Selbstberuhigung oder Befreiung?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

"Ich habe mir nichts vorzuwerfen! So gut ich es eben kann, arbeite ich und kümmere mich um die mir anvertrauten Aufgaben. Da muss mir schon jemand nachweisen, dass ich es unredlich meine, mein Amt missbrauche und im eigenen Interesse handle. Was andere von mir sagen, über mich denken, ist mir in diesem Fall ganz egal."

Was beschleicht sie für ein Gefühl, wenn sie jemanden so reden hören? Ich werde misstrauisch. Gibt es so etwas, dass in einem Streitfall, einer wirklich für sich in Anspruch nehmen kann, alles richtig gemacht zu haben? Selbstverteidigung und Selbstrechtfertigung haben immer einen faden Beigeschmack. Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung liegen oft weit auseinander. Vermittler, Berater in so einem Konflikt zu sein, wo am Ende jeder an seine Anteile an einem Konflikt kommt, ist äußerst kompliziert und heute ein eigene Berufsrichtung und eine kostspielige Dienstleistung, ohne die es manchmal aber nicht mehr geht.

"Ich habe mir nichts vorzuwerfen, egal, was die anderen sagen." Diese Aussage, diese Position, die ich so mit gemischten Gefühlen höre, ist nun allerdings heute von keinem geringeren als dem Apostel Paulus zu hören und steht im Mittelpunkt des adventlichen Predigttextes.

Leidenschaftlich und ganz verletzbar schreibt er sich von der Seele, was man ihm in Korinth ankreidet und immer wieder nachsagt: dass er schwach sei in seinem Auftreten und Reden und letztlich nicht weiß, wovon er redet, weil er in die Tiefe und in die Geheimnisse, die Gott umgeben, nicht eindringen kann. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen. So gut ich kann, tue ich meinen Dienst als Apostel und als Prediger, nach meiner Einsicht predige ich Jesus Christus und versuche zu verstehen, was das Kreuz und die Auferstehung mit uns zu tun haben, was Gott für uns in dieser Gestalt des Jesus, den wir Christus, Gesalbten Gottes nennen, tun will. Diesen Dienst tue ich treu, mit allen Gefahren, die daran hängen, für Leib und Leben. Ich weiß, dass ich Gott nicht in allem erkennen und verstehen kann, dass mir manche Seite, manche Entscheidung, manche Fügung verschlossen und unverständlich bleiben. Und außerdem, steht es einem Menschen zu, über andere in ihrem Glauben und in ihrer Gottesbeziehung zu urteilen? Wer will sagen, wie weit einer auf seinem Weg mit und zu Gott schon gekommen ist. Wer will sagen, wo Glaube anfängt und Unglaube aufhört. Das ist allein Gottes Sache und zwar zu seiner Zeit. Gott wird am Ende alles ins rechte Licht rücken, wird ans Tageslicht bringen, wie ich’s meine und wie ich’s tue. Da bin ich mir ganz sicher. Jeder und Jede kann sich darauf verlassen, dass Gott am Ende sich das Leben anschaut und dann sein Lob verteilt."

Wie klingt diese Verteidigungsrede in ihren Ohren? Mir ist sie so schon viel sympathischer. Genauso ergeht es mir in meinem Alltag und in meinem Amt auch immer mal wieder und ihnen in ihrem Umfeld sicher auch: da werden wir angefragt und hinterfragt und letztlich in Frage gestellt. Ich gebe zu, dass dies keine vordergründig adventlichen Themen sind, obwohl das Gericht am Ende aller Dinge seinen Ort im Glauben und in der Verkündigung sehr wohl im Umfeld des zweiten Advents, des zweiten Kommens Jesu hat, wenn er "richten wird die Leben und die Toten". Aber ich finde die Verteidigungsrede des Apostels ungemein befreiend, wenn ich sie auf mich beziehe. Und da wo wir als Christen uns auch als Diener, als Mitarbeiter Christi verstehen, dürfen wir das.

1. Uns sind Gottes Geheimnisse anvertraut. Ein Geheimnis ist auf der einen Seite etwas, was mich neugierig macht, ich möchte es gerne lüften, es lebt aber auch davon, dass etwas verborgen, den Blicken entzogen bleibt. Eine schöne Beschreibung dessen, was Glaube ist. Etwas, was ich immer besser verstehen möchte, aber auch ein Verstehen, dass immer wieder an seine Grenzen stößt. Gott bleibt ein Geheimnis, aber er lässt mich immer wieder auch etwas erahnen und staunen, das Besondere und Entscheidende erkennen: Jesus Christus und was mit seinem Kommen in mein Leben, in meinen Alltag sich alles verändern kann. Und manchmal werde ich mich an diesem Gott dann ganz reiben, ihn nicht verstehen, leiden daran, dass er mir verschlossen und verborgen bleibt. Jeder mag sich an seine eigenen Fragen erinnern, die alle noch auf eine Antwort warten.

2. Ich muss mir kein abschließendes Bild von Anderen, von Mitarbeitern und Mitstreiterinnen, von Weggefährten und Geschwistern machen. Ich weiß auch nicht, warum dies allem Anschein nach schon von Anfang an so war, dass auch Menschen in der Gemeinde, selbst in der Zeit des begeisterten Aufbruchs der Versuchung nicht widerstehen konnten sich immer zu messen und zu vergleichen, immer meinten wie in einem geistlichen Konkurrenzkampf leben müssen. Müssen wir nicht. Gott schaut uns an und macht sich sein Bild von uns. Gott schaut uns an und er hat schon längst sein abschließendes Bild vom Menschen, das sich in ihm festeingeprägt hat: das Bild Jesu, der andere aufrichten, befreien, zum Leben tüchtig machen wollte. Es gibt keine Notwendigkeit und auch keinen Zwang zur geistlichen Konkurrenz. Ich muss mir auch keine Gedanken über den geistlichen Reifezustand anderer machen. Wir alle zusammen sind als Christenmenschen auf dem Weg – nicht mehr und nicht weniger. Wie weit einer schon vorangekommen ist, ist nicht entscheidend. Als Glaubende sind wir Lernende, jeder und jede für sich gleichermaßen.

Als Glaubende sind wir alle zusammen immer auch Fragende und Suchende und Hoffende und da hat keiner dem anderen etwas voraus. Gott ist es, der hinsieht und erkennt. "Der Mensch sieht , was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an." Vielleicht haben wir ja die Jahreslosung noch nicht ganz vergessen.

3. Und ein letztes: Gott stellt mich und mein Leben in das rechte Licht. Keine Angst davor! Paulus sagt: Gott macht das Trachten der Herzen offenbar und einem jeden wird von Gott sein Lob zuteil werden. Angst muss ich doch nur haben, wenn ich Tadel befürchte. Aber den droht der Apostel nicht einmal seinen Gegnern an. Seine Rechtfertigung ist anscheinend doch keine Selbstrechtfertigung, die andere ins Abseits stellt. Also haben auch wir wohl nichts zu befürchten, wenn wir wieder einmal bekennen: Christus wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten, nichts außer, dass Gott uns in sein Licht stellt und das uns zukommenden Lob ausspricht. Veränderung muss nicht mit Strafe beginnen. Es kann auch ein Lob sein . In diesem Sinn möge uns die Adventszeit vieles in einem neuen, befreienden Licht entdecken lassen.

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