Seht euer Gegenüber mit Gottes Liebe

Liebe Gemeinde,

da hatte ich anfangs ganz schön Schwierigkeiten, wir waren abgeirrt und waren hassenswert. Da habe ich erst mal gefragt: wer ist denn dieses WIR und was hat das mit Weihnachten zu tun. Da WIR, so habe ich begriffen, sind die Christen von damals. Der Schreiber dieses Briefes macht deutlich: Christ werden, getauft werden, das ändert das Leben. Weiter dachte ich: na gut, aber wie willst Du das für heute umsetzen. Waren denn die, die da heute kommen, wirklich so schlimm und haben sich durch die Taufe so geändert? Und dann geschah zwei Tage vor Weihnachten dieses Unfassbare – ein guter Freund von uns wurde auf dem Heimweg von einem Konzert in München von drei Rechten Jugendlichen überfallen und schwer verletzt. Und zusätzlich im Krankenhaus noch wie ein Verbrecher behandelt. Und ich merkte: ich bekam Wut auf diese Menschen, auch Angst, denn es hätte auch in Zittau sein können. Oder Bautzen oder Dresden. Und fast, als passte es zusammen, hörte ich von einem Jungen, der von seinem Vater ständig geschlagen wird und Gewalttäter in der Schule ist. Und auch zwei Tage vor Weihnachten hörte, ich das sich bei 14-jährigen schon alles darum dreht, wo und mit wie viel Alkohol und Knallern sie Silvester feiern werden. Weihnachten war längst gehakt. Und nur zum Kopfschütteln ist das alles zu ernst.

Dazwischen die Dudelei im Radio und die Rede von der weißen Weihnacht. Und dieser ganze Bibeltext rutschte wie von selbst in unsere Zeit. Es war als wäre Weihnachten nie passiert. Wie viel Haß ist unter uns, den wir vielleicht nie so nennen würden. Aber, was ist es sonst, wenn nicht Hass, wenn eine Mutter ein Kind schlägt, was ist es sonst, wenn nicht Hass, wenn ein Kind mit einer vier Hausarrest bekommt. Was anders als Hass ist es, wenn auf der Hauptstraße in Leutersdorf ein Auto mit 100 Sachen ein anderes erholt und den Gegenverkehr in Schrecken versetzt. Und wer mit vierzehn raucht, der hat sich einfach nicht lieb, statistisch gesehen krepiert jeder zweite an Lungenkrebs. Kommen wir aus all dem nicht mehr raus?

Müssen andere sterben, weil Busfahrer Angst um ihren Arbeitsplatz haben und holländische Brummis restlos überladen werden? Wie viele Konflikte in den Familien entstehen nur dadurch, weil zwei erwachsene Menschen das Leid ihrer Kindheit aneinander ausleben? Wo ist da der Lichtblick? Ich rede nicht davon, dass alles teurer wird, das war abzusehen und ist in Wirklichkeit nicht unser Problem. Denn die Hauptgefahr geht von unseren Seelen aus. Denn wie viel Geld könnten die Krankenkassen sparen, wenn die Unfälle nicht wären. Und irgendwo sind wir alle mit dabei. Dieses WIR aus unserem Text das meint uns. Und es wäre höchste Zeit, einmal zu überlegen, wo wir alles mit drin hängen. Und dann zu schauen, wie aus dem Heute ein besseres Morgen werden kann. So, dass wir sagen können: ja, wir waren früher so, aber heute ist es wirklich anders. Und damals hieß es: weil die Freundlichkeit Gottes erschienen ist. Freundlichkeit gegen den Hass. Neue Wege gegen die Irrwege.

Klare Sicht statt diese Verneblung. Und das wäre Weihnachten. Vielleicht haben die unbewusst recht, die aus Protest gegen diesen ganzen Rummel Weihnachten ablehnen. Sicher nicht der richtige Weg, aber vielleicht ein Ausrufezeichen, dass wir mit Stille Nacht heilige Nacht und vielen Schneeflöckchen Weihnachten zugedeckt haben. Auch mir gefällt die weiße Weihnacht, aber sie ist Betrug. Denn Jesus ist in einer Sommernacht geboren. In einer Zeit als ein blutrünstiger König herrschte und die Welt nicht anders war als heute. Und da hinein und heute hinein kommt Gott mit seiner ganzen Menschenliebe. Und damit das nicht wieder nur ein Wort bleibt, packt er sein ganzes Wesen in das Jesuskind. Eine Liebe, die nicht mit Macht kommen kann, der wir uns wie dem Lächeln eines Kindes nur aussetzen können. Und als Jesus groß ist, macht er es einfach vor. Und sagt: folgt mir nach. Streichelt die Kinder, aber schlagt sie nicht, dann werden sie keine Gewalttäter. Gebt den Gestrauchelten eine Chance, denn ihr strauchelt oft genug selber. Lasst eure harten Herzen erweichen und ändert euch. Trennt euch von euren Prinzipien, von denen ihr auch noch meint, sie seien gottgefällig. Nehmt einfach die Liebe von Gott auf. Und dann seht euer Gegenüber mit dieser Liebe.

Wie sieht Gott ein Kind, eine Frau, einen Mann, einen Ausländer, wenn das bei anderen ankommt, wird das Leid kleiner. Wenn Gottes Menschenliebe auch unsere Menschenliebe wird, da scheint ein Fünkchen mehr Licht. Da können wir uns unter diesen Text stellen und sagen: früher und heute.

Ganz bestimmt liebe ich auch die Weihnachtslieder und Weihrauchduft, aber ich will aufpassen, dass sie ihren Sinn behalten. Denn sie sind auch gedichtet worden, um das Gleiche zu sagen: Christ der Retter ist da, er will Euch führn aus aller Not, Welt ging verloren, Christ ward geboren, er will euch führn aus aller Not, kitschig sind sie gar nicht, sondern haben genauso deutlich und nüchtern diese Welt im Blick. Eine Welt, die immer und immer wieder verloren ist und in der Gott immer wieder mit seiner Freundlichkeit und Menschenliebe erscheint.

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