Seelsorge

Heute endet in unserer Gemeinde die Bethelsammlung. Mit Liebe bringen Menschen ihre Gaben. Sie rufen an, dass den guten Sachen auch nichts geschieht. Dass sie weder nass werden, noch gestohlen werden oder unsachgemäß behandelt werden. Die Menschen wollen helfen und nicht nur ihre alten Sachen los werden. Und das ist schön. Aber gleichzeitig weiß ich, dass die Sammlung nicht viel ist, ein Tropfen – mehr nicht. 6 Tonnen waren es in den letzten Jahren – sehr viel. Und doch wenig. Manchmal könnte ich verzweifeln, wenn ich das Elend der Welt sehe, die Hilflosigkeit, mit der allerorten Menschen versuchen gegen die Not anzugehen, in Bethel, in Ruanda, in Afghanistan, oder auf den Bahnhöfen in der Bahnhofsmission, wo Menschen geholfen wird und Obdachlose ein Essen erhalten. Manchmal wünsche ich mir Fähigkeiten mitten hinein zu schlagen in die Ungerechtigkeit dieser Welt, die den einen so viel gibt, dass sie Lebensmittel wegwerfen können und den anderen zuwenig um satt zu werden.

Da kam mit für heute eine Geschichte vom Propheten Elia zupass: der Name Elia ist Programm: Gott ist JHWH – und kein anderer! Dafür hat Elia gelebt und gepredigt, dass das erste Gebot in Geltung blieb: Keine anderen Götter.

Am Berg Karmel wurde diese Botschaft demonstriert mit Feuer und Schwert: Elia, der begeisterte Prophet, der 450 Baalspriestern erst den Rang abläuft, die Einzigartigkeit des Gottes Israels demonstriert und sie dann abschlachtet, der eigentlich als der Held dasteht, der den Glauben Israels gerettet hat. Jetzt könnte doch eigentlich die Fete losgehen, der Jubel losbrechen. König Ahab und Königin Isebel ihren Irrtum eingestehen. Aber:

[TEXT V.1-8]

Jetzt hat er es plötzlich satt: die Menschen, seinen Auftrag und auch Gott. Er kann nicht mehr, weil er erkennen muss, dass auch das mächtigste Zeichen und auch das blutigste Dreinschlagen nichts vermag. Die Menschen sind unbelehrbar. Auch das Kreuz Christi Jahrhunderte später hat nicht einfach bekehrt, es hat die Menschen gespalten. In dieser Resignation geht er zu Gott mit seiner letzten Bitte: Lass mich sterben, denn ich bin nicht besser als die vor mir. Nicht das Versagen der anderen sein eigenes Versagen bringt er vor Gott. Für mich ist das sehr imponierend. Ein Prophet, ein Mann Gottes fragt eben nicht nach dem Versagen der anderen, obwohl das gerade hier auf der Hand liegt. Er sieht nur auf sich selbst und sein Versagen, obwohl das in diesem Fall überhaupt nicht deutlich wird. Vielleicht lag es ja darin, dass er sich zu triumphal gefühlt hat?

Es ist wohl weniger die Furcht vor dem Racheakt der Königin Isebel, die Elia zur Depression treibt (was sollte sie dem tun, der gegen 450 Baalspriester besteht), als vielmehr die Enttäuschung, dass jetzt nicht ein glanzvoller Sieg der Sache Gottes steht. Seine Erwartungen an den Sieg Gottes werden nicht erfüllt, wie meine Erwartungen an den sieg Gottes oft auch nicht erfüllt werden.

Es gibt keinen Sieg nach der Tötung. Jeder Sieg schafft seine eigenen Depressionen: Es ist genug – ich kann nicht mehr – ich will nicht mehr. Lass du mich wenigstens sterben, damit ich nicht durch die Hand meiner / Deiner Feinde sterbe. Aber auch in dieser Depression ist er nicht alleine. Sein Todeswunsch wird gehört, aber nicht erhört. Ein Bote Gottes reicht ihm frisches Brot und Wasser. Bei Harry Potter bringt der Lehrer zur Verteidigung gegen dunkle Künste Lupin dem Zauberlehrling Harry Potter, der von gefährlichen Dementoren seiner Glücksgefühle beraubt wurde erst einmal ein Stück Schokolade. (HPIII) Beide Mal ist klar. Aufmunternde Worte reichen nicht. Es müssen auch die Gesten, die Gaben stimmen. Gott ist nicht Herr der Befehle, sondern Herr der Seel- und Leibsorge.

Elia steht für das ländlich orientierte Israel mit seiner traditionellen JHWH – Bindung gegen Jerusalem und die Krone und deren Neigung, Gott zu verlassen. Trotz seines Etappensieges auf dem Karmel hat er verloren – das muss er erkennen. Aber Gott tröstet ihn mit der Botschaft seiner eigenen Schwäche. Gott führt ihn an den Horeb:

[TEXT V.10-13]

In seiner Gottesschau wird deutlich. Gott ist nicht in der Demonstration von Kraft zu erkennen, sondern in der Schwachheit, oder so wie es Paulus von Gott hört: 2. Korinther 12,9: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Am Bethelsonntag wird für mich wichtig: Gott selber ist bei den Schwachen. Darum redet er auch mit den Müden, darum ist sein Wesen seelsorgerlich. Unsere Sammlung wird das Elend der Welt nicht beseitigen weder die Sammlung für Bethel noch für Diakonie oder ‚Brot für die Welt‘ (Präsesbrief). Aber Ansätze sind vorhanden. Wir dürfen dankbar sein, dass wir helfen können, an diesen werken der Diakonie teilhaben und wir dürfen beten, dass eines Tages alle Tränen abgewischt werden.

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