Schwierig, schwierig!

Es war am letzten Abend eines Glaubenskurses. Er begann mit einem Dankgottesdienst in der Kirche. Die Teilnehmer hatten auf Kärtchen notiert, was sie von den Abenden innerlich mitgenommen hatten. Wer wollte, konnte sich auch mündlich dazu äußern: Einer, der die meisten Zwischenfragen, unbequeme Zwischenfragen gestellt hatte, meldete sich zu Wort. Würde wieder Kritik kommen? Mitnichten. Der Mann bedankte sich, dass der Referent auf seine Zwischenfragen eingegangen war, dass die Gesprächsgruppe, zu der er gehörte, ihn voll akzeptiert hatte wie alle anderen auch, obwohl die ihn bewegenden Fragen für die anderen schon lange geklärt waren.

Nun hat ein solcher Glaubenskurs in der Regel nur 7 Abende. Da kann man auch einen Nebenmann mit provozierenden Zwischenfragen ertragen, weil man weiß, es ist ja nicht mehr lange, und vielleicht lässt er sich am Ende noch überzeugen. Einen schwierigen Menschen nur eine Zeitlang ertragen müssen, das wäre das einfachste. Rudi Völlers Stürmer müssen in drei Stunden nur kurze Zeit die brasilianischen Verteidiger ertragen, die ihnen vor der Strafraumgrenze das Leben schwer machen. Aber was ist, wenn ein Quälgeist dauernd nervt. Und wenn man sich nicht nach dem Schlusspfiff wieder in aller Freundschaft umarmen kann, sondern das Verhältnis bleibt gespannt.

So geht es ja manchem, und speziell für einen gläubigen Christen ist das ein großes Problem. "Soviel an euch liegt, habt mit allen Menschen Frieden", heißt es einmal in der Bibel. Aber nicht alle Menschen lassen sich von christlicher Nächstenliebe sanftmütig stimmen. Manche sind wirklich extrem schwierig. Und manche können richtig boshaft sein. Der Apostel Paulus jedenfalls wurde mit diesem Problem alleine nicht fertig. Er schreibt an seine christlichen Freunde in Thessalonich: "Betet, dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen."

Die gibt es nämlich. Das müssen wir nüchtern eingestehen. An welche Personen hat Paulus damals gedacht? Das lässt sich leicht ermitteln, wenn wir uns die Anfänge bei der Entstehung der Gemeinde in Thessalonich vor Augen halten. Es wird berichtet: "Sie kamen nach Thessalonich. Dort war eine Synagoge. Wie nun Paulus gewohnt war, ging er hinein und redete mit ihnen an drei Sabbatten von der Schrift und tat sie ihnen auf und legte ihnen dar, dass Christus leidern musste und von den Toten auferstehen und dass dieser Jesus der Christus sei. Einige von ihnen ließen sich überzeugen und schlossen sich Paulus und Silas an. Auch eine große Menge von gottesfürchtigen Griechen, dazu nicht wenige von den angesehensten Frauen. Aber andere ereiferten sich und holten sich einige üble Männer aus dem Pöbel. Sie rotteten sich zusammen und richteten einen Aufruhr in der Stadt an und zogen vor das Haus Jasons und suchten sie, fanden sie aber nicht. Da schleiften sie Jason und einige Brüder vor die Oberen der Stadt und schrien: Diese, die den ganzen Weltkreis erregen, sind jetzt auch hierher gekommen, die beherbergt Jason. Und diese alle handeln gegen des Kaisers Gebote und sagen, ein anderer sei König, nämlich Jesus. So brachten sie das Volk auf und die Oberen der Stadt, die das hörten. Und erst nachdem ihnen von Jason und den anderen Bürgschaft geleistet war, ließen sie sie frei." Nun kann man sagen: So ist eben die Welt, es gibt angenehme und unangenehme Zeitgenossen. Man hat aber in den Zeilen des Thessalonicherbriefs den Eindruck, als würden die Christen dort die Welt durch eine rosa Brille betrachten und die tatsächlich vorhandenen Übel unterschätzen. Paulus muss sie geradezu wachrütteln und ihnen sagen: Es gibt falsche und böse Menschen. Wir werden allein nicht mit diesen Schwierigkeiten fertig. Betet für uns. Denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding.

