Sehvermögen

Ahh! Dieser Text ist ein kleiner Anfangsteil von einer sehr wohl geschriebenen, faszinierenden, spannenden Geschichte aus dem Johannes-Evangelium. Sie liest sich wie ein Roman. Obwohl ich wirklich sehr gern die ganze Geschichte erzählen würde, werde ich es Ihnen allen ersparen. Sie können die Geschichte selber Zuhause lesen – Johannes Kapitel 9.

Aber kurz gefasst, Jesus gibt einem Mann der Blindgeboren war das Sehvermögen. Seine Nachbarn und Freunde fragen den Mann, was passiert gewesen war – einige möchten gar nicht glauben, dass es sich um dieselbe Person handelt. Der Blindgeborene wurde zu einem Vorverhör bei den Pharisäern geführt. Dann sind seine Eltern gefragt worden. Danach wurde der Mann noch einmal verhört. Am Ende ist er vom Tempel ausgestoßen worden. Jesus kam zu dem Mann und jetzt – diesen Teil muss ich Ihnen einfach vorlesen:

Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: "Glaubst du an den Menschensohn?" Er antwortete und sprach: "Herr, wer ist’s? dass ich an ihn glaube." Jesus sprach zu ihm: "Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist’s." Er aber sprach: "Herr, ich glaube," und betete ihn an. Und Jesus sprach: "Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden." Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und fragten ihn: "Sind wir denn auch blind?" Jesus sprach zu ihnen: "Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde."

Als ein Zeichen dafür, dass er das Licht ist, gibt Jesus einem Blindgeborenen das Sehvermögen. Jesus gab ihm aber zugleich auch viel mehr. Der Mann konnte plötzlich eine geistliche Wahrheit sehen – welche der Glaube ist. Er erkannte, dass Jesus doch Gottes Sohn war. Die Pharisäer, andererseits, sind in ihrer Blindheit gehärtet geblieben, obwohl sie im physischen Sinne doch sehen konnten.

Licht – Hier in dieser Geschichte sehen wir wieder, dass sehen viel mehr als Sehvermögen bedeuten kann. Es gibt unzählige persönliche Momente in jedem Leben, wo, erst im Nachhinein, ein "Licht" aufging, und dann – nur dann – wurden wir imstande gesetzt, das, was offensichtlich immer vor unseren Augen war, endlich zu sehen. Wir alle kennen diese Momente. Zum Beispiel, ich kann meine Schlüssel nicht finden – obwohl ich mehrmals nach ihnen gesucht habe. Ich suche sie wie verrückt. Dann später, sehe ich – wie sie ausgerechnet an einer Stelle liegen, wo ich mit hundertprozentiger Sicherheit meine, bereits geguckt zu haben.

Oder – Es gibt etwas in einer Beziehung was nicht ganz richtig ist – aber wir möchten es nicht wirklich sehen, bis plötzlich – das Problem vor uns ist, und zwar so offensichtlich, dass wir es gar nicht mehr leugnen können. Wir haben es vorher nicht richtig gesehen, obwohl wir irgendwo in unserem Hinterkopf schon etwas geahnt haben. Wir haben jedoch versucht, das Problem solange wie möglich zu verdrängen.

Noch ein Beispiel. Wir wissen, dass wir etwas falsch gemacht haben, wir möchten es aber nicht zugeben. Deswegen ignorieren wir es, lügen andere oder sogar auch uns selbst an, und hoffen, dass das unangenehme einfach von alleine weggehen wird. Es ist ein faszinierendes, psychisches Erlebnis – wenn wir etwas sehen, aber wir können der Wahrheit so lang entgehen – wir täuschen uns selbst – manchmal Lebenslang. Wir machen uns selber blind, weil wir, aus irgendeinem Grund, die Wahrheit nicht sehen möchten. Für manche Leute – die etwas furchtbares erlebt haben, – kann es ein Geschenk Gottes sein, wenn sie etwas aus ihrem Gedächtnis völlig austreiben können. Aber alles kommt irgendwann mal wieder ans Tageslicht. Aus unserer Epistel Lesung: "… habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird; denn alles, was offenbar wird, das ist Licht."

Alles was offenbar wird, das ist Licht. Alles was reinigt, alles was befreit, alles was Hoffnung für neues Leben bringt – das ist Licht – das ist Jesus Christus. Jesus war nicht mit dem Mann, gerade in dem Moment, am Teich Siloah, als er sein Sehvermögen bekam. Er war aber da als der Mann gesagt hat, "Herr, ich glaube!" Was wirklich klar war, war nicht, dass er sehen konnte – sondern, dass Jesus DIE ANTWORT auf alle seine Lebensfragen war. Jesus war DIE MACHT die er gesucht hat.

Ich meine – dieser Mann hatte vorher NIE GESEHEN! Wie konnte er wissen – wie konnte er sich wirklich nach etwas sehnen, was er eigentlich nicht vermissen konnte? Er war ein erwachsener Mann, der gelernt hatte, mit seinen Hindernissen zu leben. Der hat auch nicht von sich aus für das Sehvermögen gebetet. Die Jünger gingen zu ihm, weil sie wissen wollten wer gesündigt hatte, dass er Blind geboren war. Und Jesus – in seiner Wundervollen Weise, hat das Hindernis von diesem Mann in einen Segen umgewandelt – etwas außergewöhnliches, machtvolles, unerwartetes.

