So lasst uns hinzutreten

Liebe Gemeinde,

an diesem 1. Adventssonntag ragen drei Worte aus dem Predigtabschnitt heraus:
– So lasst uns hinzutreten.
– Lasst uns festhalten.
– Und lasst uns aufeinander Acht haben.

So lasst uns hinzutreten. Heute beginnt die Adventszeit. Gern werden wir da eine solche Aufforderung hören: „Hereinspaziert!“, „Bitte treten Sie ein!“, Herzlich willkomen!“, „Na, komm schon rein!“, Schön dass ihr da seid!“, Schön, dass du da bist!“, „Nimm Platz!“, „Möchtest du einen Kaffe?“, „Ein paar Adventsplätzchen vielleicht…?“, „Mach es dir gemütlich!“, „Fühl dich wie zu Hause.“, „Komm!“, „Bleib nicht draußen vor der Tür!“, „Bleib nicht in der Kälte!“, „Du musst nicht im Regen stehen!“ – Fast wird man genötigt. Sanft wird man hineingezogen.

„So lasst uns hinzutreten“ – die Aufforderung aus dem Hebräerbrief ist vielleicht ähnlich zu hören. Ja, kann schon sein, er hat nicht direkt solche Adventsgedanken wie wir. Offenbar ist ihm das, wie wir Advent feiern, nicht in dem Moment gegenwärtig. Wahrscheinlich schreibt er gar nicht in der Adventszeit. Aber die Richtung, die Einladung ist wohl die gleiche: „So lasst uns hinzutreten, hineingehen, lasst uns die Nähe Gottes erfahren!“ Denn ER tut die Tür auf, hat sie aufgemacht. ER ist es, der gesagt hat: „Kommt, Kinder!“, in Christus. Ja, wir wollen Adventszeit feiern und darin Gottes Nähe.

Der Hebräerbrief hat wohl Leute vor Augen, die Gottes Nähe mit anderem verbinden: mit der Tempelpraxis im alten Jerusalem. Das scheint uns fern und doch nicht, denn: Jesus zieht in Jerusalem ein (ÞEv.). Er wird den Tempel betreten. Er wird den alttestamentlichen Gottesdienst erleben. Er wird Opfer sehen, Tieropfer damals, Fleisch – auch zur Nahrung für die Menschen – mit Ehrfurcht und vor Gott vollzogen – nicht kaltblütig in anonymen Schlachthöfen verarbeitet und scheinheilig in Goldfolie verpackt.

Am Anfang scheint uns alles fern und fremd und dann auch wieder nicht. Vertraut ist er uns nicht, der Tempelgottesdienst damals. Stichworte tauchen auf, wie: „Heiligtum, Blut, Vorhang vor dem Allerheiligsten, Hoherpriester, mit Wasser besprengt, mit Wasser gereinigt“. Damit verbinden wir womöglich nicht das, was der Schreiber des Hebräerbriefes und seine Hörer vor Augen haben: Die Nähe zu Gott inmitten seiner Gemeinde und im geliebten Gottesdienst, der dies darzustellen versuchte.

Es ist wie mit anderen „Fachleuten“. Wenn ich zu Computerspezialisten zu predigen hätte, würde ich versuchen, die Botschaft mit Bildern und Worten zu transportieren, die sofort von allen verstanden und richtig gedeutet werden. Ich könnte mir vorstellen: „Hardware, Software, Bus-System, Prozessor, Taktfrequenz, I-O Ports, Interrupts…“ oder so ähnlich. Ich würde bei solchen Leuten, wenn ich es richtig anstelle, nicht ratlose Gesichter sehen, sondern vielleicht sogar gerade erst Interesse wecken, Hörbereitschaft, Verstehen von Zusammenhängen. Und wir könnten mit Hilfe solcher Dinge über das reden, was ich eigentlich vermitteln will: Die Botschaft.

Und die Botschaft heißt hier:
– So lasst uns hinzutreten
– Lasst uns festhalten
– Und lasst uns aufeinander Acht haben.

„So lasst uns hinzutreten.“ – „Leute, die Tür ist offen.“ Die Zugangsberechtigung ist erteilt. Das Evangelium, die gute Nachricht lautet klar und rein: „In Christus, in dem, was der gekreuzigte Jesus für uns bedeutet, ist die Tür zu Gott weit aufgemacht. Ihr dürft deswegen nun eintreten. Ihr dürft ankommen. Das ist euer Advent. Ihr seid eingeladen, gern gesehen, angenommen, aufgenommen, geliebt, frei gemacht auch von allem beschwerendem bösen Gewissen. Nicht ihr seid es, die ihr für euch garantieren müsst. Er hat für euch garantiert und bezahlt. Kommt, es ist offen. Tretet doch hinzu. Bleibt nicht draußen. Kommt wieder neu. Lasst euch nicht abschrecken. Ihr seid schon berechtigt. Ihr dürft kommen. Wer auf Christus baut, hat alles. „Du bist kein bloßer Gast und Vorbeischauender, sondern gehörst vollgültig, voll berechtigt dazu. Das ist das Evangelium. Das haltet fest.

