Sich der Zukunft öffnen

„Ich will dir folgen, wohin du gehst.“ Es ist doch prima, dass es Menschen gibt, die Jesus so toll finden, dass sie mit ihm ziehen wollen. Aber Jesus dämpft die Euphorie. Denn es gibt viele Menschen, die groß ankündigen: „Ich gehe mit dir! Wenn es sein muss, bis ans Ende der Welt.“ Nicht nur Jesus wird so etwas gesagt, sondern auch Anderen: dem geliebten Partner, den Freunden, allen möglichen Führergestalten. Doch wenn es ernst wird, lässt die Treue bei Manchen schnell nach. Der gute Wille hat sich in Wohlgefallen aufgelöst.

Und Jesus ist kein Rattenfänger, der die Menschen einfach so in Beschlag nimmt und eventuelle Schwierigkeiten verschweigt. Er ist ehrlich und fragt zurück: Mit mir zu gehen, ist nicht einfach. Traust du dir das zu? Jesus trifft hier auf drei Menschen, die ihm folgen wollen. Und er benennt drei Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Erstens: Jesus nachfolgen heißt, mit ihm unterwegs zu sein.

In der Forschung wird vermutet, dass Jesus durchaus ein festes Zuhause hatte – in dem Städtchen Kapernaum. Trotzdem wirkte er überwiegend als Wanderprediger, indem er mit seinen Jüngern in Galiläa umherzog und sich später auf den Weg nach Jerusalem machte. Die Wandertätigkeit passte zur Botschaft, die Jesus zu übermitteln hatte, denn ihm ging es darum, die Menschen auf den Weg zu bringen, auf den Weg zu Gott. Vielen Lahmen hat er wieder auf die Beine geholfen, dass sie aufrecht gehen und sich auf den Weg machen konnten. Auch die innerlich Erlahmten sollten wieder in Bewegung kommen. Es gab Viele, die nicht mehr bereit oder in der Lage waren, sich zu bewegen, den angestammten Platz zu verlassen. Da waren gesetzestreue Juden, die akribisch auf die Bestimmungen der Tora, des jüdischen Gesetzes achteten, aber dabei ganz vergessen hatten, was Gott von ihnen will. Sie klebten starr am Buchstaben des Gesetzes und hatten das Augenmaß verloren, das nötig war, um auf die Nöte der Menschen einzugehen. Da waren die Zöllner, die so in ihrer Habgier gefangen waren, dass sie von sich aus nicht zu einer Veränderung in der Lage waren. Da waren die Vielen Kranken und Behinderten, die von ihren Gebrechen beherrscht wurden. Da wo Jesus auftauchte, wurden die Menschen befreit und konnten sich wieder auf den Weg machen.

Aber es ist auch umgekehrt: Jesu Botschaft vom Reich Gottes lässt nicht zu, dass man sich häuslich einrichtet und es sich bequem macht. Wer sich auf Jesus einlässt, gerät in Bewegung. Das ist nicht neu, denn die Geschichte Gottes mit seinem Volk begann damit, dass sich ein Mensch auf den Weg machte: Abraham folgte Gottes Ruf und machte sich auf zu neuen Ufern. Er hatte nichts weiter als die göttliche Verheißung, dass er der Ahnherr eines großen Volkes werden sollte. Ansonsten wusste er nicht, worauf er sich einließ. Sicherheiten gab es nicht.

