Sie werden gleich verbunden …

„Bitte gedulden Sie sich noch einen Moment. Sie werden gleich verbunden.“ Musik. „Bitte gedulden Sie sich noch einen Moment. Sie werden gleich verbunden.“ Musik. Wer kennt das nicht? Sie wollen mit einer zuständigen Person in einer Firma oder Behörde sprechen und werden am Telefon hingehalten. Sie müssen echte Geduld aufbringen, bis Sie den gewünschten Gesprächspartner am Apparat haben. Oder Sie werden mit dem Falschen verbunden. Oder die Verbindung wird einfach unterbrochen, oder Sie legen irgendwann genervt auf, weil sich nichts rührt.

Haltet aus! Seid geduldig! Dieser Satz ist schnell gesagt und kann einem die Haare zu Berge stehen lassen: Wie lange soll ich denn noch warten? Warten und sich in Geduld üben können ganz schön belastend sein – vor allem dann, wenn wir schon sehr lange auf etwas bestimmtes warten. Trotzdem müssen wir manchmal warten. Aber können wir das überhaupt noch: warten?
Wir leben in einer Zeit, die sich immer mehr beschleunigt. Alles muss schnell gehen. Zeit ist Geld. Warten können und Geduld haben sind zu einer seltenen Tugend geworden. Wer will heute schon noch warten? Wer sich im Straßenverkehr an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hält, gilt als lahme Ente und Verkehrshindernis. Wehe, wenn jemand an der Ampel nicht in der Sekunde losfährt, wenn sie auf Grün springt! Das gibt ein tolles Hupkonzert der Nachfolgenden. Auch der 24h-Service vieler Versandhäuser bedient diese Haltung: Ich kann, ich will nicht warten. Und auf eine Anschaffung, zum Beispiel eine neue Schrankwand oder Stereoanlage, muss ich auch nicht warten – selbst dann, wenn ich momentan kein Geld habe. Heute kaufen, in einem halben Jahr bezahlen. Gegen gute Zinsen natürlich. Warten und Geduld? Nein danke! Wer wartet und sich in Geduld übt, ist offensichtlich nicht auf der Höhe der Zeit. Warten ist mittlerweile zu einer Kunst geworden. Selbst die Weihnachtsmärkte öffnen inzwischen vor der Adventszeit. Den passenden Zeitpunkt abzuwarten, ist wohl eine Kunst, den nur Wenige beherrschen.

Dabei warten wir eigentlich immer auf etwas. Warten gehört zum Leben dazu. Wer nichts mehr vom Leben zu erwarten hat, ist bemitleidenswert. Worauf warten wir? Wen oder was erwarten wir? Da gibt es frohe oder sogar freudige Erwartungen: Eine Frau erwartet ein Baby. Oder Kinder freuen sich auf Weihnachten oder den Geburtstag. Oder jemand, der eine Party gibt, freut sich auf die Gäste. Es gibt aber auch bange Erwartungen. Gerade eine Schwangerschaft ist für manche Frauen kein freudiges Ereignis, sondern eine schwere Zeit. Leider. Denn statt der Freude drängen unangenehme Fragen: Wie bringe ich es meinem Partner bei, der das Kind nicht will? Was wird mit meiner Arbeitsstelle? Wird das Geld reichen? Ein banges Warten ist es auch für Patienten, die eine Untersuchung hinter sich haben und nun auf den Befund warten. Ist die Geschwulst gutartig oder bösartig?

Mit dem Warten ist das so eine Sache. Es gibt immer irgend etwas auf das wir warten, aber das Warten fällt manchmal schwer. Geduld aufzubringen kostet Mühe. Sehr schön können wir das an unseren Kindern beobachten, die in der Vorweihnachtszeit ganz aufgeregt und zappelig sind und es nicht mehr erwarten können, bis endlich der Weihnachtsmann kommt. Dabei hat das Warten auch seinen eigenen Wert, denn es heißt ja: Vorfreude ist die schönste Freude.

Die Adventszeit ist eine Zeit der Erwartung. Wir warten auf Weihnachten. Wir warten auf die Ankunft Gottes bei uns Menschen. Jedes Jahr neu feiern wir Weihnachten und erinnern uns, wie Gott in Gestalt eines Menschenkindes zu uns kam. Und die Adventszeit gehört als Vorbereitungszeit dazu. Vom Ursprung her ist die Adventszeit eine Fastenzeit, d.h. in Vorbereitung auf Weihnachten erfolgt eine in sich gehende Vorbereitung, die sich auf das Wesentliche konzentriert und Unwichtiges weglässt. Der hektische Charakter der heutigen Vorweihnachtszeit auch im Raum der Kirche lässt davon nur noch wenig spüren.

