Soll er doch vom Kreuz heruntersteigen

Liebe Gemeinde,

letzte Woche habe ich mit meinen Schülern über Karfreitag gesprochen und mit ihnen diesen Text gelesen. Dabei habe ich sie gefragt, was sie an diesem Text nicht verstehen. Eine Antwort war: "Warum hat es Gott zugelassen, das Jesus gekreuzigt wurde?" Das ist die zentrale Frage von Karfreitag. Wenn wir ihr nachgehen, dann werden wir herausfinden, was Karfreitag bedeutet und vor allem, was Karfreitag für uns heute bedeutet. Wie wichtig, diese Frage ist, zeigt sich schon darin, das sie seit 2000 Jahren gestellt wird. Schon die Leute unter dem Kreuz haben so gefragt, denn die Frage: "Warum steigst du nicht vom Kreuz …?" ist nur einen Spielart der Frage "Warum hat es Gott zugelassen, das Jesus gekreuzigt wurde?" Schauen wir uns an, warum Jesus nicht vom Kreuz steigt, auch hier können wir wieder von den Antworten der Schüler lernen:

Antwort 1: Weil Jesus angenagelt ist. Vielleicht stolperst Du jetzt über die Antwort. So ging es mit zuerst auch, aber dann habe ich darüber nachgedacht und entdeckt, dass die sicher nicht ganz erst gemeinte Schülerantwort eine tiefere Bedeutung hat. Jesus war wirklich fest an das Kreuz angenagelt, sonst hätte er heruntersteigen können, aber warum hat er’s nicht gemacht, kommen wir zu der nächsten Antwort:

Antwort 2: Würde er vom Kreuz herabsteigen, würden die Menschen trotz gegenteiligen Beteuerungen auch nicht an ihn glauben. Sie hätten schnell Erklärungen an der Hand, wie z.B. das die Soldaten die Nägel nicht richtig angenagelt hätten und er deswegen nicht Gottes Sohn sei. Wer nicht an Gott glauben will, der glaubt auch nicht, wenn er das Wunder sieht, das Jesus vom Kreuz steigt. Gott möchte, dass die Menschen aus freien Stücken an ihn glauben. Denn damit kommen wir zur dritten antwort:

Antwort 3: Wenn Jesus vom Kreuz herabgestiegen wäre, dann wäre er nicht für unsere Sünden gestorben. Gott hat als Sinn und Bestimmung für das Leben Jesu hier auf dieser Erde mitgegeben, das er die Mauer der Sünde einreißt, das die Menschen wieder zu Gott kommen können. Nur durch seinen Tod konnte er den Auftrag der Rettung erfüllen. Er hat die Strafe Gottes auf sich genommen, in dem Glauben und dem vertrauen, das Gott ihn auf diesem schweren Weg begleitet und trägt. Damit wären wir bei der letzten Antwort:

Antwort 4: Jesus glaubt nicht nur an sonnigen Tagen an Gott, sondern er weiß, das Gott ihm helfen wird und ihn noch rettet. Er hat, wenn auch nach einem schweren Kampf, sein Leben und seine Zukunft in Gottes Hände gelegt. Es war also Gottes Wille und Jesus dachte, wenn Gott es will, dann soll es so sein. Trotzdem war dieser Glaube nicht unerschütterlich, sondern kurz vor seinem Tod, wird der Glaube und das Vertrauen Jesu wird tief erschüttert. Das findet seinen Höhepunkt in dem Ausruf: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Wenn uns anschauen, was schlaue Leute dieser Stelle gesagt haben, finden wir zwei Erklärungen dazu:

Erklärung 1: Jesus fühlt sich von Gott verlassen. Gott ist immer noch bei ihm, er begleitet ihn in seinem Leiden, doch er spürt das nicht und meint, das Gott ihn verlassen hat. Die Gottverlassenheit ist nur in den Gefühlen von Jesus vorhanden.

