Silber hinter dem Glas

Rabbinische Geschichte: "Rebbe, ich versteh das nicht: Kommt man zu einem Armen, der ist freundlich und hilft, wo er kann. Kommt man aber zu einem Reichen, der sieht Einen nicht einmal an. Was ist das bloß mit dem Geld?" Da sagt der Rabbi: "Tritt ans Fenster! Was siehst Du?" – "Ich seh? eine Frau mit einem Kind. Und einen Wagen, der zum Markt fährt." – "Gut. Und jetzt tritt vor den Spiegel! Was siehst Du?" – "Nu, Rebbe, was wird ich sehen? Mich selber." – "Nun siehst du: Das Fenster ist aus Glas gemacht und der Spiegel ist aus Glas gemacht. Man braucht nur ein bisschen Silber dahinter zu legen, schon sieht man nur noch sich selbst."

Es ist schon etwas Seltsames mit uns Menschen. Besitz verändert uns. Nicht immer vielleicht. Schon die früheste Christenheit konnte wohltätig sein, weil es einige Reiche in ihren Reihen gab, die sehr viel aufwandten, um die Not der Armen zu lindern. So ist es bis heute geblieben. Gerade die Geschichten von Menschen, die zu plötzlichem Reichtum gekommen sind und sich dann verschlossen haben gegenüber der Not und immer gieriger geworden sind, ist seit Ali Baba auch Legion. Sie bedrängte und bedrückte sicher die Christenheit in ihrer ganzen 2000-jährigen Geschichte.

Zu dieser Problematik erzählt Jesus angeblich eine Geschichte. Ich sage angeblich, weil sich die Ausleger ziemlich sicher sind: Diese Geschichte hat Jesus so mit Sicherheit nicht erzählt. Das klingt schockierend, ist es aber nicht so sehr. Es war – damals literarisch üblich und legitim – der Versuch die erlebte Gegenwart im Lichte der Verkündigung Jesus zu betrachten. Vielleicht haben JüngerInnen diese Geschichte entwickelt und erzählt und HörerInnnen sie auf Jesus bezogen und ihm zugeschrieben. Es ist eine bekannte Geschichte, deren Wurzeln lange vor Jesus liegen. Schon im Alten Orient kannte man ähnliche Geschichten. Und doch hatte sie in diesem Zusammenhang besondere Bezüge:

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Es geht hier nicht um Vertröstung in dem Sinne: Grämt Euch nicht, wenn es Euch heute schlecht geht. Bei Gott werden die Verhältnisse genau umgedreht. Der reiche Mann steht im Mittelpunkt des Interesses dieser Geschichte. Er hat keinen Namen. Der arme heißt "Lazarus" oder "Eleasar": Gott hilft.

Der reiche Mann ist Beispiel für Menschen, die sorglos und ohne Rücksicht "in Saus und Braus" leben. Lazarus ist Beispiel für Menschen, die keine andere Chance haben, als diesem Namen zu vertrauen: Gott hilft. Das ungleiche Paar zusammen hat die fatale Illusion hervorgerufen, als würden im Reich Gottes einfach Verhältnisse umgedreht.

Die Sympathien sind bei den meisten Menschen heute ungleich verteilt. Der arme Lazarus ist heute Synonym geworden für den elenden leidenden Menschen, der an unsere Gewissen die Frage stellt: Wo bist Du? Was tust Du mit dem Elend, das du siehst?

Für die Leser dieses Gleichnisses vor 2000 Jahren konnten die Sympathien allerdings auch entgegengesetzt ausfallen: Irgendwie hat ja wohl jeder sein Schicksal verdient, ist seines Glückes Schmied war ein vertrauter Gedanke früher. Und wen ich ehrlich bin, erlebe ich das heut auch noch oft – auch an mir, diese Versuchung irgendwie ist der Arme doch selber Schuld. Ich vermute im Hintergrund der heiß diskutierten Agenda 2010 steht diese Überlegung, die womöglich ja auch in vielen Fällen Recht hat, aber eben nicht immer. Genauso wenig, wie der Reiche von Natur aus ein Schwein ist in dieser Welt. Man muss schon genauer hinschauen – und wir dürfen uns nicht zu Herren über das Seelenleben anderer Menschen machen. Aber festhalten dürfen wir, dass es dem Reichen schwerer fällt, an der Einheit von Gottes- und Bruder- bzw. Schwesterliebe festzuhalten.

Ich glaube wirklich, unsere Geschichte gehört in den Sinnzusammenhang der 6. Bitte des Vaterunser "führe uns nicht in Versuchung". Reichtum ist eine Versuchung: Das ist kein Trost für di Armen, die Hilfe brauchen – es ist eine Warnung für Reiche. Nicht nur für die, die Reih an Geld und Besitz sind, sondern an alle, die etwas haben. Wem dient es? Vor der Frage standen Christinnen zu allen Zeiten, vor dieser Frage stehen wir heute noch.

432,1-3 "Gott gab uns Atem, damit wir leben" wollen wir jetzt gleich singen: Heute leben wir mit allem, was wir haben, mit unserem Herzen, unserem Atem, unserem Gewissen und unserer Hoffnung. Lasst uns nie vergessen den Geber der Gaben und die, die es brauchen, dass wir unsere Gaben einsetzen.

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