Jesus macht seinem Nachfolge-Interessenten unmissverständlich klar, was es heißt, mit ihm zu gehen: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. Das ist ziemlich viel verlangt. Wer möchte schon seine vertraute Umgebung, seine gesicherte Position, seine Sicherheiten aufgeben? Wir alle haben ein Bedürfnis nach Heimat. Es ist wichtig zu wissen, dass es einen Ort gibt, wo ich hingehöre, an dem ich mich geborgen fühle, der mir vertraut ist. Gerade in einer Zeit voller Umbrüche und Verwerfungen wie dieser sehnen wir uns nach einem Ort, einem Lebensbereich, in dem sich nicht so viel verändert, wo wir nicht aus der Bahn geworfen werden. Angesichts des Wortes Jesu ist es geradezu kurios, dass sich in der Geschichte ausgerechnet die Kirche zu einem Hort der Tradition und Beständigkeit entwickelt hat. In der Kirche überleben die alten Traditionen am längsten. Veränderungen werden im kirchlichen Bereich als besonders schmerzlich empfunden. Dabei ist christliche Existenz – ich setze dabei voraus, dass christliches Leben immer auch Nachfolge Jesu ist – auf dauernde Bewegung ausgerichtet. Jesus fordert seine Anhänger auf: Wer sich auf mich einlässt, wird ein unstetes und unruhiges Leben führen. Die frohe Botschaft vom Reich Gottes ist ja auch die Botschaft, dass alles neu wird; dass nichts bleibt wie es war. „Seht, ich mache alles neu.“ Das kündigt Gott im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung, an. Es wird nichts, aber auch gar nichts beim Alten bleiben. Die Botschaft Jesu führt unweigerlich zu Bewegung: Verkrustungen werden aufgebrochen. Eingeschliffene Bahnen und Holzwege werden verlassen und neue Wegen mit neuen Perspektiven beschritten. Grenzen werden überwunden, Mauern durchbrochen. Aber das schafft nur, wer sich in Bewegung setzen lässt. Jesus mutet uns allerhand zu. Er fordert uns heraus. Heraus aus unserer gewohnten Umgebung, heraus aus unseren Schneckenhäusern.

Es kommt aber noch schöner, denn in der Nähe von Jesus hat der Tod nichts verloren. Das ist die zweite Konsequenz, die sich aus der Nachfolge Jesu ergibt. Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! So antwortet Jesus auf die Bitte eines Menschen, der seinen Vater beerdigen möchte, bevor er sich mit Jesus auf den Weg macht. Diese Worte sind für mich eine harte Nuss, die ich nicht knacken kann. Barmherzigkeit ist für Jesus ganz wichtig, aber hier ist er regelrecht unbarmherzig. Das Bestatten der Toten war in Israel – aber auch anderswo – nicht nur ein Gebot der Pietät, sondern es galt und gilt als wichtiges Werk der Liebe und der Barmherzigkeit. Nachdem Jesus am Kreuz gestorben war, veranlasste der jüdische Ratsherr Josef von Arimathäa die Bestattung und drei Frauen erwiesen Jesus einen letzten Liebesdienst, indem sie seinen Leichnam einbalsamierten. Und heute ist die christliche Beerdigung ein wichtiger Dienst der Kirche an den Menschen. Meine Aufgabe als Pfarrer ist nicht nur, die Hinterbliebenen zu trösten, sondern auch, die Verstorbenen würdig in die Hände Gottes zu übergeben. Die Beerdigung ist auch ein Liebesdienst an den Verstorbenen. Und das alles stellt Jesus in Frage?

Ich denke, dass die Zumutung dieser Worte Jesu bleibt, auch wenn sie sich aus einem anderen Blickwinkel betrachten lassen. Vielleicht will Jesus seinen Gesprächspartner überhaupt nicht daran hindern, an seinem Vater barmherzig zu handeln. Vielleicht meint er etwas ganz anderes? Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! Wer Jesus nachfolgt, wirkt an der Verkündigung des Reiches Gottes mit. Was mit dem Reich Gottes genau gemeint ist, darüber haben sich schon viele Menschen den Kopf zerbrochen. So viel ist jedenfalls sicher: Der Tod hat darin keinen Platz mehr. Das Reich Gottes, das ist das Leben pur. Es steht nicht wie das irdische Leben unter dem Schatten des unentrinnbaren Todes, der jede und jeden von uns unweigerlich ereilen wird – früher oder später.

