Sich von Gott bewegen lassen …

Liebe Gemeinde,

wir haben auf unserer letzten Israelreise diese Teichanlage Betesta in Jerusalem besichtigt. Sie ist einer der wenigen biblischen Orte, die bis heute sicher nachweisbar sind, einer der wenigen Orte, an denen man sagen kann: Hier genau hier hat das stattgefunden. Gut sind auch heute noch durch Ausgrabungen, die fünf Säulenhallen und die Teichbecken in der Nähe des historischen Schaftores zu sehen. Betesta – Haus des Erbarmes, heißt dieser Ort und es wird uns die Geschichte von der Heilung eines Gelähmten erzählt, die dort geschehen ist.

38 Jahre ist er dort gelegen. 38 Jahre hat er die Hoffnung gehabt in das heilende Wasser zu kommen. 38 Jahre, eine lange Zeit, hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben doch noch Heilung zu erfahren. 38 Jahre hoffte er, dass sich seine Lähmungen wieder lösen würden und er sich wieder bewegen könnte. 38 Jahre, liebe Gemeinde, in denen ihm selbst Betesta eben nicht zu einem Haus des Erbarmens geworden war, denn es fand sich niemand bereit ihn in das Wasser zu tragen. 38 Jahre, das ist wohl eine mit Bedacht erwähnte Zeitspanne, liebe Gemeinde.

Es fehlt eben nicht viel zu den berühmt bekannten 40 Jahren, die in der Bibel für die Zeit der Vollendung, der Erfüllung und der Heilung stehen. Nur zur Erinnerung: 40 Jahre dauerte die Wüstenwanderung, 40 Tage war Mose auf dem Berg um die Gebote zu empfangen, 40 Jahre regierte König David und König Salomo, 40 Tage war Jesus in der Wüste und noch viel häufiger wird uns von dieser Zahl 40 berichtet. Und von der Erfüllung, von der Vollendung, von Heilung, da war der Gelähmte eben nur um ein wenig entfernt davon. Aber nun ist das keine Geschichte, die ich ihnen einfach als Wundergeschichte aus dem Jerusalem von vor zweitausend Jahren erzählen möchte. Der Sinn, dass diese Erzählungen in der Heiligen Schrift enthalten sind, ist ja nicht nur, dass wir von Jesu Reden und Taten hören, sondern, daß wir darin selbst vorkommen, darin selbst etwas von Heilung erfahren.

Aber was könnte uns die Geschichte sagen, wie könnte sie uns, die wir hier in der Ranstädter Kirche zum Gottesdienst versammelt sind, weiterbringen und bewegen? Weiterbringen und bewegen, liebe Gemeinde, das sind schon einmal gute Stichworte. Denn ich denke mir, das kennen wir doch jeder für sich ganz persönlich nur zu gut, dass sich eben nichts bewegt, dass wir auf der Stelle treten, dass wir denken und ja auch immer wieder erfahren, da ändert sich einfach nichts in meinem Leben, das ist halt so, da ist nichts zu ändern.

Da erzählt mir die ehemalige Konfirmandin von ihren vergeblichen Versuchen eine Lehrstelle in ihrem Wunschberuf zu finden und sagt: Ich verliere langsam die Lust mich überall zu bewerben, das hat doch ohnehin keinen Sinn, da wird doch eh nichts draus. Da höre ich den Alkoholabhängigen, wie er mir von seinen vergeblichen Versuchen erzählt von seiner Sucht loszukommen und er sagt: ich bin da ganz und gar gefangen darin. Ich muss lernen mit dem Alkohol besser umzugehen, denn ohne geht es einfach nicht mehr. Und da ändert sich auch nichts mehr daran. Da sagt mir die Frau, die ihren Mann bsi in den Tod pflegte: ich kriege die Bilder seines Sterbens einfach nicht aus meinem Kopf. Das ist schon so lange her. Aber ich kriege die Trauer nicht mehr aus meinem Leben raus, die ist einfach da. Und dann kann ich mich kaum mehr bewegen und weine. Ich sage mir ja selbst, so kann das nicht weitergehen, das muss sich doch mal was ändern dran. Ich kann doch nicht Jahr für Jahr nur trauern, aber ich kann halt nicht anders. Die Trauer ist da und ich fürchte, da kann man auch nichts ändern mehr daran.