Erklärung 2: Jesus war wirklich von Gott verlassen, er hat ihn verlassen, weil er wollte, das er für unsere Sünden stirbt. Die Gottverlassenheit ist tatsächlich vorhanden.

Ich persönlich glaube, das Jesus tatsächlich von Gott verlassen war. Sünde und Schuld trennen von Gott und führen dazu das wir ohne Gott leben. Jesus hat diese Trennung vollständig auf sich genommen und getragen. Für Jesus ist egal was stimmt, er erleidet am Kreuz die Todesangst; die wir verdient haben. Gott ist nicht gekommen, um Jesus zu retten und hat ihm nicht einmal die Schmerzen die genommen. Aber er hat ihm die Kraft gegeben, durch Schmerzen und Tod zu gehen.

Damit können wir auch die zweite Frage beantworten, die die Schüler an den Text gehabt haben: "Warum hat Gott Jesus verlassen?" Die Antwort ist ganz einfach darin, das Gott uns diese Gottverlassenheit ersparen möchte. Darum hat er sie auf Jesu gelegt, der sie stellvertretend für uns getragen hat. Schauen wir uns unter dem Blickwinkel des Kreuzes ein Sprichwort an, das ich öfters höre: "Hilf dir selbst, dann hilft Dir Gott" Hier wird gesagt, das Gott denen hilft, die sich selber helfen.

Richtig ist der Satz insofern, als das wir für die Folgen unseres Handelns verantwortlich sind. Gott erspart uns nicht, das wir die Folgen unserer Sünde und Schuld tragen. Aber dieser Satz ist nicht immer richtig. Falsch ist er für die Gelegenheiten, in die ich ohne Verschulden geraten bin. Es gibt Schuld, für die ich "nichts kann", es gibt Situationen, in denen man sich selbst nicht mehr helfen kann. Stellvertretend dafür will ich Jesus Lage am Kreuz nennen. Er konnte und wollte sich am kreuz nicht helfen und herunter steigen.

Mit den Schülern haben dieses Sprichwort unter die Lupe genommen und einige interessante Dinge entdeckt:
Sich selber helfen, kann auch heißen: das ich bete und Gott um Hilfe bitte.
Sich selber helfen, kann auch heißen: ich sehe meine Schuld ein und bitt Gott um Vergebung.
Sich selber helfen, kann auch heißen: an zu Gott glauben und den Weg gehen, den Gott für mich vorgesehen hat.

In diesen Sinne gilt dann das Sprichwort: : "Hilf dir selbst, dann hilft Dir Gott." Was das bedeutet, will ich am Schluss mit einer Geschichte verdeutlichen: Eine Legende aus dem Mittelalter berichtet, wie Gott einmal Erbarmen hatte mit einem Menschen, der sich über sein zu schweres Kreuz beklagte. Er führte ihn in einen Raum, wo alle Kreuze der Menschen aufgestellt waren, und sagte ihm: "Wähle!" Der Mensch machte sich auf die Suche. Da sah er ein ganz dünnes, aber dafür war es länger und größer. Er sah ein ganz kleines, aber als er es aufheben wollte, war es schwer wie Blei. Dann sah er eins, das gefiel ihm, und er legte es auf seine Schultern. Doch da merkte er, wie das Kreuz gerade an der Stelle, wo es auf der Schulter auflag, eine scharfe Spitze hatte, die ihm wie ein Dorn ins Fleisch drang. So hatte jedes Kreuz etwas Unangenehmes. Und als er alle Kreuze durchgesehen hatte, hatte er immer noch nichts Passendes gefunden. Dann entdeckte er eins, das hatte er übersehen, so versteckt stand es. Das war nicht zu schwer, nicht zu leicht, so richtig handlich, wie geschaffen für ihn. Dieses Kreuz wollte er in Zukunft tragen. Aber als er näher hinschaute, da merkte er, dass es sein Kreuz war, das er bisher getragen hatte.

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