Stolz, ein Deutscher zu sein?

Liebe Gemeinde!

Wer von ihnen Schach spielt, der weiß, was ein Bauernopfer ist. Der absichtliche Verlust, das Preisgeben eines Bauern, um eine andere Figur zu retten. Im Leben ist Bauernopfer das Bild für die grausam einfache Regel: einer stirbt für andere.

In der vergangenen Woche war die Politik in Berlin wieder einmal in großer Aufregung. Umweltminister Trittin sollte gehen. Die Opposition verlangte eine namentliche Abstimmung – und unterlag. Der Noch-Minister blieb im Amt. Wie lange noch, bleibt abzuwarten und die Grünen stellten sich eher halbherzig hinter ihren Mann. Trittin musste nicht dafür gehen, dass er Generalsekretär Mayer zuvor mit einem Skinhead verglichen hatte. Denn der hatte gesagt: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.

Die Debatte, die sich darüber entspann, passte in die Zeit. Gut dreißig Jahre danach werden zur Zeit die 68-ger aufgerollt. Minister werden darüber befragt, mit wem sie vor dreißig Jahren in einer Wohngemeinschaft gelebt haben. Ob sie mit einer damals noch nicht als solchen bekannten Terroristin vielleicht zusammen gefrühstückt hätten. Der Außenminister und die RAF. Der Umweltminister und der Nationalstolz. Wie ist ihr Verhältnis zur Gewalt, wie damals und wie heute? Die Krawalle von damals müssen sie heute auch noch verurteilen, rufen die einen. Die 68-ger haben die Demokratie in Deutschland weitergebracht, sagen die anderen.

Und dann kommt eben so ein Satz: Ich bin stolz, ein Deutscher sein. Was heißt das denn? frage ich mich. Heißt es: ich bin stolz, dass es uns heute gut geht, dass wir heute im Frieden leben? Ich habe daran keinen Verdienst. Heißt es für mich: ich bin stolz, 1966 in München geboren worden zu sein? Das haben meine Eltern entschieden. Bin ich stolz auf die deutsche Geschichte? Lückenlos oder nur bis 33 und ab 45? Bin ich stolz auf die deutsche Kultur, die großen Dichter wie Goethe oder Schiller? Kann ich ein Gedicht von ihnen und sind wir auch stolz auf Böll, Kroetz oder Hochhuth? Bin ich stolz, ein Deutscher zu sein, weil ich kein Franzose, Afghane oder Togoer bin?

Zugegeben, Jürgen Trittin hat sich als Antwort zu einer ebenso sinnlosen Behauptung hinreißen lassen. Nicht jeder, der stolz ist, ein Deutscher zu sein, ist automatisch Skinhead. Doch die Debatte, was wir für ein Verhältnis zu unserer Geschichte haben, ist noch immer nicht abgeschlossen. Und das Thema „Gewalt“ ist immer präsent, im Faschismus von heute wie in der Passionsgeschichte damals. Im dritten Reich wie im Nahen Osten.

Erst kürzlich hat sich die ARD getraut, das nach wie vor schwierige Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, die Vertreibung der Deutschen zu dokumentieren. Unermessliches Leid, viele Erklärungsversuche und doch nur Opfer.

Und auf der Einführung der neuen Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler am vergangenen Sonntag erinnerte Charlotte Knobloch von der israelitischen Kultusgemeinde an das nach wie vor ungeklärte Verhältnis zwischen Juden und Christen. Sie sagte: „Viele sehen in den Juden immer noch eine Zielgruppe für die Mission, glauben, dass die Juden verirrte Schafe sind, denen nur die Bekehrung zum Christentum Heil bringen würde.“ Das Bewusstsein der gemeinsamen Kindschaft zu Abraham als Vater des Glaubens würde nach wie vor fehlen. Und so Knobloch zur neuen Regionalbischöfin: „Dialog ist nur möglich, wenn wir unsere gemeinsamen Wurzeln kennen und jeder der Partner sich seiner Tradition bewusst ist.“

Es mag sein, dass manchem von ihnen diese Gedanken heute morgen zu wenig evangelisch sind, vielleicht auch zu politisch. Aber als ich den Predigttext für den heutigen Sonntag gelesen habe, bin ich auf genau diesen Zusammenhang gestoßen. Auf Politik und Glaubensfragen. Und ich gehe so weit, zu sagen: diesen Abschnitt aus dem Johannesevangelium kann man nicht unpolitisch predigen. Im heutigen Predigttext geht es um ein Bauernopfer, um den Tod eines Juden, um das Thema: "Einer für alle" geht.

Die Ausgangslage: Ein großes Fest, das Passah, steht vor der Tür. In Jerusalem werden fünfmal soviel Besucher und Besucherinnen erwartet als die Stadt Einwohner hat. Der Hohe Rat muss für die Sicherheit und Ruhe Vorkehrungen treffen. In frischer Erinnerung ist noch, wie einmal die zu militanten Aufstand neigenden Galiläer die Römer provozierten. Diese schritten brutal ein und richteten ein großes Blutbad unter den Festgästen an. Die Drohung, beim nächsten Mal noch grausamer zuzuschlagen, ja sogar die völlige Vernichtung des Staates Israels, Deportation aller Bewohner, Beschlagnahme allen Besitzes, hängt wie ein Damoklesschwert in der Luft. Dieser Drohung konnte der Hohe Rat nur durch vorbeugende Maßnahmen entgehen. Zumal auch dieses Jahr mit Unruhen zurechnen ist, wo dieser Nazarener mit so vielen spektakulären Großaktionen Aufsehen erregt. In jüngster Zeit sogar einen Toten auferweckt hat. Hören wir in die Beratungen hinein. Ich lese aus dem Johannesevangelium, im 11. Kapitel, die Verse 47 bis 53:

[TEXT]

Es ist eine politische Entscheidung. Unter den geschilderten Sachzwängen klingt der Rat des Kaiphas sehr staatsmännisch und weise: "Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe."(50) Daraus spricht Verantwortung und Geschichtsbewusstsein: Damit alle gesichert werden, muss einer – aber eben ein anderer – geopfert werden. Ein Sündenbock muss her.

