Speisung der 5.000

Liebe Gemeinde!

Ich möchte die Predigt heute mit einer kleinen Geschichte beginnen. Es ist eine Geschichte über ein Wunder, das jenem anderen Wunder, von dem wir im Evangelium gehört haben, ganz ähnlich ist.

Es ist Krieg. Ein hungriger Soldat kommt in ein kleines Dorf in den Bergen. Er bittet die Leute um etwas zu essen, aber niemand will ihm helfen. Sie alle haben selbst nicht genug für sich und ihre Familien. Da geht der Soldat auf den Marktplatz und entfacht ein Feuer. Von einem der Dorfbewohner leiht er sich einen großen Topf, füllt ihn mit Wasser und setzt ihn auf das Feuer. Unter den misstrauischen und neugierigen Augen der Dorfbewohner klaubt er einen Stein aus der Tasche, riecht entzückt an ihm und wirft ihn dann in das kochende Wasser. Ab und zu probiert er einen Löffel. Den verwunderten Dorfbewohnern erklärt er: „Ich koche eine Steinsuppe. Aber leider fehlt noch ein klein wenig Salz.“ Nachdem ihm einer ein bisschen Salz gebacht hatte, meinte er: „Mmmh, wenn ich nur noch ein klitzekleines Stück Karotte hätte, dann wäre die Suppe wohl perfekt.“ Danach bittet er um Petersilie und ein Stück Speck. Und so weiter und so weiter. Bis zum Schluss jeder beigetragen hatte, was er eben konnte und man gemeinsam eine besonders leckere Mahlzeit teilte.

Liebe Gemeinde, man sagt wohl, von nichts kommt nichts. Aber hier geschieht das Wunder, dass jemand nichts hat als einen Stein, und damit macht er dann die Bewohner eines ganzen Dorfes froh und satt. Fast so, wie Jesus die Fünftausend satt gemacht hat, die auf dem Berg seiner Predigt zugehört hatten. (Oder ist es das Wunder, dass er sie alle „über´s Ohr haut und sie merken es nicht? Jedenfalls sind alle satt geworden und hatten ein schönes Fest miteinander, das gab es sonst selten in Kriegszeiten …)

Natürlich geht es in der Erzählung von der Speisung der Fünftausend im Evangelium um mehr, als einfach nur zu sagen: Nun teilt mal alle miteinander, was ihr habt, dann haben alle was davon. Das wäre ein „moralisches Missverständnis“. Hier hebt der Erzähler nicht den Zeigefinger, denn nirgendwo in seinem Evangelium erzählt Lukas, dass alle die Fünftausend etwas zu essen dabei hatten, und das holten sie nun raus und teilten das miteinander. Dann wäre das kein Wunder mehr, man müsste es nicht mehr glauben. Im Evangelium geht es um das Reich Gottes. Weil Jesus da ist, und weil in ihm Gott den Menschen nah geworden ist, darum muss keiner mehr hungern.

Andererseits wird, wenn in der Bibel von Wundern die Rede ist, auch nicht von uns erwartet, unser Denken auszuschalten und unser Wissen zu vergessen, und einfach zu sagen: Ja, Jesus ist der Sohn Gottes, der kann so was, es ist eben ein Wunder… So werden Wunder mit Zaubertricks verwechselt. Worum geht es dann aber in dieser Geschichte von der Speisung der Fünftausend?

Jesus hat den ganzen Tag gepredigt. Vom Reich Gottes hat er gesprochen, davon, dass die Blinden wieder sehend werden, die Tauben hören und die Gefangenen frei werden, wenn Gottes Nähe unter uns wirksam wird. Jetzt schon, sagte er, jetzt schon ist unter uns angebrochen, was kommen wird am Ende der Zeit. Denn Gott macht Menschen heil, Gott macht gesund, die an ihn glauben. Dann wurde es abend, und die Jünger ermahnten Jesus, die Leute gehen zu lassen. Sie mussten sich vor der Nacht noch etwas zu essen besorgen können …