Vielleicht meint Jesus genau diesen Kontrast: Wenn du dich mit mir und mit dem Reich Gottes einlässt, dann hat der Tod keinen Raum mehr bei dir. Du hast es nicht mehr mit dem irdischen Leben zu tun, das von der Vergänglichkeit und vom Tod überschattet ist; mit dem Leben, in welchem die Barmherzigkeit an den Verstorbenen ihren wichtigen Platz hat. Stattdessen hast du es mit dem ewigen Leben zu tun, und es ist nicht mehr deine Aufgabe, dich um die Toten zu kümmern. Das sollen die Toten selbst machen. Vielleicht meint Jesus seine Worte auch so wie sie sind: Dann wären sie die Aufforderung zu einer symbolischen Handlung, die zum Ausdruck bringen soll: Als Verkünder des Reiches Gottes habe ich mit dem Tod nichts zu schaffen. Auf jeden Fall wäre es eine Provokation.

Solange das Reich Gottes noch nicht zur Vollendung gekommen ist und wir dem irdischen Leben verhaftet sind, müssen uns diese Worte Jesu als Stein des Anstoßes erscheinen. Tod und Vergänglichkeit begegnen uns auf Schritt und Tritt. Das können wir nicht ohne weiteres abschütteln. Hier geht es uns nicht anders als Abraham: Wir haben die Verheißung, dass der Tod einst keine Rolle mehr spielen wird. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen und das Vertrauen zu Gott nicht zu verlieren.

Die Nachfolge Jesu enthält noch eine dritte Konsequenz: Mit Jesus geht es in die Zukunft. Auch das dritte Nachfolge-Angebot wird von Jesus mit einer Provokation beantwortet, denn den Wunsch, von der Familie Abschied zu nehmen, lehnt Jesus ab: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

Rechnet Jesus vielleicht damit, dass der Mensch, der sich erst noch von seiner Familie verabschieden will, überhaupt nicht wieder kommt, wenn er erst mal wieder zu Hause ist? Der Wunsch, erst noch ein paar Angelegenheiten zu regeln, ehe es los geht, enthält ja doch ein gewisses Zögerungsmoment: Vielleicht ergeben sich Dinge, die meine Entscheidung revidieren? Gerade für ältere Menschen ist die Erinnerung an frühere Zeiten, an Begegnungen, an Erlebnisse, sehr wichtig. Der Rückblick kann zur Klage und auch zur Dankbarkeit führen. Aber manchmal stehen vielleicht Entscheidungen im Leben an, die man nur mit dem Blick nach vorn treffen kann. Als Jesus zum See Genezareth kam und den Fischer Petrus mit seinen Freunden zu sich rief, ließen diese alles stehen und liegen und gingen mit Jesus. So berichtet der Evangelist Lukas.

Ebenso war es mit dem Zöllner Levi. Jesus sagte: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach. Ohne wenn und aber. Von Abschied oder von einem Blick nach hinten wird nichts berichtet. Es geht nicht um das, was hinter einem liegt, sondern ausschließlich um das, was vorne ist. Das Bild, das Jesus verwendet, ist deutlich: Wenn die Furche gerade werden soll, muss der Bauer schon nach vorn gucken. Wenn er dagegen nach hinten sieht, wird die Sache schief. Beim Auto- oder Fahrradfahren ist das genauso. Da müssen wir schon nach vorn sehen, sonst landen wir im Straßengraben oder es kommt noch schlimmer. Mein jüngster Sohn lernt gerade das Radfahren. An ihm lässt sich das schön beobachten, denn noch hat er nicht begriffen, dass man immer nach vorn gucken sollte. Aber sobald er sich in der Gegend umsieht, anstatt auf seinen Weg zu achten, lenkt er sonstwo hin.

Jesu Verkündigung ist nach vorn gerichtet. Es geht um die Zukunft. Das Reich Gottes hat begonnen und es wird sich vollenden. Jesus erwartet von seinen Nachfolgern, dass sie nicht am Vergangenen, am Althergebrachten festhalten, sondern dass sie sich am Zukünftigen, am Neuen orientieren. Denn nur wer sich der Zukunft öffnet, dem steht sie auch offen.

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