden. Wir sollten keinen Streit vermeiden, wenn er angesagt ist. Nicht christlich unter den Teppich kehren, klein beigeben, sondern offen streiten. Allein – wie können wir miteinander als Christen in der Gemeinde streiten?

Die Maßstäbe dafür wären zu erarbeiten. Aber einige Anstöße trotzdem dazu. Der Predigttext fordert auf, offen für das zu sein, was die anderen uns sagen. Das beinhaltet ja nicht, es danach zu tun. Offen zu sein für die Ängste und Befürchtungen der anderen Seite, nimmt die anderen ernst und lässt die eigenen Ängste und Befürchtungen vielleicht klarer werden. Den anderen zumuten, dass er es genau so gut meint, wie wir selbst. Vielleicht ist es ja besser um der Mehrheit willen oder auch gerade um der Minderheit willen einzulenken. Demokratisch gefundene Lösungen sind wohl immer noch die am meisten angenommenen Lösungen. Aber eine Mehrheit kann auch um des einen anderen Willen ihre Mehrheit für ihn einsetzen. Hintergrund dafür ist, weil wir lieben. Da gehen wir einen anderen Weg, der der Form halber dann ja mehrheitlich beschlossen werden kann.

Christen gehen im Geist der Liebe Christi anders miteinander um, als es in der Welt üblich ist. Nur, wir Lehrer der Kirche haben das zumeist nicht gelernt und lehren es auch nicht.

Frieden halten heißt nicht, um irgendeines Grundes Willen, der Gemeinschaft, der Kirche oder Jesu Willen ja zu sagen. Der Frieden fängt erst einmal ganz tief in uns selbst an. Er kann dort sein, wo wir uns ganz in Jesus Christus geborgen wissen.

Aus dieser Geborgenheit heraus streiten wir um Lösungen, die darum wissen, dass Gott uns zu dem Ziel führt, das er mit uns anstrebt. Sein Ziel umschreiben wir mit seinem Reich, in dem Gerechtigkeit und Frieden zu Hause sind. Bei Gott geht es um ein gemeinsames Leben, in dem wir alle trotz unterschiedlichster Vorstellungen miteinander leben können. Dort fühlt sich niemand mehr als Verlierer, auch wenn er unterlegen ist. Dort kann miteinander gesprochen werden, auch wenn die Meinungen noch unversöhnlich gegeneinander stehen.

Es ist gut, so den Blick über uns hinaus zu werfen. Diese Gemeinde, nicht eine einzige, gehört uns selbst. Dass Menschen glauben können, das Du und ich glauben können, ist nicht auf unserem Verdienst und Mist gewachsen. Es ist einzig und allein Gottes Geschenk an unser Leben. Ihm verdanken wir die Gemeinschaft der glaubenden Menschen hier und weltweit. Als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erachtet uns Gott für würdig und wichtig, hier an unserem Ort uns einzubringen, zu glauben und zu vertrauen. Jeder einzelne Dienst ist an seiner jeweiligen Stelle wichtig und richtig.

Der Friede, den Christus gibt, ist doppelseitig. Er hat uns Frieden mit Gott gebracht. Gott hat uns durch Christus mit sich selbst versöhnt, bekennen wir mit den ersten Christen. Der Frieden mit Gott bewirkt zugleich Frieden mit uns selbst und den Menschen. Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen, also in unser Leben hineingegeben. Sie ist wie das Licht der Kerze. Sie muss sich in dieser Welt, in unserem Leben verzehren. Sie ist wie das Wunder von der Speisung der 5000. Am Ende ist unzählbar mehr davon noch übrig, als wir eingesetzt haben. Die Liebe ist ohne Ende.

So ist sie Maßstab unseres Handelns. Im menschlichen Miteinander voller Gefühl und Nähe. In der Sache ringen wir nach Lösungen, die möglichst weit über die notwendig zu beachtenden Mehrheitsverhältnisse hinaus gehen. Weil dann auch Frieden sein kann, wenn sich niemand über den Tisch gezogen weiß.

Über das Miteinander als Gemeinde und Christen in der Welt lässt sich einfach viel mehr sagen, als über Gottes Dreieinigkeit. Warum ist Gott drei in einem?

Wenn ein Mensch innerlich gespalten ist, dann weiß die eine Person von der anderen nicht, was sie wirklich tut. Sie sind gewissermaßen unabhängig voneinander. Wir sind eine Person in einem Körper. Aber in unseren Funktionen, in dem, was wir für andere sind und auch leben, sind wir unterschieden. Ich bin zugleich Bruder meiner Geschwister, Vater meiner Kinder, Kind meiner Eltern, Lehrer der Gemeinde, Rentner für die Versicherungsanstalt, Patient für meinen Arzt, Kapelle für das Abendgebet, Autofahrer für die Radler, Freund für die einen, Feind für die anderen. Das lässt sich beliebig weiterführen. Aber immer bleibe ich in diesen verschiedenen Weisen und Aufgaben, die damit verbunden sind, ich selbst.

Gott begegnet uns in Jesus Christus als Bruder, Erlöser, Befreier. Er leiden mit uns. Er stirbt mit uns. Er ist auferstanden, wie er uns aufstehen lässt. Er ist ganzer Gott und zugleich in Jesus Christus ganzer Mensch. Gott begegnet uns im Heiligen Geist als Tröster, der uns ermutigt, der uns Kraft gibt, der uns begleitet, der uns Glauben weckt und stärkt, der sich uns und unserer Sache annimmt. Auch das können wir beliebig weiter fortführen. Wir können unsere Erfahrungen mit Jesus Christus einfügen. Gott bleibt Gott als Vater, als Sohn und als Geist. Er ist ganz Geist, als Gott und Sohn. Er ist ganz Sohn als Geist und Vater, er ist ganz Vater als Geist und Sohn. Er ist uns nah, weil er seinen Himmel mit Jesus Christus in die Welt brachte.

Wir reden von Gott. Wir beschreiben ihn. Wir erzählen eine ganze Menge Stuss über ihn. Er setzt sich unseren Missverständnissen aus. Er kann das, oft im Gegensatz zu uns, ertragen. Wir müssen uns bewusst bleiben, dass all unser Erkenntnis und Erklärung Stückwerk und vorläufig sind. Einmal werden wir ihn von Angesicht zu Angesicht erkennen. Auch uns werden wir dann erkennen, wer wir in Wahrheit gewesen sind. Das muss uns nicht bedrücken, denn es wird im Geist der Liebe und Versöhnung geschehen. Gottes Wort gilt, dass er für uns Gedanken des Friedens und nicht des Leidens hat. Es gilt, dass wir leben sollen, wie Christus lebt.

Das können wir in den nächsten 23 Sonntagen nach Trinitatis nach allen Seiten und Längen, Höhen und Tiefen christlichen Glaubens und menschlichen Lebens ausleuchten. Wir werden dabei immer wieder neu erfahren, wie Gott sein Versprechen wahr macht. Er wird als der Gott der Liebe und des Friedens mitten unter und in uns sein.

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