Aber Jesus sagt zu den Jüngern: Gebt ihr ihnen etwas zu essen! Damit hat er die Jünger kalt erwischt. Sie fangen an zu rechnen, sehen die Möglichkeiten, die sie haben: Fünf Brote, zwei Fische, ein paar Groschen, um vielleicht noch etwas zu kaufen… Aber Jesus rechnet nicht. Jesus weiß, das Reich Gottes ist da. Es ist nichts Seltsames an der Szene, die nun geschieht, nichts Magisches im Nebel unter Mondschein. Im Gegenteil! Jetzt wird organisiert! Jesus teilt ein, Sitzgruppen zu fünfzig, Tischgemeinschaften, damit es keine Unordnung gibt beim Essen und man sich in die Augen sehen kann, während man ist …

Dann das Tischgebet: Er nahm das Brot, dankte und brach es, und verteilte es an die Jünger, damit sie es weitergeben… An dieser Stelle wird deutlich, worum es eigentlich geht in dieser Erzählung. Kein Zauber, sondern ein Wunder, keine “wundersame Brotvermehrung”, sondern die Nähe des Reiches Gottes, kein “Brotgott”, der die Leute aus seinem Füllhorn sättigt, sondern das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt …

Gemeinsam essen ist für mich eine der schönsten Ausdrucksformen für Gemeinschaft, für Nähe und Freundschaft. Abends mit der Familie oder guten Freunden beim Griechen oder beim Italiener zu sitzen, einen schönen Rotwein im Glas und Gyros, Zaziki und Pommes auf dem Teller, und beim Essen viel Zeit zu haben für Gespräche, Gedanken, Träume und Hoffnungen – da fühle ich mich wohl, und da können wohl auch Dinge gedacht, gesagt und in Bewegung gebracht werden, die anderswo ungedacht und ungesagt bleiben …

Ich kann mir darum gut vorstellen, dass auch für Jesus und die Jünger das gemeinsame Essen etwas Besonderes war. Das Evangelium von der Speisung der 5000 haben wir gehört. Jesus teilte Brot und Fische aus, und es reichte für so viele. Er hat ihren Hunger gestillt. Und es wird deutlich in diesem Evangelium, dass er selbst Brot das Lebens ist, das vom Himmel kommt und alle sättigt, die an ihn glauben.

Wenige Tage vor seinem Tod feierte Jesus mit seinen Jüngern das Passahfest mit einem gemeinsamen Essen, und nach dem Essen machte er dieses Mahl zu einem bleibendem Zeichen der Verbundenheit: Er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den und sprach: Nehmt und trinkt alle daraus, dieser Kelch ist der neue Bund, mein Blut, für euch vergossen. Er nahm das Brot, dankte und brach es und gab es seinen Jüngern und sprach: Nehmt und esst. Das ist mein Leib, für euch gegeben. Sooft ihr davon esst und trinkt, werde ich bei euch sein, wo immer ihr auch seid.

Wo glaubende Menschen in Brot und Wein den Leib und das Blut Christi teilen, da ist das Reiches Gottes angebrochen, da wird keiner mehr hungern, keiner mehr blind sein, keiner gefangen. Wo Gottes Reich ist, da ist alles heil.

Im Essen haben glaubende Menschen – so denke ich – zu allen Zeiten eine besondere Gabe und Gnade Gottes erblickt, denn das Essen war nie etwas Selbstverständliches. Es musste mühsam erarbeitet werden und war doch immer eine Gabe Gottes, denn ob die Arbeit des Menschen auch Früchte bringt und Erfolg hat, lag und liegt bis heute nicht allein in seiner Hand.

Darum zuletzt noch dieser Gedanke: Die Menschen damals sind wirklich satt geworden, auch wenn das Wunder der Brotvermehrung nicht die Hauptsache war. Darum kann ich die Predigt nicht beenden, ohne unsere Gedanken auf den Hunger in der Welt zu richten. Denn die Nähe des Reiches Gottes wird uns nicht unverändert lassen, wird uns neu nachdenken lassen über das Teilen und das Weitergeben dessen, was wir im Überfluss haben: Brot und Rosen, Wissen und Erfahrung, Weisheit und Glauben, Hoffnung und Leben.

Und da kann ich wieder auf die Geschichte von Anfang zurückkommen: Auch bei der Steinsuppe war das Wunder nicht, dass am Schluss alle satt waren. Sondern dass sie miteinander gegessen haben, obwohl doch Krieg war. Und der Fremde ein Soldat. Als die Steinsuppe auf dem Feuer kochte und die Dorfbewohner mit dem fremden Soldaten den Löffel eintauchten, war in diesem Dorf der Friede da. Und jeder hatte seinen kleinen Teil dazu beigetragen.

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