Stimmen

(1) Stimmen, liebe Gemeinde – sagen Sie: wer hört denn heute noch ernsthaft auf Stimmen? Wer Stimmen hört, gehört in fachärztliche Behandlung. – Dabei: Stimmen umgeben uns, Sie, mich. Sie hören mich. Eben noch habe ich Sie gehört. Da sind die Stimmen der Menschen, mit denen Sie zu diesem Gottesdienst kamen, fröhliche Weihnachtswünsche haben Sie ausgetauscht. Die Weihnachtslieder hier und in den letzten Tages schon. Oder gar nicht weihnachtlich, sondern ganz alltäglich: Laute Worte auf der Strasse, getuschelte Worte, der Nachrichtensprecher im Fernsehen ebenso wie das Radio, dass sie vielleicht morgens aus Ihrem Schlaf abholt.

Wir hören Stimmen, Sie, ich.

(2) Manche Stimmen erreichen uns. Manche gehen in uns ein, gehen zu Herzen, manche gehen zum einen Ohr hinein und zum andern wieder heraus, manche stoßen auf taube Ohren. Stimmen. Wir hören Stimmen. Viele, manchmal zu viele. Laut die einen, so leise und unauffällig die andern, dass es alle meine Kraft und Konzentration kostet, zu hören. Es bleibt gar nicht aus: Manchmal hören Sie, ich nicht nur das Falsche sondern, schlimmer, wir hören das Richtige nicht.

Stimmen. Wir hören Stimmen:

(3) Auch die Stimme der alten Zusagen: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein"? Auch die Stimme der Engelschöre dieser Nacht? "Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die aller Welt widerfahren soll … Euch ist heute der Heiland geboren, … der Retter." Auch die Stimme des gegenwärtigen Herrn? "Siehe, ich bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende."? Auch, von fern her, ungewohnt an diesem Abend, die Stimme aus der Wüste? Johannes. Menschen bei ihm. Sie fragen: "Wer bist Du? Was hat Deine Stimme zu bedeuten? Was willst Du uns sagen? Was hast Du uns zu sagen? Hast Du uns etwas zu sagen? Mach uns deutlich, wer Du bist, was Du zu sagen hast." Stimmen. – Heute – mehr noch an allen anderen Abenden – sind wir offen dafür, die Stimme, das große Wort zu hören, das Wort vom Frieden, das Wort, das alles verändern soll, kann, das Wort, das unsere Sehnsucht stillt.

(4) Hier, jedenfalls hier hören wir es nicht. Nicht in dieser Predigt. Vielmehr: Johannes spricht. Seine Stimme lange nach der Nacht dieser Geburt. Johannes spricht; draußen in der Wüste, spricht mit seiner Stimme Sein Wort und bereitet auf den vor, der kommt, nach dem sich die Welt sehnt und an dem sie sich scheidet. Johannes: "Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!" "Ich, meine Person – ich bin völlig unwichtig, ein Niemand. Ich bin nur Bote, einer von vielen. Wenn an mir etwas Wichtiges ist, dann nur meine Stimme, meine Botschaft, was ich Euch im Auftrag eines Grösseren ausrichten soll – Jesaja hat es Euch doch schon gesagt, aber nun ist es so weit: Ebnet den Weg des Herrn."

"Ebnet dem Herrn den Weg" – Wir werden den Gottesdienst wieder verlassen. Wir werden gesungen, gebetet, auf das ewige Wort gehört haben. Werden wir, wenn wir gegangen sind, noch den Nachhall der Stimme hören: "Ebnet dem Herrn den Weg"? – Oder wird, darf die Stimme unter den vielen Stimmen, dem Sprechen, Sprüchen und Ansprüchen wieder untergehen?

"Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig – und sein Arm wird herrschen." Johannes sagt: "Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste." – Eine Stimme. Die anderen können, sollen unsere sein. Jetzt im Loblied, das durch diese Nacht fortgesetzt wird und weiterklingt als der Gesang dieser Nacht und der Tage und der Nächte die kommen – bis Er kommt.

(5) Postscriptum:
Ein junger Mann, behindert; er schreibt mir:
Schweiget und ruhet
Von euren Geschäften,
von euren Sorgen
und
von euren Träumen.
Schweiget und höret
das Wort der Stille.
Höret das Wort
der Nacht.

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