Stell dir vor, es ist Pfingsten – und nichts passiert.

Liebe Gemeinde!

Stell dir vor, es ist Pfingsten – und nichts passiert. Nichts passiert von all dem, was wir vorhin gehört und gesungen, gebetet und als unseren Glauben bekannt haben. Es bleibt alles beim Alten und nachher werden wir wieder genauso nach Hause gehen, wie wir gekommen sind. Stell dir vor, es ist Pfingsten – und nichts passiert.

Als Konfirmand – ich kann mich noch lebendig daran erinnern – da saß ich Pfingsten in der Kirche, hörte diese Geschichte vom Pfingstwunder in Jerusalem und dachte ernsthaft, so etwas müsste jetzt doch auch bei uns passieren. Jetzt und hier in unserer Kirche, denn wozu feierten wir sonst Pfingsten? Da saß ich nun und wartete und wartete …, dass endlich etwas besonderes passierte. Z.B., dass es in der düsteren Kirche plötzlich ganz hell würde, so wie damals im Tempel von den Feuerflammen auf den Köpfen der Jünger. Und nichts passierte. – Oder dass die Leute im Gottesdienst plötzlich in ganz verschiedenen Sprachen redeten, und ich könnte sie alle verstehen. Und nichts passierte. (Dabei hätte mir ja eigentlich schon reichen können, wenn ich all das verstanden hätte, was der Pfarrer in der Predigt sagte!!). Also, da saß ich und wurde immer enttäuschter, weil nichts passierte. Bis plötzlich, mitten in der Predigt, irgendein heller Ton die Kirche erfüllte. Er war ganz deutlich zu hören, spitz und hell und durchdringend. Jetzt passiert es also doch, dachte ich, jetzt ist wirklich Pfingsten. Und ich sah in kindlicher Freude schon die Feuerflammen auf jeden herabkommen. Die Leute drehten die Köpfe und versuchten zu orten, wo der Ton herkam, aber er war einfach überall. Der Pfarrer war sogar kurze Zeit gezwungen, seine Predigt zu unterbrechen – bis der Ton plötzlich wieder verschwand und von der Orgel her eine leise, schüchterne Entschuldigung kam: Der Organist wollte während der Predigt wohl schon mal stumm das nächste Vorspiel üben, hatte aber vergessen, das oberste Register abzuschalten, und zu allem Überfluss war dann eine Taste hängen geblieben, die sich einfach nicht mehr lösen wollte. – Ja, Organisten können schon manchmal Wunder bewirken, wenn sonst nichts passiert. Und ich wäre fast verleitet, die Monika Geyer an der Orgel mal zu bitten, ob sie uns das auch vorführen könnte – wenn ich nicht so maßlos enttäuscht gewesen wäre damals. Stell dir vor, es ist Pfingsten – und dann passiert doch nichts, außer dass eine Orgeltaste hängen bleibt …

Liebe Gemeinde, was soll Pfingsten eigentlich passieren? Was erwarten wir von diesem Fest? Was erwarten wir ernsthaft, wenn wir so singen wie vorhin: Komm, Heilger Geist / mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft …? Und wie könnten wir das erkennen, wenn er tatsächlich käme, hier in diesem Gottesdienst, mitten hinein in unser Leben, wenn er sich vielleicht nicht mit Orgeltönen oder mit Feuerflammen bemerkbar macht?

Als eine mögliche Antwort auf diese Frage ist uns heute ein Predigttext aus dem AT vorgegeben. Interessanter Weise eine Geschichte von Mose und dem Volk Israel in der Wüste, mehr als zwei Jahrtausende vor dem eigentlichen Pfingstfest in Jerusalem. Eine Art Vor-Pfingsten, ein Vorgeschmack dessen, was Gott dann später an Pfingsten in viel größerem Ausmaß passieren lassen wollte. Und zugleich doch eine Geschichte, mitten aus dem Leben gegriffen, in der deutlich wird, was Pfingsten bedeutet und wie es auch heute bei uns geschehen könnte: Stell dir vor, es ist Pfingsten – und es geschieht …! Wir hören diese Geschichte aus dem 4. Buch Mose: von Mose und seinem Volk beim Zug durch die Wüste, und die Israeliten sehnen sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Und sie lehnen sich immer wieder auf gegen Gott und seinen Führer Mose, so dass ihm die Last der Verantwortung zu schwer wird und er mit seiner Klage Gott in den Ohren liegt:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, stell dir vor, es ist Pfingsten – und es geschieht! Mose hatte von Pfingsten noch keine Ahnung, der Heilige Geist war ihm vermutlich noch nie begegnet, und er wusste nur eins: So kann es nicht weitergehen 14 "Ich kann die Verantwortung für dieses Volk nicht länger allein tragen. Ich halte es nicht mehr aus! 15 Wenn es so weitergehen soll, bring mich lieber gleich um! Wenn dir aber etwas an mir liegt, dann erspar mir dieses Elend!"