Hier wird etwas ganz wichtiges gesagt über die Menschheit. Hier wird uns eine Sichtweise gegeben, mit der wir auch sehen sollten. Es geht nicht um Schwarz-Weißmalerei, wie wir das aus der Zeit des Kalten Krieges kannten, die guten Sozialisten und die bösen Kapitalisten oder in der Sprache der anderen Seite die bösen Kommunisten und die gute frei Welt. So einfach ist es ja nicht. Aber wir dürfen das Böse auch nicht unterschätzen. Insofern war der 11. September ein heilsamer Schock, weil er so manchem die Augen geöffnet hat, wie es in der Welt aussieht. Es gibt böseartige Gruppen, die vor nichts zurück schrecken, die keine Skrupel haben, denen nichts heilig ist. Und die man auch nicht entschuldigen kann und sagen, das sind kranke Geister. Die haben ihre Anschläge klug und raffiniert geplant. Aber diese Sicht auf die Realitäten, wie sie sich beim Anschlag in New York offenbart hat, diese Sicht war zuvor bei vielen im Westen getrübt durch das Menschenbild der Aufklärung, das sich in vielen Köpfen fest gesetzt hat. Ein Menschenbild, das sagt: Der Mensch ist gut bzw. er will das gute, oder er ist neutral und muss richtig erzogen werden. Inzwischen sehen wir da klarer.

Aber nicht nur die dem Glauben gegenüber oft kritischen Geister, geprägt von der Aufklärung, unterschätzen das Böse. Auch gläubigen Christen passiert das leicht. Denn sie meinen, weil sie dem Geist der Bergpredigt entsprechen müssen, der dort gepredigten Feindesliebe, der Duldsamkeit Jesu, darum gälte es, jedwedem Bösen, was ihnen durch andere Menschen entgegentritt, duldend zu ertragen.

Und so leidet mancher Christ seit Jahren unter schwierigen Menschen in seiner Nähe, ohne aufzumucken, frisst seine Not in sich hinein. Der eine erlebt sich in der Klasse oder im Kurs nicht anerkannt, wird nicht einbezogen in die Gemeinschaft der Mitschüler oder Studenten. Ein anderer kommt an einen neuen Arbeitsplatz und findet sich das vorhandene Mitarbeitergefüge nicht hinein. Obwohl er sich Mühe gibt, er wird nicht wirklich aufgenommen und als Kollege geachtet. Wieder andere müssen seit Jahren mit schwierigen Nachbarn wohnen. An einen Umzug ist nicht zu denken, warum soll man auch das Feld räumen, wo man schon so lange dort wohnt. Aber schon lange kann von trautem Heim, Glück allein, von häuslicher Lebensqualität keine Rede sein, weil der Nachbar an allem herum nörgelt. Wieder andere leiden seit langem unter lieben Verwandten, die sich in alles einmischen und mit denen zusammen das schönste Fest zu einer Strapaze wird. Wohl jeder von uns muss mit schwierigen Menschen auskommen. Ist das für einen Christen einfacher, weil er auf Verständigung und Frieden aus ist und sich dann das Zusammenleben verbessert. Nicht immer. Manchmal wird es sogar durch die lieben Ratschläge oder Kommentare der Mitchristen zusätzlich erschwert, indem einem gesagt wird: Stell dich nicht so an, da muss man durch. Du bist wohl gar nicht richtig belastbar! Aber Gottes Gedanken sind anders als solche menschliche, auch fromme menschliche Gedanken. Er kann jede Situation verändern. Wir müssen nicht alles hinnehmen.

Paulus bittet sogar darum, von solchen Schwierigkeiten erlöst zu werden, für immer befreit zu werden. Er bittet nicht um mehr Kraft, um das besser durchzustehen, er bittet um Befreiung. Das dürfen wir auch tun. In diesen Zeilen wird uns dafür viel Hilfe gegeben. Einmal heißt es: Der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Von einem ungläubigen Menschen kann man nicht erwarten, dass er sich nach den Maßstäben der Bibel richtet. Es entlastet ungemein, sich das bewusst zu machen. In gewisser Weise kann ein Weltmensch nicht anders, als laut zu blöken oder zu fluchen, wenn was schief geht. Er kann nicht anders als sich über Kleinigkeiten aufzeigen, Tratsch für bare Münze zu nehmen, sich auch mit fiesen Mitteln Vorteile verschaffen auf Kosten anderer. In der Welt ist das total normal. Für manche Kinder, die in einer christlichen Familie behütet aufwachsen und dann in eine ganz normale Schule im Stadtteil kommen, ist das ein unheimlicher Schock. Die Kraftausdrücke auf dem Schulhof, die Konkurrenzkämpfe in der Klasse, die Tricks gegen die Lehrer, das sind sie überhaupt nicht gewohnt. Aber in der Welt, ist das das Normale. Darum zu wissen, ist für einen Christen eine Entlastung. Er muss sich nicht fragen, warum stoße ich auf all diese Probleme. Es sind normale Probleme. Und so ist es normal, dass du und ich auskommen müssen mit schwierigen Menschen. Aber wie können wir diese Probleme, wenn wir sie auch zunächst mal akzeptieren müssen, überwinden? Wie können wir hier mit Gottes Hilfe voran kommen, ohne zu operieren mit den Gemeinheiten der Welt, mit denen andere ihre Gegner klein halten oder ausschalten?

