Sich auf den Weg machen

<i>[Vorbemerkung: Dies ist eine Predigt in einem musikalischen Gottesdienst in Gustedt.]</i>

Der Anfang der Weihnachtsgeschichte ist uns sehr geläufig und fast jeder von könnte ihn zitieren. Es begab sich aber zu der Zeit als ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde. Wir haben es ja eben noch einmal gehört. Der Schluss der Geschichte aber ist uns doch ferner. Irgendwie hört es im Stall von Bethlehem für uns auf. Da kommen sie an die Hirten und – wie der Evangelist Matthäus erzählt – die drei Weisen aus dem Morgenland. Und dann, was ist eigentlich dann? Hören wir, was Lukas erzählt.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Die Heilige Nacht war für die Hirten in der Darstellung des Lukas kein Ereignis, das man in seiner Besonderheit wohl wahrnimmt, aber dann ist doch alles schnell vorbei. Die Hirten gehen verschiedene Schritte, in denen Weihnachten wirksam wird.

Der erste Schritt ist der, dass sie sich einer Botschaft anvertrauen, nämlich der Botschaft der Engel: Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Das waren für die Hirten zunächst sicher sehr befremdliche Worte, die sie da gehört hatten. Der Heiland soll geboren sein, der erwartete Messias, der Retter, der die Menschen in die Lage versetzt vor Gott und den Menschen so zu leben, wie Gott es sich für diese Welt vorgestellt hat. Und er wird der sein, dessen Macht über aller menschlichen Macht steht.

Die Hoffnung auf diesen Messias war da, sie gehört zu dem Glauben der Hirten dazu. Und nun soll sich das erfüllt haben? Lasst uns nach Bethlehem gehen und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Aufbrechen, selber sehen, das war es, was die Hirten zuerst taten. Aufbrechen, sich auf den Weg machen, das heißt doch, weggehen von dem Ort, an dem man sich gerade befindet. Das tun ja auch viele Besucher der Weihnachtsgottesdienste. Aber brechen wir auch innerlich auf, machen wir uns innerlich auf den Weg zu sehen, was da geschehen ist? Ich denke, viele von uns sehen und erleben Weihnachten als ein Geschehen, das eben gefeiert wird, so wie wir es gewohnt sind, aber mehr dann auch nicht. Die Hirten zeigen uns, dass Weihnachten aber Aufbruch bedeutet. Aufbruch, um die Wahrheit zu sehen. Den Worten nachspüren im Leben, in den Erfahrungen, die wir tagtäglich machen, in den Anforderungen, die der Beruf oder das Privatleben oder das gesellschaftliche Leben an uns und anderen stellen, das wäre unser Weg, den wir gehen können und sollen angesichts der Weihnachtsbotschaft. Wenn der Friede der Menschen in diesem Kind liegt, was bedeutet das für unsere Auseinandersetzungen, für unseren Streit, für die politischen Auseinandersetzungen, die die Fanatiker immer wieder mit Gewalt lösen wollen, sogar in der Geburtsstadt des Friedensbringers? Kann er uns nicht fähig machen, dies alles zu überwinden, durch sein Wort von der Aufhebung der Gewaltspirale, weg vom Auge um Auge, Zahn um Zahn hin zu: liebe deine Feinde. Darin liegt Heil, Heilung. Und Gott hat den Anfang gemacht, indem er selber Mensch wurde und so dem oft feindlich gesonnen Menschen ganz nahe kommt. Und die Friedensbotschaft ist nur eine, die wir sehen, erkennen und begreifen lernen müssen, zu der wir uns aufmachen müssen. Da können wir nicht einfach sitzen bleiben und sagen, es ist nun einmal so, wie es ist. Die Weihnachtsbotschaft sagt jedes Jahr wieder: so ist es, aber so soll es nicht sein. Brecht auf, nehmt wahr, was Gott in die Welt gebracht hat.

Als Zeichen wird das Kind in der Krippe benannt. Kein glorreiches Zeichen, so wie Gott nur ganz selten große und glorreiche Zeichen setzt. Armselig, klein und unbedeutend liegt das Kind in der Krippe, armselig, klein und unbedeutend im Blick auf die Veränderung der Welt sind die Zeichen, die wir sehen können, um Gott in unserem Leben zu entdecken. Aber darin liegt gerade das Geheimnis Gottes, dass seine Macht in dem ohnmächtigen, kleinen und unscheinbaren liegt, darin dann aber um so machtvoller ist, man denke nur an das Kreuz am Ende der Lebenszeit des Kindes.

Angesprochen und getroffen von der Wahrheit der Botschaft breiten die Hirten diese Botschaft weiter aus. Religion ist für sie keine Sache des stillen Kämmerleins, des Alleinseins im Wald oder bei sich selber. Diese Botschaft drängt die Hirten nach draußen, sie wollen davon erzählen, wollen von dieser frohen Botschaft anderen weitergeben, damit sie auch etwas davon erfahren. Über Hoffnungen reden, über Glaubenserfahrungen reden, über das was uns innerlich wichtig ist, ins Gespräch kommen, das ist das, was die Hirten uns vor Augen stellen. Der Glaube an Christus ruft zum Gespräch, zum gemeinschaftlichen Glauben, der sich mitteilt. Wir haben das längst verlernt, über den Glauben zu sprechen. Das ist Sache der Fachleute. Im Alltag sprechen wir kaum davon, ja wir reden eher über Sexualität, als über unseren Glauben. Vielleicht könnten wir von den Hirten lernen, dass das, was uns innerlich bewegt und angeht, etwas ist, was wir mit anderen teilen können, war wir ihnen mitteilen können. Es müssen ja nicht nur die guten Botschaften sein, zum Glauben gehören auch die Zweifel und Klagen dazu. Wichtig aber ist, dass die Weihnachtsbotschaft, dass das Kind in der Krippe, dazu aufruft, ihn in die Welt zu tragen, auf dass alle davon etwas haben.

Und dann gehört sicher auch der Lobpreis Gottes dazu, in Worten, in Gedanken und Taten, auch mit Gesang, wie wir es heute tun. Darin erfüllt sich die Weihnachtsbotschaft und wird auch nach Weihnachten noch lebendig. Und das eben auch nach nun 2000 Jahren Christentum.

Am Schluss lassen sie mich noch einen Blick auf Maria werfen, von der es ja am Ende der Begegnung mit den Hirten heißt: sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Von den Hirten lernen wir die Außenseite des Glaubens, das nach draußen Gehen, das Suchen des Gespräches. An Maria wird die Innenseite des Glaubens gezeigt. Worte hören, sie innerlich bewahren, bedenken, immer wieder in sich wirken lassen, auch das gehört zum Glauben dazu. Wir haben ja nicht mehr als die Worte, allerdings haben wir auch nichts weniger. Der Glaube entwickelt sich aus dem Annehmen, dem Aufnehmen, dem zu eigen Werden der Guten Botschaft von Gott in Jesus Christus. Er entwickelt sich dadurch, dass man diese Worte in sich trägt und sie darin einlässt ins eigene Denken und Fühlen, das wiederum das Handeln bestimmt. Christsein lebt davon, dass wir die uns überlieferten Botschaften wie Maria hören mit offenen Ohren und Herzen, sie in uns bewegen, in Beziehung setzen zum Leben und daraus unser Leben gestalten. Und so beschreibt das Ende der Weihnachtsgeschichte das Leben des Glaubens als ein Geschehen der inneren und äußeren Gestaltung des Lebens von Jesus Christus her. Und es wird dort Weihnachten, wo diese Worte lebendig werden.

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