Dieser Mann hat sich alles mehrmals überlegt – er musste, weil er plötzlich von allen gefragt wurde – von seinen Nachbarn, Freunden, Eltern, den Pharisäern, und am Ende – von Jesus selbst. Er hatte genügend Zeit alles zu betrachten, und ich denke, dass es wirklich nicht so leicht für ihn war zu sagen, "Herr, ich glaube!" Aber er war nicht mehr blind – Jesus hat ihm sein Sehvermögen geschenkt. Der Mann hat aber an seine geistliche Erkenntnis zum Teil selber gearbeitet, und hat sich diese Offenbarung selber erleichtert. Ein Prozess hat sich in diesem Mann abgespielt. Jedes Mal, wenn er Fragen über sein Erlebnis beantworten musste, ist er der Erkenntnis bezüglich der Identität und Natur Jesu ein Stückchen näher gekommen.

Naja. Jetzt habe auf 4 Seiten fast ausschließlich über diese uralte Geschichte geschrieben. Nun komme ich zu heute – jetzt – zu diesem Augenblick. Sind wir schon soweit, dass wir sagen könnten – obwohl wir sehend sind – oder Brillen tragen, oder fast blind sind – dass wir das Licht von Jesus wirklich sehen können? Können wir sagen, dass Jesus etwas in unserem Leben offenbart hat? Worauf basiert unsere Behauptung, dass wir Christen sind? Sehen wir wirklich?

Was bietet Jesus diesem Mann? Lasst uns jetzt nicht an sein Sehvermögen denken. Das war, aus meiner Sicht, nicht das beste, was Jesus ihm gegeben hat. Erstens, hier ist ein Mann der blind geboren war. Nach den Interpretationen von manchen Leuten, heißt es in einigen Jüdischen Schriften, dass wenn ein Mensch ein Gebrechen oder Leiden hat, bedeutet es, dass entweder seine Eltern, Großeltern, seine Urgroßeltern – oder er selber, vielleicht sogar im Mutterkuchen – gesündigt hat. Deshalb war die Frage von den Jüngern so wichtig. Die ganze Familie hatte darunter gelitten, weil niemand wusste, wer der Sünder war. Wenn Jesus den Sünder enthüllen könnte, würde es für die anderen die Befreiung vom Schuldverdacht bedeuten. Bis zu dem Zeitpunkt war die ganze Familie ein bisschen, wenn nicht sehr – "suspekt".

Jesus sagte "Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern." Jesus hat diese Familie von ihrer Schuld befreit – und Jesus kann uns alle befreien, von den Dingen in unserem Leben wo es Dunkel ist – wo wir uns noch schämen – Dinge, die wir eigentlich nicht sehen möchten – wo wir Angst haben und befürchten, dass wir verletzt und verlassen werden könnten, wenn sie ans Tageslicht kommen. Jesus hat die Macht uns von Schuld, von Schmerz, von Scham, von Angst, und von Hass zu befreien.

Jesus hat diesen ausgestoßenen Mann und seine Familie in eine Gemeinschaft gesammelt, in der alle einander unterstützen – und täglich miteinander über das Leben, das Gott uns geschenkt hat, staunen können. Dieses Leben kann wirklich voller unglaublicher Freude und Macht sein. Aber unsere Augen sind nicht immer offen dafür. Wir sehen all zu oft nur den weltlichen Kram und nicht Gottes schöpferische Hand. Wir sehen nur die Aufgaben, aber nicht die Herausforderungen, die uns Weisheit schenken. Wir sehen die Last und nicht die stärkenden Aufgaben. Wir sehen den Regen und suchen nicht nach dem Regenbogen. Sind wir blind?

Ich habe eine Hausaufgabe für jeden hier heute. In dieser Woche machen sie es zu ihrem Mantra – zu ihrem immer wieder gesprochenen Gebet – mehrmals am Tag – diese Worte: Gott, gib mir Augen, damit ich dein Reich sehe. Und dann – meine Lieben Freunde – öffnen Sie Ihre Augen und erwarten Sie Wunder!! Sie werden sie sehen! Mögen wir das Licht suchen – Gott, gib uns Augen, damit wir dein Reich sehen. Lesen Sie Kapitel 9 vom Johannes-Evangelium – und beten Sie für das Licht von Gottes Reich – mehrmals am Tag. Und dann teilen Sie mir, oder einem anderen Menschen, das mit, was sie gesehen haben. Momente, in denen, zum Beispiel, etwas, was vorher unbegreiflich erschien, plötzlich verständlich wurde. Erlebnisse, die Ungläubige nur als "glückliche Zufälle" beschreiben würden. Situationen, in denen Sie, ganz unerwartet, Hilfe von jemandem bekommen haben, oder erkannt haben, dass Sie jemandem behilflich sein konnten. Gott will, dass Sie nach ihm suchen – und er wird Sie nicht enttäuschen!

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