Die Bibeltexte der Adventszeit erinnern daran, dass wir uns nicht nur an die Geburt des Jesuskindes vor 2000 Jahren erinnern sollen, sondern dass es um mehr geht. Advent heißt Ankunft. Der Blick bleibt nicht bei Maria, Josef, der Krippe und den Hirten stehen, sondern er ist auf die Wiederkunft des Herrn gerichtet. Weihnachten – das ist der Beginn einer Geschichte, die in der Kreuzigung und Auferstehung Jesu ihren Höhepunkt hat und in der Wiederkunft des erhöhten Herrn ihren Abschluss findet. Ohne diesen Ausblick wäre Weihnachten mehr oder weniger gegenstandslos. Die Texte der Adventszeit erklären uns, warum wir überhaupt Weihnachten feiern. Den Zusammenhang beispielsweise zwischen Weihnachten und Karfreitag stellt Johann Sebastian Bach auf hervorragende Weise heraus, denn den Choral: Wie soll ich dich empfangen vertont er im Weihnachtsoratorium mit der Melodie: O Haupt voll Blut und Wunden. Das Kind in der Krippe: Das ist der gekreuzigte Christus, der am Ende der Tage wiederkommen wird.

Die ersten Gemeinden haben das Wiederkommen Christi noch sehr bald erwartet. Für sie gehörte das Warten zum Christsein dazu. Die Gemeinden, an die sich der Jakobusbrief richtet, gehören schon zur nächsten Generation. Ihre Geduld wurde auf die Probe gestellt, denn bis jetzt war die angekündigte und erwartete Wiederkunft des Herrn ausgeblieben. Ich stelle mir das wie auf dem Bahnhof vor. Erst hat der Zug 10 Minuten Verspätung, dann 30, dann eine Stunde und immer so weiter. Eine Vertröstung folgt auf die andere. Das Warten wird immer schwieriger und nerviger. Kommt der Zug überhaupt noch an oder haben wir die Mitteilung verpasst, dass er ganz ausfällt? Irgendwie finde ich es verständlich, wenn sich Ungeduld und Resignation breit machen: Wenn überhaupt nichts passiert, worauf sollen wir dann noch warten? Das ist vielleicht die Frage, auf die der Schreiber des Jakobusbriefes antwortet. Seid geduldig! Habt Ausdauer! Lasst nicht nach im Warten! Verliert das Kommen des Herrn nicht aus dem Blick, selbst wenn es sich immer weiter hinauszögert. Nur weil es bis jetzt noch nicht eingetroffen ist, heißt das noch lange nicht, dass es sich prinzipiell erübrigt hat. Das ist seine Antwort. Zur Illustration benutzt er ein Bild: Ein Landwirt muss Geduld aufbringen, ehe er die Ernte einfahren kann. Bevor es nicht geregnet hat, wächst nichts. Warten, abwarten können gehört sozusagen zur Professionalität eines Bauern dazu. Und dann den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um die Saat auszubringen oder die Ernte einzufahren. Das ist durchaus viel verlangt, aber das wird euch zugemutet.

Und wir? Was machen wir in unserer unruhigen Zeit, in der alles schnell gehen muss und das Warten ein Störfaktor ist? Worauf warten wir im Advent und zu Weihnachten?

Mit der Gemeinde des Jakobusbriefes haben wir gemeinsam, dass die Wiederkunft des Herrn immer noch aussteht, nur dass inzwischen einige Jahre mehr vergangen sind. Oder ist Gott schon längst wieder da, und wir wissen es nur nicht? Es ist in der Tat nicht ganz leicht, auf etwas zu warten, was sich immer weiter hinauszögert. Wie das Warten auf das Telefongespräch, das nicht zu Stande kommt, und statt dessen immer nur zu hören ist: „Bitte gedulden Sie sich noch einen Moment. Sie werden gleich verbunden.“

Gott mutet uns zu, dass wir uns in Geduld üben. Vielleicht ist das auch ganz gut so, denn sind wir überhaupt auf seine Ankunft vorbereitet? Die Aufforderung des Jakobus zur Geduld steht im engen Zusammenhang mit dem Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen: Da geht es darum, sich bereit zu halten, denn der Bräutigam kann jederzeit kommen.

Im Advent besinnen wir uns auf das Warten. Wir warten auf Gott, der zu uns Menschen kommt. Nicht nur als Kind in der Krippe. Sondern: Da kommt noch was …

Am Schluss möchte ich noch einmal den Text aus dem Jakobusbrief lesen:

[TEXT]

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