Segen – das freundliche Gesicht Gottes

Liebe Gemeinde,

"Herr Pfarrer – sie haben am Schluss den Segen vergessen", sagte eine alte Dame beim Verabschieden an der Kirchentür. Sie tat es mit einem Ausdruck der Missbilligung und des Tadels. Nein, ich vergaß nicht den Segen zu sprechen, aber es war eine andere Formulierung als die vertraute "Der Herr segne dich und behüte dich …" Offensichtlich gibt es Worte, Lebensworte, darauf wartet die ganze Gemeinde. Worte, die so lebensnötig sind wie das tägliche Brot oder die Luft zum Atem. Dazu zähle ich inzwischen auch den gottesdienstlichen Segen, der uns seit Kindertagen vertraut, einlädt unser Dasein Gott anzuvertrauen.

Der Herr segne dich und behüte dich. Am Anfang steht diese große Erfahrung Israels, dass Gott mitgeht. Er überließ sein Volk nicht der Willkür der ägyptischen Siegermächte, nicht den lebensfeindlichen Kräften der Wüste und überlässt Israel auch nicht sich selbst. Er überlässt die Welt nicht sich selbst, nachdem er sie geschaffen hatte. Die Erzählung von der Schöpfung endet in jedem Abschnitt mit dem Zuspruch, dass Gott segnete: Pflanzen und Tiere, das Menschenpaar und als krönenden Abschluss, den 7. Tag, den Sabbat, den Feiertag. Der Tag des Segens soll allen Kreaturen einen Raum bieten, eine Oase, in der sie sich als Gesegnete an Gott und seiner Schöpfung freuen.

Immer wieder erfuhren Menschen, dass Gott mitgeht und sie nicht gottverlassen ihren Weg gehen müssen. Abraham folgt dem Ruf Gottes und hört Gottes Zusage: "Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein" Auch der Segen Gottes will geteilt sein. Menschen können für andere zum Segen werden, und so bleiben sie nicht für sich allein. Es gibt den Segen nicht als Privateigentum. Jakob allerdings muss um den Segen kämpfen, nachdem er sich den Erstgeburtssegen seines Bruder und den väterlichen Segen mit einem Linsengericht erschlichen hatte. Aber nun bei der Überquerung des Flusses Jabbok in der Nacht bevor er mit seinem Bruder Essau zusammentrifft, gerät er mit einer unbekannten Gestalt ins Gehege. Er ringt mit dieser. Ist es ein Flussdämon, ein Engel, sein schlechtes Gewissen, Gott selbst? Das bleibt im Zwielicht der Morgendämmerung undeutlich. Gegen Ende des Zweikampf fordert Jakob: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er geht als Sieger hervor, allerdings nicht unbeschadet. Er hinkt. Er wird auch danach Gott immer nur hinterherhinken müssen. Der Segen Gottes bleibt eine Gabe, und das Leben angesichts der aufgehenden Sonne wie eine Wiedergeburt, auch das beschädigte Leben bleibt eine Gnade. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir.

Das gerade das verletzbare, gefährdete Leben von Gott in Schutz genommen wird, wird für mich daran deutlich, dass Jesus die Kinder segnet: Gott segne dich und behüte dich … Die sind besonders schutzbedürftig, sind die schwächsten Glieder in einer Gesellschaft. Für die Kinder nimmt Gott in Jesu Partei, und stellt sie in die Mitte seiner Jünger, in die Mitte seiner Gemeinde. Kinder wachsen, brauchen Liebe und Geborgenheit, dass sich ihre Kräfte entfalten. Der Segen Gottes ist die Kraft, die den inneren Weg als Christin und als Christ fördert. Wir dürfen unter der Sonne und im Licht Gottes wachsen; unser Glaube darf sich entfalten, gleich wie brüchig, verletzbar und verwundet er sein mag. Auch das dürfen wir Gott anvertrauen, dass daraus Heil und Heilung erwachse.

Der Segen Gottes, am Ende des Gottesdienstes, uns zugesprochen, erinnert daran, dass die Liebe Gottes uns wohltut; – spürbar wohltut in Jesus Christus; wirksam in der Erfahrung der Lebendigkeit des Heiligen Geistes. Es erinnert uns an das Gesicht Gottes. Und es ist das freundliche Gesicht Gottes, das uns entgegenleuchtet, seine Güte. Ich bin gemeint. Ich bin kein Massen-Mensch. Der Segen, seine Freundlichkeit, gilt mir. Einer meiner theologischen Lehrer wies darauf hin, dass dieser Segen eine Erinnerung wachruft, die vielen von uns vertraut ist, auch wenn wir uns daran so nicht mehr erinnern: es meint das leuchtende Gesicht, die freundlichen Augen von Mutter oder Vater über dem Kinderbett. So muss der Segen Gottes sein. Sein freundliches Gesicht über mein Leben, seine Güte über meinen Alltag, sein heilendes Wort in mein Zweifeln. Gott geht mit, und wo Gott mitgeht, tut dieser gut. Auch wenn wir uns nicht immer daran erinnern, auch wenn das Kindsein und die Wärme des Anfangs verloren ging. Auch wenn Sorgenwolken den eigenen Himmel verfinstern. Das freundliche Gesicht Gottes verbirgt sich dahinter: Gott hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Aus der Tiefe der Erinnerung, der sehr persönlichen, des Gedächtnisses vieler Generationen, der Väter und Mütter des Glauben, der vielen Orte der Gottesdienste, hier und überall, steigt dieser Segen empor wie Wasser, das als Nebel, den Weg zum Himmel findet und wieder als Regen verteilt, allen zugute kommt. So stelle ich mir Gottes Segen allumfassend vor. Dieser Segen bindet; diese Kraft verbindet, weist über mich selbst, über unsere Gemeinde heute morgen, und über unsere Welt hinaus. Ich bin darin nicht mir selbst überlassen, seit Anbeginn der Schöpfung, seit Israel seinen Weg mit Gott suchte und ging; seit dem die Nachfolge Jesu diesen Weg auch uns eröffnet, seitdem ich atmen und beten kann. Wir dürfen aus diesem Gottesdienst als Gesegnete Gottes gehen in eine Welt, der Gott sein freundliches Gesicht und seine Güte zeigen möchte. Und wenn sich das in unseren Gesichter wiederspiegelt würde, wären wir gute Botschafterinnen und Botschafter der Botschaft Jesu, die keinen Menschen, keine Kreatur und nicht die Welt verloren und vergessen gibt.

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