Liebe Gemeinde, das waren sicherlich etwas exponierte Beispiele dafür, wir verbreitet unter uns das Gefühl ist, in unserem Leben, mit unseren Sorgen, könne sich nichts mehr ändern, das sei eben so. Da tut sich nichts mehr. Aber ich denke, jeder und jede von uns kennt dieses Gefühl aus seinen eigenen Lebenserfahrungen heraus, ein Gefühl das lähmen kann, ein Gefühl, das uns verschlossen macht. Wenn wir spüren, da ist nichts mehr zu ändern, dann gleichen wir auf andere Weise dem Gelähmten, denn dann bewegt sich ja nichts mehr in unserem Leben, und vor allem, dann lassen wir uns auch nicht mehr bewegen. Aber ändert sich wirklich nichts mehr, ist da wirklich nichts mehr zu machen?

Ich stelle mir einmal vor, jeder von uns würde bei seinem eigenen Problem, dass da einfach nichts mehr zu machen sein, wie der Gelähmte von Jesus gefragt werden: "Sag mal, willst du gesund werden?" Sag mal; willst du hier liegen bleiben, oder dich in Bewegung setzen lassen und dich bewegen? Oder ich will das durchaus mal provozierender fragen und mir diese Frage durchaus auch selbstkritisch stellen: Sag mal, willst du dich denn weiterhin verkriechen, dich abschotten und weiter nichts mehr von deinem Leben erwarten, als dies, dass sich da nichts mehr ändert, als dass du von deinem Leben nicht mehr viel erwarten könntest? Du kannst nicht warten bis dich jemand anderes ans Wasser trägt, du kannst lange in deiner Klage bleiben, dass sich nichts ändert und dann wird sich auch nichts ändern. Und dann stelle ich mir vor Jesus würde im übertragenen Sinn sagen: Du kannst aber auch dein Bett nehmen und gehen. Du kannst den Anfang machen und dich bewegen. Höre nicht auf dich zu bewerben, versuche weiter vom Alkohol loszukommen, geh hinaus in das Leben und verlasse deine Trauer. Es kommt auf dich an und nicht zuletzt darauf, dass du mir vertraust, sagt Jesus.

Das christliche Leben, liebe Gemeinde, ist wohl eine gute Mischung zwischen Selbstvertrauen und Gottvertrauen und wahrscheinlich hängt beides sogar untrennbar zusammen. Du kannst etwas ändern, wo du dich von Jesus ändern läßt. Du kannst etwas bewegen in deinem Leben, wo du dich durch Jesus bewegen läßt, heraus ins Leben, heraus aus deiner Angst, heraus aus deinem Klagen. Du brauchst es ja nicht allein zu tun, Jesus ist bei dir. Er packt ja mit an und trägt dich. Ich habe Menschen erlebt, liebe Gemeinde, die haben mir von einer solchen Heilung zum Leben erzählt, da hab ich erlebt wie auf einmal alles neu in Bewegung gekommen ist, durch ihre Zuversicht, durch ihren Mut und nicht zuletzt durch Gott und das Vertrauen, das sie in ihn setzten. Oft warten wir ja darauf, dass sich etwas ändert in unserer Umgebung und vergessen dabei, dass jede, aber auch wirklich jede Veränderung damit beginnt, dass sich etwas bei mir tut und ich mich verändere, verändern lasse. Oft warten wir darauf, dass sich etwas um uns herum bewegt, liebe Gemeinde, und vergessen dabei, dass sich schon viel bewegt, wenn wir uns bewegen lassen, zu einer anderen Einstellung etwa zum Partner, zu einer anderen Einstellung zum anderen Leben vielleicht, vielleicht auch zu einem ersten Schritt auf unseren Nächsten hin.

Christliches Leben, liebe Gemeinde, findet nicht im Stillstand statt, ist immer in Bewegung. Ist immer in Bewegung auf Gott hin im Vertrauen darauf, dass Gott uns entgegenkommt.Gott kommt dir von vorn entgegen, schaut dir ins Gesicht, so sang einmal der Liedermacher Manfred Siebald.

Das Leben begegnet dir von vorne, in der nächsten Minute, in der Zukunft, in der Zuversicht, nicht im Stillstand, nicht wenn du dir die Bettdecke über den Kopf ziehst. Gott setzt dich in Bewegungen und löst, was dich lähmt, was dich gefangennimmt. Vielleicht bist du ja auch nur eine kurze Zeit von der Heilung entfernt, wie jener Gelähmt nach 38 Jahren. Vielleicht fragt dich Jesus ja heute: Willst du gesund werden? Und dann nimm dein Bett, nimm deine Bequemlichkeit, nimm deine Resignation, nimm deine Klage und geh, geh mit Gott ihm entgegen und dein Leben kommt in Bewegung. Das ist nicht immer einfach. Aber es ist gut, wenn wir uns von Gott bewegen lassen.

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