Segen als Lebenskraft

Jedem Sonntag ist ein so genannter Predigttext zugeordnet, das wissen die meisten von uns. An diesem Sonntag ist es ein ganz bekannter Text, den Sie vermutlich alle kennen, denn er kommt in fast jedem Gottesdienst zur Sprache.

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Dieser Segen ist uns vertraut, mit ihm gehen wir nach den Gottesdiensten in unseren Alltag. Ich bin nun 12 Jahre im Amt, habe diesen Segen schon sicher über tausendmal gesprochen, habe ihn auch schon mal verkehrt gesagt, aber eines habe ich noch nie getan: ich habe noch nie über diesen Segen gepredigt. Sollte man überhaupt einen solchen Text in einer Rede etwas sagen, ist das nicht ein Text, er einfach so seine Wirkung hat? Im Grund ist das so und doch ist es sicherlich auch wichtig für uns, dass wir uns über den Segen einmal unsere Gedanken machen. Denn, ehrlich gesagt, das Wort Segen ist gar nicht so selten bei uns, aber haben sie schon einmal intensiver darüber nachgedacht? Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht über das, was Segen bedeutet? Im Alltag begegnet uns das Wort Segen vor allem im Bereich von Geburtstagen und Jubiläen: Viel Glück und viel Segen wird gesungen, herzliche Segenswünsche ausgesprochen, Gottes Segen gewünscht. Wir kennen auch Worte wie: meinen Segen hast du! Dazu kann ich meinen Segen geben. Er muss es erst noch absegnen. Auch sprechen wir von einem gesegneten Alter, wenn jemand jenseits der 80 Jahre alt geworden ist. Im kirchlichen Rahmen ist der Segen eine feste Größe: er schließt den Gottesdienst ab, kein Gottesdienst ohne einen Segen. Dann kennen wir den Segen bei der Taufe: das Kind wird gesegnet, die Eltern und Paten werden gesegnet. Bei der Konfirmation werden die Konfirmanden eingesegnet. Die Hochzeit in der Kirche wird häufig damit begründet, dass man den Segen Gottes für das gemeinsame Leben haben möchte. Und auch am Ende des Lebens gibt es noch einen Segen, die so genannte Aussegnung: sei es zu Hause, bevor der Verstorbene aus dem Haus getragen wird – leider wird dies kaum in Anspruch genommen – oder in der Friedhofskapelle, wenn wir zusammen mit dem Verstorbenen in das Segenswort: der Herr segne deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit hineingenommen werden.

Sie merken, wie sehr das Wort Segen unser Leben begleitet, es ist uns selbstverständlich, aber ist uns auch der Segen selbstverständlich? Eher nicht. Die Bibel kennt verschiedene Segensereignisse, in den Lesungen haben wir davon gehört. Was diese Ereignisse miteinander verbindet, das ist die Tatsache, dass es für das Leben der Menschen eine Kraft und Macht gibt, die das Leben fördert und begleitet, die es umgreift und somit zu einem Raum werden lässt, in dem die Kräfte des Lebens wirksam sind. Da ist der Segen für den Noah, nach der großen Flut, die alles Leben dahingerafft hat, außer das auf der Arche. Ich will die Erde hinfort nicht mehr verfluchen um der Menschen willen. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Das ist ein ungeheures Versprechen Gottes. Es ist so etwas wie ein Ur-Segenswort, das uns da gegeben ist. Denn in der Wirklichkeit dessen wird Gottes Segen sichtbar. Jeden Tag neu wird dieser Segen sichtbar im Sinne der Fruchtbarkeit, der Lebenskraft, die in dieser Schöpfung steckt. Jeden Tag wird neues Leben geschaffen, wird Leben erneuert, wird die Kraft zuteil, dass unser Leben weiter voranschreitet. Das ist für uns so selbstverständlich und normal, dass wir uns darüber überhaupt keine Gedanken machen. Und doch ist es das Segenshandeln Gottes, das dies hervorbringt, es ist die Lebenskraft Gottes, die unsere Welt jeden Tag neu, ja jede Stunde und Sekunde am Leben erhält. Segen wird sichtbar in der Welt um uns herum. Und dies gilt auch, wenn wir jede dieser Prozesse naturwissenschaftlich erklären können, wenn wir forschen in den Genen und ihren Funktionsweisen. Dass dies so funktioniert, dass es am Leben erhalten wird, das kann kein Mensch schaffen, sondern darin liegt eine andere Lebenskraft, die wir Glaubenden mit dem Segenshandeln Gottes umschreiben.