Kennen Sie solche Gedanken? Kennen Sie dieses Gefühl, wenn auf einmal alles zu viel wird? Die Verantwortung im Beruf, die Verantwortung für die Familie, die kranke Mutter, die gepflegt werden muss und die man doch nicht einfach ins Pflegeheim abschieben kann. Ich kann nicht mehr, es wird mir alles zu schwer! Ich muss gestehen: auch als Pfarrer sind mir solche Gedanken nicht unbekannt. Sicher, ich bin froh, dass ich nicht Mose bin, wir Pfarrer haben nicht immer ein Riesenvolk durch die Wüste zu führen und für das festliche Mittagessen nach dem Gottesdienst haben Sie in der Regel selber gesorgt. Ich bin nicht Mose und bin froh, dass wir heute anders leben können als die Israeliten damals. Aber dass die Verantwortung für über 4000 Gemeindeglieder uns Pfarrern über den Kopf wachsen kann, wenn wir allein dafür verantwortlich gemacht werden – das passiert doch täglich.

Herr Pfarrer, jetzt steht schon wieder im Gemeindebrief und in der Zeitung die falsche Angabe, wer den Gottesdienst heute hält! Können Sie sich nicht endlich mal die richtigen Informationen weitergeben und sich dann auch dran halten? – Ja natürlich, kann ich da nur sagen, wir bemühen uns auch darum, aber wir sind doch eine lebendige Gemeinde und manchmal werden halt kurzfristige Änderungen notwendig, und dann haben wir es nicht mehr geschafft, es der Zeitung rechtzeitig durchzugeben …

Herr Pfarrer, die Frau Müller war zwei Monate lang im Krankenhaus und jetzt liegt sie schon über sechs Wochen zuhause und ist sehr verärgert, weil sie immer noch keinen Besuch von Ihnen bekommen hat! Und die Fau Meier haben Sie aber schon zweimal besucht und sogar Abendmahl mit ihr gefeiert! – Entschuldigung, muss ich da immer wieder antworten, das tut mir leid, das war auch keine böse Absicht, aber mich hat niemand davon informiert. Woher soll ich wissen, dass Frau X krank ist? Ich komme ja gerne, nur müssen Sie mir dabei helfen und mich wenigstens mal anrufen …!

Herr Lichtenfeld, wir Konfis würden ja schon öfters in die Kirche kommen, wenn das nicht immer so langweilig wäre! Aber da spielt ja immer nur die Orgel, und diese alten Lieder sind einfach nicht unser Geschmack, und warum predigen Sie nicht mal über Themen, die uns wirklich interessieren …? – Ja, sage ich, ich wünsche mir auch, dass die Gottesdienste für euch interessanter werden, und manchmal singen wir ja auch moderne Lieder mit Band oder mit Gitarre. Aber ihr seid eben nicht die einzigen, manchmal ist gar niemand von euch da. Und dann gibt es viele andere Gemeindeglieder, die mögen eure neuen Lieder nicht so gern, und wieder andere verlassen am liebsten die Kirche, wenn wir mal ein Anspiel vor der Predigt machen …

Jetzt könnte ich ins Lamentieren kommen und ich muss schnellstens damit aufhören, denn schließlich ist heute Pfingsten. Und davon möchte ich reden: Stell dir vor, es ist Pfingsten – und es geschieht! Pfingsten ist schon längst geschehen und geschieht immer wieder bis heute, nicht unbedingt mit Feuerflammen, aber dafür mit Wort und Tat:

Da steht Mose auf einmal nicht mehr allein da. 70 stehen im Kreis, begabt mit seinem Geist, und er darf sich einreihen. Die Last, die ihn allein zu erdrücken drohte, ist jetzt auf 70 starke Schultern verteilt, und 140 offene Ohren hören sich die Klagen des Volkes an. Die Verantwortung wird auf einmal ertragbar, weil sie verteilt ist auf viele Mitarbeiter, die mitdenken, mitbeten, mithelfen; die den Menschen mit Rat und Tat zur Seite stehen und mit ihrem Engagement dem Leben und dem Glauben dienen!