Mir sind da die biblischen Geschichten ein Trost und eine Hilfe, wo Glaubensvorbilder ihre Nöte mit Gottes Hilfe bewältigt haben. Ich greife einige heraus. Da ist Jakob. Er hat gleich ein doppeltes Problem. Das ist sein Schwiegervater. Dieser Mann, Laban heißt er, ist ein Schlitzohr. Der nutzt den Jakob so richtig aus. Er ist zugleich sein Arbeitgeber, denn Jakob muss, weil er mittellos auf den Hof kam, jahrelang hart arbeiten, um so viel eigenen Besitz zu erwirtschaften, dass er mit seiner Frau, Labans Tochter, zurück in seine Heimat kann. 20 Jahre muss Jakob hart schuften, und er klagt bis zuletzt, dass ihm sein Schwiegervater den Lohn xmal verändert hat. Die Lösung des Problems ist schließlich, das Jakob abhaut. Nicht in Panik, nicht in Verzweiflung. Er hat es inzwischen zu was gebracht und setzt sich gepflegt ab. Aber ordentlich kündigen, wie es sich wohl gehört hätte, tut er nicht. Er packt über Nacht seine Sachen und zieht mit seiner Familie fort. Laban zieht hinterher, will ihn hindern, will noch einmal seine Macht ausspielen. Aber in der Nacht spricht Gott im Traum zu ihm: "Hüte dich, mit Jakob anders zu reden als freundlich!"

Wir sehen daran, es kann die richtige Entscheidung sein, einer weiteren Konfrontation mit schwierigen Menschen aus dem Weg zu gehen. Für immer. Das hat nichts mit Schwäche zu tun oder klein beigeben. Jakob zieht hier stolz von dannen und in der Gewissheit: Gott segnet diesen Schritt. Eine anderer Weg, wie Gott die Not gewendet hat, die ein schwieriger Mensch bereitet, war bei David und Saul. Der Chronist notiert: "Und es war ein langer Kampf zwischen dem Hause Sauls und dem Hause Davids." David war ein junger, erfolgreicher Offizier. Saul ein alter Kriegsherr, wie sie heute in Afghanistan sagen, der duldete keinen an seiner Seite. Mit den fiesesten Tricks versuchte Saul den David auszuschalten. Über Jahre zog sich das hin. Aber Gott hielt seine schützende Hand über David, dass ihm kein Leid geschah. Am Ende geht es so aus, während David ganz woanders ist, kommt Saul in einer entscheidenden Schlacht ums Leben. David muss gar nichts dazu tun, und er wird befreit von einem schwierigen Menschen, der ihm jahrelang das Leben schwer gemacht hat. Das gibt es auch, Gott lässt schwierige Menschen sterben, eines Tages, vielleicht früher als gedacht, haben wir für immer Ruhe. Sicher wäre eine Versöhnung besser, viel besser, aber manchmal geht es nur so.

Manchmal geschieht es auch so, dass der Glaube an Jesus einem eine ganz neue Sicht der Dinge gibt. Er gibt einem Kraft, die man vorher nicht hatte. So war es bei Philemon. Dieser Mann ist selbst vielen, die sich für bibelfest halten, unbekannt, weil seine Geschichte in einem ganz kurzen Paulusbrief erzählt wird, der nur eine Seite umfasst. Philemon ist ein reicher Bürger und Christ. Er hat Grundbesitz und Angestellte und dazu gehörten in der Antike auch Sklaven. Einer seiner Sklaven ist ein junger Mann namens Onesimus. Onesimus hält es nicht lange an seinem Arbeitsplatz aus. War Philemon zu streng, oder kam der junge Onesimus mit seinen Kollegen nicht klar. Auf alle Fälle hält er es nicht mehr aus und läuft weg. Darauf stand im römischen Reich schwere Strafe. Onesimus musste hoffen, nirgendwo als ehemaliger Sklave entdeckt zu werden. Durch irgendeinen Zufall, ich würde sagen, durch eine göttliche Fügung kommt er mit dem Apostel Paulus zusammen. Er hört das Evangelium von Jesus Christus. Das geht ihm durchs Herz. Er entschließt sich, Christ zu werden und lässt sich taufen. Natürlich schüttet er Paulus sein Herz aus. Er beichtet ihm, was er falsch gemacht hat. Daraufhin schreibt Paulus einen Brief an Philemon und berichtet ihm, dass sein entlaufener Sklave gefunden ist. Was der junge Onesimus nicht wusste: Philemon ist Christ. Onesimus sieht seine alte Lage nun in einem ganz neuen Blickwinkel. Er darf bei seinem Chef auf Verständnis hoffen statt auf schwere Strafe. Weil beide Jesus kennen, stehen sie nun in einer ganz neuen Beziehung. Auch wenn die äußeren Umstände scheinbar die gleichen bleiben wir früher. Früher hat Onesimus vielleicht Angst gehabt vor seinem Herrn. Jetzt hat er einen anderen Herrn, Jesus. Wer Jesus als seinen persönlichen Herrn kennt, der braucht sich vor Menschen nicht mehr fürchten!

