Stiller Freitag

Die meisten von ihnen werden sich noch erinnern: Karfreitag (god’s friday – Gottes Freitag, wie man ihn im Englischen nennt) war ein extrem stiller Tag. Ich erinnere mich noch gut, an die Empörung, die sich breit machte, als ein Sportverein auf dem Lande diesen Tag nutzte, um ein Skatturnier zu veranstalten – das geht doch nicht. Die Zeiten haben sich geändert: Die Zeiten eines stillen Freitags sind vorüber – Party ist angesagt. Da kann gerade die Schilderung des Evangelisten Johannes Mut machen, sich neu dem Geschehen von Karfreitag zuzuwenden. Johannes ist derjenige, der am wenigsten aufgeregt an die Schilderung der Passion herangeht, der den Tod Jesu schildert, wie den eines lieben Menschen und doch des Sohnes Gottes.

Er schildert den Tod Jesu sachlich. Es ist wie bei einem schwer kranken Menschen, bei dem ich mich manchmal wehre jeden Tag neu erzählt zu bekommen, wie schwer krank er ist, aber mit dem ich trotzdem Wege gehe, ihn nicht allein lasse. Johannes in seiner Trauer – auch ca. 70 Jahre nach dem geschilderten Geschehen ist ganz dabei, der mitleidende Zuschauer. Er ist der, der das Leiden wahrnimmt und doch nicht fassen will.

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Eine erschreckend nüchterne – fast unbeteiligte Erzählung. Jesus geht einsam, unbegleitet den letzten Weg zum Kreuz. Das Evangelium nach Johannes will nicht beim Leser Mitleid wecken, sondern den Sieg Jesu, der Sache Gottes feiern. Er wird erniedrigt, aller seiner Habe beraubt, nackt ausgezogen und gefoltert, wie ein Verbrecher behandelt, aber er bleibt Sieger. Er wird gequält, wie Regimegegner im Irak gequält wurden. Aber das Kreuz ist nicht nur das Symbol der gequälten Menschen, sondern zugleich Symbol der Liebe des Sohnes Gottes, der sein Leben gibt für seine Brüder und Schwestern.

vier Frauen stehen am Kreuz, die Jünger sind fast alle weggelaufen. Der Leidende handelt in letzter Fürsorge für die Seinen noch vom Kreuz herunter, in dem er seinen Lieblingsjünger und seine Mutter in einer neuen Familie, der Familie Gottes, zusammenbringt. Da Maria andere Söhne hat, gibt es keine Notwendigkeit der Versorgung außer der Bildung einer geistlichen Familie, der Gemeinde. Auch hier ist er wieder der Souverän, der sich das Gesetz des Handelns nicht aus der Hand nehmen lässt. Er gründet Gemeinschaft – Gemeinde am Karfreitag, Gemeinde unter dem Kreuz.

Da läuft ein Geschehen wie in einem Film ab, aber irgendwie bin ich mittendrin – kreuzunglücklich und hilflos. Ich werde das Gefühl nicht los, so distanziert wie es gerade der Evangelist Johannes schildert, will er nur bei seinen LeserInnen das Gefühl um so stärker werden lassen: ‚Das ist für mich passiert’. Wenn wir das nicht klar kriegen wird die ganze Geschichte bedeutungslos – zumindest für uns. Dann bleibt sie eine grausame alte Geschichte, die wir bis heute immer wieder erleben in allen Ecken der Welt.

Der Evangelist Johannes lässt uns mitgehen, mit ans Kreuz. Er stellt uns Menschen an die Seite: Vier Frauen und einen Jünger, den Jesus lieb hatte. Mit ihnen und mit uns gründet er Familie, gründet er Gemeinde. Wir dürfen diese Gabe annehmen. Er liebt uns er gibt uns nicht verloren. Er bleibt Sohn Gottes und Herr des Geschehens. Er will, dass sich unter seinem kreuz Menschen zusammenfinden um neue Wege zu gehen – ins Leben.

Die Gestalt seines Todes ist noch einmal eine Predigt: Nicht ‚Ich kann nicht mehr’ sagt er, sondern ‚Es ist vollbracht’. Er hat alles getan für die Seinen. Sein Werk auf dieser Erde ist fürs Erste vollbracht, aber er lässt uns in seinem Tod und über seinen Tod hinaus nicht allein.

Er bleibt der Herr der Geschichte, das muss auch sein Richter bekennen, ‚INRI – Jesus von Nazareth, König der Juden.’ schreibt er über das Kreuz gegen den Willen derer, die ihn angeklagt haben.

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