Da haben an Pfingsten nicht mehr nur die elf Apostel den Durchblick. An die 3000 Menschen stellen sich neben sie, kehren um von ihren alten Wegen und lassen sich taufen. Menschen aus aller Herren Länder bekommen neuen Mut und Schwung und Phantasie und erzählen in ihren Sprachen und mit ihren Gaben weiter, was sie von diesem Jesus erfahren haben.

Da ist ein Kirchenvorstand, der Ernst damit macht, dass ihm die Leitung der Gemeinde aufgetragen wurde, und die Pfarrer sind nur ein Teil davon. Und gemeinsam sprechen sie über ihre Träume von Kirche und suchen Gottes Vision für die Zukunft ihrer Gemeinde zu entdecken und dann Schritt für Schritt umzusetzen.

Und da sind viele engagierte Gemeindeglieder, denen das Leben ihrer Gemeinde nicht egal ist, die mit dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen Ernst machen und danach fragen, wo ihr besonderer Platz, ihre Gaben und Aufgaben sind in dieser Gemeinde. Und sie engagieren sich in der Kinderarbeit oder beim Kirchenkaffee, im Besuchsdienst oder der Öffentlichkeitsarbeit, im Gebetskreis, in der Kantorei oder beim Kirchenputz.
Da sind Christen, die sonntags mit Lust und Freude ihren Gottesdienst feiern und der Pfarrer ist nur einer unter vielen, denn Gott will allen dienen und sie miteinander und füreinander aufbauen im Glauben und im Leben. Und es gibt verschiedene Gottesdienstformen – streng liturgisch mit Introitus und Kyrie oder in freier Form mit Anspielen und Kreuzverhör; mit Orgelmusik und Bachkantate oder mit Gitarre und Schlagzeug. Und keiner missgönnt den Jungen oder Alten, den Konservativen oder Progressiven ihren andersartigen Gottesdienst, sondern alle sind dankbar für die gegenseitige Bereicherung und die bunte Vielfalt unseres Glaubens. Und jeder versucht auf seine Weise, Menschen neu zum Glauben einzuladen.
Und damit der Gottesdienst schließlich nicht nur auf den Sonntag beschränkt bleibt, treffen sich immer mehr Gemeindeglieder auch unter der Woche in den Häusern, um ihr Leben und ihren Glauben besser mit einander zu teilen. Und da sind Christen, die haben Frau Müller schon längst im Krankenhaus oder zuhause besucht, weil sie viel eher als der Pfarrer erfahren, wer in der Nachbarschaft krank ist. Und Frau Müller ist keineswegs verärgert, dass nicht der Herr Pfarrer selbst gekommen ist, weil sie weiß: alle Christen sind dazu befähigt und beauftragt, einander beizustehen und Trost und Liebe weiterzugeben, und oft können das die ganz "normalen" Christen viel besser als die Pfarrer. Die Pfarrer aber gewinnen durch diese Entlastung neue Zeit und Kraft, um die wachsende Zahl der Mitarbeitenden zu schulen und auszurüsten für ihren Dienst, zu stärken und zu motivieren und im Glauben zu vertiefen, damit Gottes Liebe immer mehr Gestalt gewinnen kann in der Gemeinde.

Stell dir vor, es ist Pfingsten – und es geschieht! Sie haben wohl längst gemerkt, liebe Gemeinde, dass das nicht alles nur Träume und Visionen sind von einer schönen neuen, aber leider unerreichbaren Welt. Vieles von dem, was ich aufgezählt habe, geschieht schon längst bei uns. Anderes kann und muss und wird noch wachsen, wenn wir mit dem Heiligen Geist nur Ernst machen. Als wir mit dem Kirchenvorstand vorgestern bis spät in die Nacht zusammen saßen und unsere Visionen von der Zukunft unserer Gemeinde zusammentrugen; als wir uns deutlich machten, wie viel Gemeindearbeit schon jetzt auf vielen verschiedenen Schultern ruht und wir überlegten, wie sie noch wirkungsvoller koordiniert und aufgeteilt werden kann – da spürte ich auf einmal wieder, dass Pfingsten tatsächlich geschieht. Dass wir auch heute noch erleben können, was wir vorhin gehört, bekannt und gebetet haben. Und vielleicht – hoffentlich – hilft dieses Pfingstfest dazu, dass das Feuer der Be-Geisterung noch größer wird. Stell dir vor, es ist Pfingsten – und es geschieht!

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