Wir sehen daran: Nicht immer ändert Gott die Umstände. Manchmal wird meine Sicht der Schwierigkeiten schon dadurch anders, dass ich auf Jesus vertraue. Denn die hier getroffene Feststellung: Der Glaube ist nicht jedermanns Ding, könnte ja auch auf dich zutreffen: Dass du nicht so ergriffen bist, deine Sicht nicht so geprägt ist, deine Interessen nicht so bestimmt sind von Jesus, wie es sein sollte. Beachte auch den Zusammenhang hier, wenn Paulus bittet, er möge erlöst werden von den falschen und bösen Menschen, für die der Glaube ohne Bedeutung ist. Wenn du nicht bestimmt bist von Jesus Christus, wenn er nicht regiert in deinem Herzen, in deinem Leben. Dann wird es immer wieder vorkommen, dass du Dinge falsch siehst. In einer anderen Perspektive als wie das Wort Gottes die Dinge beurteilst. Deine Ziele etwa können dann leicht egoistisch sein, irdisch sein, nur menschlichem Kalkül folgend, aber nicht dem guten Plan Gottes, wo noch ganz andere Faktoren Berücksichtigung finden. Wo der Glaube nicht bestimmend ist, leben wir falsch, denken wir falsch. Und da ist auch die Gefahr, dass Bosheit einzieht in unsere Gefühlswelt. Dass wir uns verhärten. Dass wir die Schuld, weshalb es schwierig ist mit jemand auszukommen, immer nur den anderen zuschieben. Und so haben wir, weil wir nicht vom Glauben geleitet werden, unnötige Schwierigkeiten, die Gott uns ersparen möchte.

Und eine letzte Hilfe wollen wir nicht unterschlagen: Paulus braucht das Gebet anderer Christen: Er drängt: Betet für uns. Du alleine, auch mit einem starken Glauben, wirst die Probleme und Belastungen, die das Zusammenleben mit schwierigen Menschen bringt, nicht meistern können. Hast du schon einmal andere angefragt, für dich zu beten? Noch nie? Oder du weißt nicht, an wen du dich da wenden könntest? Lass dir da Mut machen. Es war für mich so stärkend vorgestern, als ich einen Krankenbesuch machte, zu wissen: Jetzt um diese Zeit, 15 Uhr, werden dort und dort andere Christen beten für diesen Patienten, also es waren fünf, von denen ich mit Namen weiß, die daran gedacht haben. Das Gebet ist so eine gewaltige Möglichkeit, etwas für andere zu tun, sei es, weil man weit entfernt ist von dem, dessen Schicksal einem am Herzen geht. Oder jemand will praktische Hilfe nicht annehmen. Oder es gibt nach menschlichem Ermessen keine Hilfe.

Aber das Gebet vermag Veränderung zu bewirken. Schwierig, schwierig, lautet unser Thema heute morgen. Aber so muss es nicht ausklingen. Denn am Ende stehen nicht Schwierigkeiten, sondern Herrlichkeiten. Denn es gibt keine Not, mit der Jesus nicht fertig wird, auch wenn wir manchmal lange zu kämpfen haben. Darum erwartet Paulus für sich und seine Freunde nicht, dass man sich fügen muss in die Gegebenheiten, sondern er erwartet, "dass wir erlöst werden". Denn der uns erlöst hat, der unsere Last getragen hat, Jesus, hilft uns heute, damit wir die eigenen Lasten bewältigen und einander darin beistehen. Daran lasst uns denken, wenn wir jetzt singen: Ein jeder trage die Last des andern, so wie sie Jesus getragen hat.

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