Stärkung für Leib und Seele

Liebe Gemeinde,

wir kennen das Sprichwort "Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen". Wir müssen jeden Tag essen, sonst gehen Leib und Seele wirklich auseinander. Essen und Trinken verbindet nicht nur Leib und Seele, sondern auch Menschen miteinander. Eine Mahlzeit stiftet Gemeinschaft, Essen fordert Nähe. Gemeinsames Essen hebt Anonymität und Isolation auf. Nicht in jedem Haus ist es möglich, dass die Familienangehörigen die Mahlzeiten gemeinsam zu sich nehmen – das ist bedingt durch Arbeit und Schule. Dabei ist das Gespür für das Verbindende des Essens nicht verloren gegangen. Für manche Familien ist das Sonntagsfrühstück das Essen überhaupt, weil dann alle zusammen bei Tisch sitzen. Solches Essen ist nicht nur Sättigung, sondern auch Austausch und Kontaktpflege. Dass der Gottesdienstbesuch darunter leidet, ist zu bedauern.

Unsere Beziehungen zu Menschen umschreiben wir mit Erfahrungen des Essens. Das drücken Redewendungen aus, wie: Ich habe dich zum Fressen gern; Liebe geht durch den Magen. Und wir sprechen auch vom Hunger und Durst nach Zärtlichkeit, nach Gerechtigkeit. Der erste Schrei des Menschen ist der nach Nahrung. Die erste Form der Wahrnehmung des Menschen, der Kommunikation, der Erfahrung von Liebe und Geborgenheit geschieht durch den Mund. Alles, was das Kleinkind in die Hände bekommt, wird in den Mund gesteckt. Das Essen beeinflusst unsere Stimmungen. Wenn mit dem Menschen etwas nicht in Ordnung ist, wirkt sich das prompt auf den Appetit aus. Wie sorgfältig muss auf das Essen geachtet werden, wenn der Mensch krank ist! Und wenn der Kranke wieder Appetit hat, sagen wir: jetzt ist er auf dem Weg der Besserung. Die Verarbeitung der menschlichen und sozialen Probleme geschieht auch über das Essverhalten. Vermehrt treten gerade auch bei Jugendlichen Essstörungen auf. Die einen leiden an Übergewicht, die andern an Magersucht. Mit dem Essen hängen Selbstwert- und Minderwertigkeitsgefühl, Einssein oder Getrenntsein zusammen. Essend grenzen sich Menschen voneinander ab oder essend stärken sie die Zusammengehörigkeit der eigenen Gemeinschaft.

Im Essen nimmt der Mensch gleichsam die Welt in sich auf. Biologisch verwandelt der Körper Speise bis in die kleinsten Verzweigungen hinein in eigenes Fleisch, in Energie und Handlungen. Was nicht verdaulich ist, wird ausgeschieden. Wäre das nicht ein schönes Symbol für christliches Leben? Im übrigen strebt der Mensch auch essend nach der Vereinigung mit Gott und die gestörte Beziehung zu Gott soll durch (Opfer)Speisen wieder gutgemacht werden. Essen und Trinken sind also Totalphänomene. Es sei schon hier vorausgeschickt: wenn wir Christen das Heilige Abendmahl feiern, dann wollen wir damit nicht Gott versöhnlich stimmen, sondern wir danken damit für die Bereinigung der gestörten Beziehung durch Christus. Die Feier des Abendmahls ist ein Dankopfer. Nach dieser langen Einleitung vernehmt das Predigtwort aus Lukas 9,10-17:

[TEXT]

Am Anfang der Problemlösung steht die Aufforderung Jesu an seine Jünger: "Gebt ihr ihnen zu essen." Der Vorschlag der Jünger, die Menge gehen zu lassen, wird von Jesus abgelehnt. Statt dessen befiehlt Jesus, dass die Menge für das Abendessen vorbereitet werden soll – Jesus wird der Mahlherr sein. Die nüchterne Bilanz ergibt fünf Brote und zwei Fische. 5000 Menschen setzen sich in Gruppen zu je 50. Die Aufforderung Jesu, die Bilanzierung und die Organisierung können wir als Hinweis werten, dass die Jüngerschar auch heute zu verantwortlicher Haushalterschaft im Umgang mit finanziellen und sonstigen Ressourcen angehalten ist. Das Volk Gottes braucht überschaubare und verlässliche Strukturen.

Die eigentliche Sättigung bewirkt Jesus. Fünf Brote für 5000 Menschen! Ist das nicht erstaunlich? Mit rationalen Argumenten kommt man da nicht weiter. Dieser Speisungsbericht macht jede rationalistische Erklärung unmöglich. Man kann diese Sättigung in Zweifel ziehen, als schöne Geschichte und Erfindung abtun. Man kann aber auch danach fragen, was mit ihr ausgesagt werden will. Ich glaube, dass auch hierin die Bibel die Wahrheit sagt. Die Sättigung übersteigt alle unsere wissenschaftlichen, denkerischen, ethischen und religiösen Kategorien. Alle wurden satt. Ja, noch mehr, hinterher ist sogar mehr da, als vorher. Die übriggebliebenen Brocken sind gar das größere Ärgernis für alle, die eine psychologisierende Auslegung anstreben.

Die absolute Überfülle schließt jedes menschliche Handeln aus. Wo jede menschliche Möglichkeit ausgeschlossen ist, kann es sich nur um das überreich segnende Tun Gottes selbst handeln. Insofern soll das Geschilderte unvorstellbar sein. Gott schenkt sich in der Verschwendung – und dabei geht es ordentlich zu. Bei aller überwältigender Fülle des Segens ist hier kein chaotischer Gott am Werk. Wir müssen auch sehen, in welchem Textzusammenhang dieser bericht steht. In drei Versen davor wird der König Herodes erwähnt, der Jesus gerne sehen wollte. Herodes fragt: Wer ist dieser, über den ich solches höre? Nach dem Speisungsbericht lesen wir das Bekenntnis des Petrus. Wer sagen die Leute, dass ich sei? Wer sagt ihr, dass ich sei? Petrus bringt es auf den Punkt: Du bist der Christus Gottes!

Dieser Christus Gottes speist die Massen. Dieser Christus gibt sich selbst als Speise. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Das Essen und Trinken am Tisch des Herrn ist Stärkung für Leib und Seele. Er, Christus, hält Leib und Seele zusammen. Er wird in der Auferstehung die Ganzheit unserer Person zusammenfügen und herstellen. Seine Liebe dürfen wir durch den Magen gehen lassen. Diese himmlische Speise geht ins eigene Fleisch und verwandelt sich in Energie und Handlung zur Ehre Gottes.

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