Als am 5. September 1977 der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von der linksextremen Rote Armee Fraktion entführt worden war, galt es auch eine Entscheidung zu treffen: Darf der Staat den terroristischen Forderungen nachgeben, darf er das Leben eines Einzelnen auf das Spiel setzen? Und dahinter steht die Frage: Wie viel ist ein einzelnes Menschenleben wert?

Bei Schleyer musste meines Wissens Helmut Schmidt diese Entscheidung treffen, zur Zeit Jesu ein Mann namens Kaiphas. Beneiden war keiner von beiden. Für Kaiphas war die Lage ernst, wenn er nicht die Lage unter den Juden unter Kontrolle hätte, dann würden die Römer alles platt machen. Ohne Rücksicht auf Menschenleben. Ohne Rücksicht auf heilige Orte – siebzig Jahre nach Kaiphas wurde ja der Tempel in Jerusalem zerstört. Da ist die Entscheidung des Hohen Rates nur allzu verständlich: Besser einer wird geopfert, als dass alle sterben. Besser einer tot als alle unterdrückt. Lieber Gewalt an einer Person als Gewalt gegen alle.

Ich male das so deutlich aus, weil ich für Kaiphas werben möchte. Jenen jüdischen Politiker, der doch gar nicht anders handeln konnte. Kurz zuvor hatte Jesus einen Menschen auferweckt: Lazarus, der immerhin schon drei Tage tot war. Wenn das jetzt weiter ging. Dieser Jesus ist doch nicht zu halten. Noch eine Äußerung dieses Menschen, vielleicht gar ein Satz wie „Ich bin der König der Juden“ und der Aufstand ist da und dann Gnade uns Gott! Kaiphas konnte nicht anders entscheiden!

Wie sagte Charlotte Knobloch am vergangenen Sonntag: „Noch immer sehen Christen die Juden als die Gottesmörder an, geben ihnen die Schuld am Tod des Heilands!“ Deswegen mein Verständnis für Kaiphas. Denn hier schließt sich der Kreis aus Nationalstolz, Passionsgeschichte und der Gewaltfrage. Und ich will die Gedanken einmal ein wenig durcheinanderwirbeln lassen: „Besser ein stirbt, als das ganze Volk. Besser Schleyer opfern als von Terroristen erpressbar. Kaiphas ist Schuld, ein Jude. Wer die deutsche Geschichte leugnen, macht sich schuldig. Gottesmörder. Die Juden sind unser Unglück. Ich bin stolz ein Deutscher zu sein. Skinhead. Wer das sagt, kann nicht Mitglied der Bundesregierung sein. Kaiphas ist Mitglied der jüdischen Regierung. Einer muss sterben. Die Juden müssen sterben. Holocaust heißt wörtlich das Opfer aller.“

Wir machen es uns zu leicht, wenn wir die Geschichte in gut und böse unterteilen. Der Tod Jesu war ein Opfer der politischen Zweckmäßigkeit. Auch das steht im Johannesevangelium. Wir erleben Gott als Opfer der Politik. Gott stirbt den Tod am Kreuz, weil sein Tod ein Problem zu lösen scheint. Ein Bauernopfer. Schon immer scheint es Menschen leichter gefallen zu sein, einen Menschen zu töten als einen Konflikt auszuhalten. So treffen sich am Kreuz die Opfer: Auschwitz, Golgatha, Kosovo, jeder Ort des angeblich nötigen und sinnlosen Opfers ist Golgatha. Gott geht mit in den Irrsinn der Menschen. Macht sich zum Bauernopfer, zum Menschenopfer. Lässt sich verfolgen, verprügeln, missbrauchen, vergewaltigen, vergasen, abtreiben, töten …

„Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!“ Für mich riecht dieser Satz nach Kaiphas. Mächtig, klug erklärbar und irrsinnig menschlich. Und keiner von uns ist hier ohne Schuld. Die perfide Logik des angeblich zweckmäßigen hat uns schon längst erfasst. Wer gibt denn einem schuldig gewordenen Menschen eine zweite Chance, opfert ihn nicht dem Sachzwang? Um oben zu bleiben, muss man doch Opfer bringen.

Als die Jünger einmal von Jesus wissen wollten, ob sie bei ihm nicht zur Rechten oder zu Linken sitzen dürfen, sagte er ihnen: „Ihr wollte die ersten sein? Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“

Im Kreuz stellt Gott die Welt auf den Kopf. Kein Stolz, nur Leid. Keine Politik, das offenkundige Scheitern als Programm. Der Wahnsinn muss durchlitten werden um zu gewinnen. Ein Kaiphas meint, politisch klug zu handeln wie es seine Politiker-Kollegen heutzutage auch noch denken. Und Gott verwandelt Logik der Macht in die Torheit der Welt.

„Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!“ Nach Golgatha – egal zu welcher Zeit und an welchem Ort – kann ich diesen Satz nicht mitsprechen. Stolz ist das letzte, was unter dem Kreuz Platz hat. Die Botschaft ist vielmehr: Lasst uns erinnern, hoffen, für Gerechtigkeit eintreten, Schwache schützen, Sachzwänge aufbrechen, Hoffnung pflanzen. „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt."

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