Sichtbar und spürbar

Unser heutiger Text zeigt den Täufer Johannes im Gefängnis. Er ist ein Todeskandidat und es wird nicht mehr lange dauern, da wird sein Kopf der Freundin des Königs auf einem silbernen Tablett serviert werden.

Johannes sitzt im wahrsten Sinne des Wortes im „Gefängnis“, und das nicht nur nach Außen hin, nein, in seinem Inneren herrscht tiefste Dunkelheit. In seinem Herzen nagen Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner Aufgabe und seiner Sendung als Vorläufer des von ihm angesagten Messias.

All sein Hoffen und alle seine Mühen sieht Johannes in Frage gestellt. Seine eigene Messiaserwartung scheint zusammengebrochen zu sein.

Geht es uns manchmal nicht auch so, wie Johannes dem Täufer? Auch wir sind dann gefangen in unserer Sorge und Angst und wir werden daran gehindert, das, was wir für richtig und wichtig halten, auch zu tun. Wir sind mundtot und können dann nicht das sagen, was wir gerade denken oder fühlen.

Ja, uns geht es tatsächlich auch manchmal so wie Johannes. Wir haben Wünsche, Hoffnungen und Ziele. Und dann müssen wir feststellen, dass wir uns geirrt haben. Für uns bricht dann eine Welt zusammen. Wie können wir weiterleben?

Dies sind Stunden, vielleicht sogar Tage und Monate, die in eine undurchdringliche Nacht der Seele und der Gottesferne führen können.

Johannes scheint in seiner Einsamkeit und Untätigkeit im Gefängnis in ein gefährliches Nachdenken und Grübeln geraten zu sein. „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ lässt er fragen.

Der Täufer hat jetzt Gelegenheit, seine Erwartungen mit der Erscheinung dieses Jesus zu vergleichen. Ist er´s oder ist er´s nicht? Habe ich letzten Endes auf den Falschen gesetzt?

Mit solchen Fragen, so denke ich, war Johannes wohl nicht allein. Es ist zu vermuten, dass all die biblischen Propheten, die Vermittler von Messiasverheißungen waren, ähnlich vor der Realität dieses Mannes aus Nazareth gestutzt und gefragt hätten. Und heute? – Das Fragen und das Stutzig werden um den Mann aus Nazareth hat nicht aufgehört und ist immer noch hoch aktuel

Wie? – der Retter der Welt soll im unscheinbarsten Winkel der damaligen Ökumene aufgetreten sein? Er soll ein Leben in aller Schlichtheit unter Fischern und Zöllnern geführt haben, abseits von jeglicher Kultur, Politik und ohne jede Schlüsselstellung? Er soll ein paar Kranke geheilt haben, als ob damit etwas für die Gesundheit der Weltbevölkerung getan wäre!

Ja, liebe Gemeinde, manchmal geht es uns auch so, wie Johannes dem Täufer. Wir sind gefangen in unseren Sorgen, Ängsten und Voreingenommenheiten.

Was bleibt uns da noch für ein Ausweg, als der des Johannes. Ganz schlicht und einfach zu „fragen“, zu unseren Zweifeln zu stehen und diese auch zu äußern. Denn nicht im Verdrängen unserer Fragen und auch nicht in einem trotzigen Aufbäumen unsererseits, sondern in einer schonungslosen Offenheit bahnt sich der Weg zu einer Lösung an.

Wie aber kann Jesus dem Menschen im Gefängnis und auch uns heute vermitteln, dass alles ganz anders sein kann, als er und wir es annehmen?

Wie kann Jesus uns heute das vermitteln, was wir erhofft und erwartet haben, dass dies tatsächlich kommt, allerdings in einer anderen Form? Wie kann Jesus unseren aufgewühlten Herzen Heilung anbieten?

Zu den Jüngern des Johannes aber sprach Jesus: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht.“

Er schlägt nicht und er schreit auch nicht dazwischen. Er vermag mit seinen heilenden Worten Augen zu öffnen, damit wir Gott richtig sehen können. Er richtet uns wieder auf, wenn wir niedergeschlagen sind und keinen Lebensmut mehr haben.

Verachteten und aus der Gesellschaft ausgestoßenen Menschen gibt er das Gefühl zurück, doch von Gott geliebt und gewollt zu sein.

Er hilft uns aufeinander zu hören und wieder von vorne anzufangen. Und die von uns hier und heute lebendig bereits gestorben sind, die werden von ihm ins Leben zurückgerufen.

Liebe Gemeinde, das muss uns aufhorchen lassen, ja, das muss uns wach rütteln. Jesus will uns für das Wort Gottes als einer frohen und befreienden Botschaft öffnen.

Eine frohe und befreiende Botschaft, die nicht niederdrückt, sondern aufrichtet, die innere Ruhe und Ausgeglichenheit schenkt und so auch hilft, das Leben im umfassenden Sinne anzunehmen und zu bewältigen.

Und das bedeutet, dass in unserem ganzen Verhalten etwas von der Freude der uns erfüllenden frohen Botschaft sichtbar und spürbar werden soll.

Sichtbar und spürbar durch unsere ermutigenden und aufbauenden Worte untereinander;
sichtbar und spürbar durch unseren helfenden und tröstenden Zuspruch;
sichtbar und spürbar durch unseren behutsamen Umgang mit Worten, ganz besonders dann, wenn wir etwas Ernstes zu sagen haben;
sichtbar und spürbar durch unsere Bereitschaft aufeinander zu hören und auch zuzuhören.

Diese Botschaft, liebe Gemeinde, will uns der Predigttext zum Ausdruck bringen. Wir allerdings erwarten immer etwas Besonderes vielleicht sogar eine Sensation; wir suchen einfach Abwechslung in unserem Alltag.

Jesus aber entlarvt schonungslos unsere oberflächlichen Erwartungen. Unserer geradezu pharisäischen Haltung stellt er die aufrechte Person Johannes des Täufers entgegen. Johannes, ein Mensch, der nicht bei jeder Erschütterung umfällt. Er ist ein Vorbild eines Verkünders ohne Furcht und falsche Kompromisse.

In dieser Zeit, der Zeit des Advents, sollten wir uns alle wieder ehrlicher der Botschaft des Wortes Gottes stellen und in uns Wurzeln schlagen lassen, auch wenn uns die Person Jesus Christus auch weiterhin mit Rätseln umgeben sollte.

Es ist eben so, wer von uns meint diesen Jesus aus der Distanz beurteilen zu müssen, der kann ihn nur missverstehen. Richtig verstehen und auch erkennen können wir ihn nur, wenn wir uns mit ihm einlassen, denn: Selig ist , der sich nicht an mir ärgert!

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