Darum eben: „Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken, denn er ist treu.“ So seid es auch. Der Hebräerbrief hat nicht Christen der ersten Generation vor Augen, sondern der zweiten und der dritten. Das Feuer des Anfangs, der Reiz des Neuen, die Glut der Begeisterung, sie ist nicht auf Dauer so heiß zu halten. Das Tempo halten nur wenige ein Leben lang durch. Auch ganz normaler Christen-Alltag kehrt ein. Dann ist Vorsicht geboten. Schnell kann Lethargie, Schläfrigkeit, Gewohnheit, Desinteresse, Müdigkeit um sich greifen. Manchmal wird das alles noch befördert, wenn Schwierigkeiten, Druck von außen, Anfeindung, harte Verfolgung, Widerstände dazu kommen. Aber das muss auch nicht so sein. Es kann auch das Gegenteil bedeuten und „erst recht“ motivieren. Der Absender des Hebräer-Schreibens will wohl vorbauen. Er mahnt. Er erinnert, was sie Wunderbares haben, welches Privileg, welche Hoffnung. Darum haltet es fest. – „Lasst uns festhalten …“

Nun ist dies sehr statisch: Festhalten. Da kann mir die Hand einschlafen, wenn ich etwas krampfhaft festhalte. Darum muss Bewegung rein: Glaube soll sich ruhig auswirken und ein-wirken in die Zeit. Darum also: „Lasst uns aufeinander Acht haben.“ Dabei geht es nicht ums Bespitzeln. Es ist eine Richtung angedeutet, hin auf Gemeinschaft: Dort bin ich zu Hause. Dort finde ich Halt und Orientierung.

„Lasst uns aufeinander Acht haben.“ – Kirche und Gemeinde ist nicht gesund, wenn sie nur zur persönlichen Erbauung und Bereicherung verstanden wird. Es soll ja Kirchenchristen geben, denen ist die restliche Gemeinde eigentlich ziemlich egal. Sie gehen in den Gottesdienst, ja. Aber sie fragen vor allem: Wie werde ich erbaut, getröstet, aufgerichtet.“ Dann ist Kirche, Gottesdienst und Gemeinde doch nur Selbstzweck, geistliche Selbstbefriedigung. Das darf doch nicht alles sein! „Lasst uns aufeinander Acht haben.“ – beruft uns nicht zu Spitzeln und Kontrolleuren, sondern will ermuntern, einander wahrzunehmen.

Der Himmel hat uns Eckersbachern ein wunderbares, herrliches Foyer geschenkt. Dort kann man stehen und reden, sich begegnen, aufeinander zu gehen, Kontakte knüpfen und pflegen, ruhig noch ein wenig verweilen. (Andere werden sicher andere Möglichkeiten haben.) Ich wundere mich, wenn mancher, kaum ist der Gottesdienst aus, fort und raus stürzt, als hätte er einen Zug zu verpassen. Wohin müsst ihr denn so schnell, ihr Eckersbacher? Brennen euch zu Hause etwa schon die Kartoffeln an? Es ist doch Sonntag heute – oder? „Lasst uns aufeinander Acht haben.“ – Das heißt einander achten, wahrnehmen, ansprechen, auch die Stillen und Unscheinbaren nicht links liegen lassen, heißt Gemeinde und Gemeinschaft pflegen. Dann erst kann daraus ein Recht oder ein Grund entstehen, sich auch untereinander Mut zu machen „zur Liebe und zu guten Werken“.

Das ist nämlich gar nicht so einfach. Da müssen manchmal Barrieren überwunden, alter Schutt weggeräumt, Verknöchertes abgestreift werden. Liebe und Gutes tun muss doch von Herzen kommen, und nur warme und herzliche Menschen sind dazu fähig und ohne Schaden zu nehmen in der Lage. Darum ist gute, klare, sich um solches mühende Gemeinschaft wichtig. Leute, es bleibt dabei. Der Hebräer hat’s uns heute etwas verschlüsselt gesagt, aber so kompliziert ist es nun auch wieder nicht. Er erinnert uns doch nur:

– Lasst uns hinzutreten, – weil in Christus der Himmel offen ist. Advent und Weihnachten werden es wieder und wieder sagen.
– Lasst uns festhalten. – Nichts ist schlimmer als eine schläfrige Gemeinde und müde Christen, mit denen nicht mehr zu rechnen ist.
– Und lasst uns aufeinander Acht haben. – Wir haben uns, das ist ein Schatz. Das soll uns bewusst sein und Mut machen, getrost und fröhlich weiter als Christen in dieser Welt unterwegs zu sein – bis, ja, bis sein Tag kommt – oder unser.

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