In der Natur gibt es den Menschen. Und da erzählt uns die Bibel, dass der Mensch hier herausgehoben wurde. Und Gott segnete Mann und Frau und sprach: seid fruchtbar und mehrt euch und fülltet die Erde. Macht sie euch dienstbar, bebaut und bewahrt sie. Gottes Beziehung zum Menschen sieht so aus, dass er eine ganz besondere Nähe zum Menschen haben wollte. Der Mensch empfängt einen eigenen Segen, den die Natur so nicht empfangen hat. Der Mensch wird dadurch ausgezeichnet, dass er an dem Segenshandeln mitwirken kann. Nur dass der Mensch dieses Handeln auch in eine andere Richtung lenken kann. Menschliches Handeln kann zum Segen oder zum Fluch werden. Es gibt genügend Beispiele für solches Handeln: angefangen von dem Entdecken des Metalles, das zum Nutzen des Menschen, aber in den Waffen auch zum Schaden des Menschen eingesetzt werden kann, über die Atomkraft, deren Energie sinnvoll sein kann, deren Abfallprodukte bis hin die Atombombe jedoch ein Fluch des menschlichen Leben sind. Und so geht es sicher weiter in den neuesten Forschungen bezüglich der Stammzellen von Embryonen. Darin kann Segen liegen, Hilfe für Menschen, Weiterentwicklung menschlicher Möglichkeiten in der Bekämpfung von Krankheiten, aber es liegt eben auch der Fluch ganz nah, dass Menschen zu Objekten werden, Menschen den Wahn des perfekten auch auf den Menschen übertragen wollen. Segen heißt also auch Verantwortung zu übernehmen, sein Handeln zu überprüfen, aber vor allem auch seine geschöpflichen Grenzen zu erkennen. So sehr wir Menschen wir auch Gesegnete sind, wir haben die Welt nicht in der Hand, wir sind nicht Gott, auch wenn wir uns manchmal dafür halten. Gesegnet sein, das ist das wunderbare Wissen, dass wir an Gottes lebenschaffender Kraft anteil haben, dass wir am Bau seiner Welt mitwirken dürfen. Aber dieses Wissen wird zur Hybris, zur menschlichen Überheblichkeit, wenn daraus nicht auch Demut entsteht, die Gott die Ehre gibt und sich in allem Handeln an sie bindet. Im Segen leben, heißt sich als Geschöpf verstehen, über dem der Schöpfer steht.

Abraham hörte von Gott die Worte: ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Darin wird das ausgesprochen, was ich eben gesagt habe. Abraham lebte unter dem Segen Gottes und handelte im Einklang mit seinem Gott. Dabei war sein Leben kein besonders gutes. Da gab es auch viel Bedrückendes, vieles, was ihm schwer war. Aber er hat gerade darin spüren können, dass Gottes Segen eben höher ist, größer ist, als die menschlichen Erfahrungen, und dass Gottes Segen sich durchhält, auch wenn wir es kaum spüren. Und ich denke, das ist eine Grunderfahrung von uns Menschen. DA geht ja nicht alles immer so, wie wir uns das wünschen und vorstellen. Das Negative und das Positive, das Freudige und das Bedrückende stehen nebeneinander und doch ist spürbar, dass Gott nicht alleine lässt. Die Kraft der Erneuerung, des Macht des Lebens, wie wird immer sichtbar, bricht sich neu Bahn und zeigt, ich bin da, ich lasse hier nichts untergehen. Und dies gilt auch für den Satz: Es ist ein Segen, dass er ihn oder sie hingenommen hat. Auch mit dem Tod können wir Segen verbinden. Nicht allein das Neuwerden, das Leben an sich ist ein Segen für uns, sondern auch das Ende des Lebens, das Wissen, das Gott uns auch im Tod nicht alleine lässt, ist etwas, das mit Gottes Segenshandeln in Verbindung zu bringen ist. Denn die Kraft des Lebens wirkt ja weiter auch über den Tod hinaus, auch wenn uns Menschen dieser Bereich für unser Denken verschlossen ist. Die Kraft des Lebens bleibt, sie wirkt weiter. Nur ist diese Kraft eben nichts, was wir in der Hand haben. Segen ist und bleibt etwas für den Menschen Unverfügbares. Ihr sollte meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne, heißt es in unserem Predigttext im Anschluss an den gottesdienstlichen Segen. Also nicht der Priester, nicht der Pastor oder jemand von uns hat den Segen in der Hand, sondern jeder Segen ist eine Bitte, es ist die Bitte darum, dass Gott seinen Segen sichtbar machen möge, dass seine Lebenskraft wirksam werde in unserem Leben, dass wir es erkennen, darauf vertrauen und danach leben. Am Ende des Gottesdienstes ist dieser Segen in sehr schöne Worte gefasst:

Der Herr segne dich und behüte dich, er lasse dich teilhaben an der Kraft der Schöpfung, des Lebens und des Fortbestandes. Und er sei dir nahe als der, der dir Schutz bietet, vor dem, was diese Lebenskraft bedroht. Und das sind nicht immer große Angriffe von außen, das können auch ganz kleine, in uns selber liegende Dinge sein, die das Vertrauen und die Kraft zunichte machen können. Davor möge der segnende Gott uns behüten.

Gottes Angesicht soll über uns leuchten und uns gnädig sein. Vor Gott zu stehen, das macht uns aus unserer Sicht klein und lässt uns oft als solche erscheinen, die diesem Gott doch nichts zu bieten haben, sondern diesen Gott nicht gerecht werden. Doch das Antlitz Gottes ist doch eines, das von Liebe geprägt ist, wie wir in Christus erfahren haben. So soll auch die Liebe über uns leuchten, eine Liebe, die uns annimmt als Sünder, als solche die eigentlich nicht aufrecht vor Gott stehen können. Das Angesicht der Liebe soll uns herausholen aus dem Dunkel, es soll uns erleuchten und erfüllen und so unser und das Leben anderer hell machen. Dieses Angesicht der Liebe soll auf uns liegen, es soll Teil von uns werden, auf dass wir den Frieden, den Gott uns durch diese Liebe schenkt auch weitergeben können. Er schenke dir seinen Frieden. In diesem Frieden können wir leben, können wir dankbar annehmen, was Gottes segensreiches Wirken uns zukommen lässt, und wir können es anderen weitergeben, die diesen Frieden und damit den Segen Gottes spüren sollen. Zu einem solchen Leben in dieser Kraft Gottes werden wir jeden Sonntag neu ermutigt. Damit kann man auch wirklich gut durchs Leben ziehn. In diesem Sinne wollen wir uns dann nachher auch unter den Segen Gottes stellen.

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