Schriftgelehrsamkeit contra Gnade

mmer wieder fesselt Jesus seine Zuhörer, indem er aus dem Leben erzählt. Das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner konnten die Menschen damals gut verstehen.

In Jerusalem gehen zwei Männer den Weg zum Tempel hinauf. Sie wollen beten. Der Tempel ist der bevorzugte Ort des Gebetes bei den Juden.

Ein Pharisäer zieht hinauf, einer, der es mit seiner Religion und der Schrift sehr genau nimmt. Er war bemüht alle religiösen Vorschriften genau zu kennen, um sie genau zu befolgen und erfüllen zu können.

Er fastete nicht nur einmal in der Woche, sondern sogar zweimal und gab 10% von allem was er hatte. Nach seinem Verständnis war er mehr, als nur ein frommer Mann, ja, er war davon überzeugt, dass Gott Wohlgefallen an ihm finden würde.

Der Pharisäer wusste auch, dass sein Verhalten nicht sein eigener Verdienst ist, sondern ein Geschenk Gottes. Und dafür dankte er: „Ich danke dir, Gott.“

Sein Dankgebet ist keines. Denn beim Beten sieht er nicht auf Gott, er sieht auf den Zöllner. Und er steht auch nicht alleine vor Gott, nein, er steht zusammen mit anderen Menschen da, die seiner Meinung nach schlechter sind als er und er verurteilt sie.

Alle Verheißungen Gottes bezieht der Pharisäer auf sich, als wären sie dazu da, ihn groß zu machen. Und dabei merkt er auch nicht, wie er sich über den Gott erhebt, den er nach seiner Meinung anbetet.

Menschen, die wie der Pharisäer davon überzeugt sind, dass es vor Gott keine besseren Menschen gäbe als sie, die sind noch nicht ausgestorben. Sie merken nicht, dass sie sich bei anderen, einsichtigen Menschen unmöglich machen und sich selbst an Gottes Stelle setzen.

Die Menschen um Jesus herum haben sicher gespannt zugehört. Was wird er jetzt über den Zöllner sagen, der da auch zum Tempel hinaufging um zu beten.

Ein Zöllner war doch einer im Dienste der Römer und somit aufs eigene Volk angesetzt, etwa ein Volksfeind?

Schon früher zahlte man nicht gerne Abgaben. Und weil der Zöllner zu seinem Lebensunterhalt auf die Abgaben noch mehr draufschlagen musste oder er den Tarif willkürlich handhabte, war der Zöllner verhasst und von vorneherein abgestempelt.

Und was macht der Zöllner? Er bleibt im Tempel ganz hinten stehen. Der letzte Platz scheint für ihn angemessen zu sein. Er schlägt sich an die Brust – zur damaligen Zeit ein wohlbekanntes Zeichen der Reue. Er betet auch.

Angesichts des Pharisäers ist ihm klar, dass er das eigentlich nicht darf und vor Gott erst recht nicht. Aber er sagt, was er ist. Er kann das, weil Gottes Geist ihm sagt, wer Gott ist und dass er nichts anderes zu erbitten hat als Gottes Gnade.

Sein Gebet ist kurz, aber eindeutig: Gott, sei mir Sünder gnädig. Der Zöllner weiß, dass er bei den Menschen keine Chance mehr hat. Eigene Verdienste hat er nicht vorzuweisen. Da kann nur noch Gott weiterhelfen.

Der Zöllner ist ein Mensch, der nichts mehr hat, woran er sich vor Gott klammern könnte. Er kann nur noch darauf vertrauen, dass Gott sich ihm zuwendet und Gnade vor Recht ergehen lässt.

Ja, der Zöllner, er ist ganz unten. Und doch, hat er die Gewissheit, dass Gott gerade nach denen zuerst greift, die ganz unten sind, um sie dahin zu holen, wo er ist.

Was glauben sie, liebe Gemeinde, was Jesus wohl über uns sagen würde? Wo stehen wir?

Ich denke, niemand von uns möchte sich in der Rolle des Pharisäers wiederfinden oder mit ihm gar verglichen werden. Doch wie schnell vergessen wir bei unserem eigenen Streben und Bemühen, was unsere Nächste und unserer Nächster dazugetan haben und was Gott uns geschenkt hat.

Stets pochen wir auf unsere Leistungen, auf unseren Besitz, den wir ja ehrlich erworben haben. Und an Hand von steuerwirksamen Spendenquittungen rechnen wir auf, wieviel Gutes wir getan haben.

Gibt es eigentlich unter uns Christen ebenso ein Leistungsdenken im Umgang mit Gott? Fängt die eine oder der andere an aufzurechnen?

Wenn wir in unserem Gebet Vergleiche mit Mitmenschen anstellen, liegt da nicht die Gefahr der Überheblichkeit nahe? – Danke, dass ich nicht so bin … Wer sich von uns um die Nächste oder den Nächsten kümmert, muss schon darauf achten, dass sein oder ihr Herabneigen nicht herablassend, oder gar abwertend wird.

Der Zöllner wurde gerechtfertigt, weil er sich seiner Schwäche bewusst war. Er hatte nichts zu bringen, außer seiner Hoffnung auf Gott. Dies, liebe Gemeinde, ermutigt zu beten und zu bitten, wenn wir selbst nichts mehr zu bieten haben.

Die Erfahrung des Zöllners bestärkt auch den stillen Beter oder Beterin, dem oder der nicht danach zumute ist mit uns hier, heute morgen, Gottesdienst zu feiern.

Wie schnell verurteilen wir unsere Nächste, unseren Nächsten, der oder dem kein anderer Notschrei bleibt als jener: „Gott, sei mir Sünder gnädig“?

Wird Gott uns als Gerechte heimgehen lassen? Welche Antwort hätte Jesus für uns übrig, wenn wir so zu beten beginnen?

Jesus offenbart uns seinen Vater. Er ist ein Gott, der sich zu dem Menschen neigt, der erkannt hat, was für ein elender er oder sie ist und der sich überwindet, das vor Gott auszusprechen. Die Offenheit, das Aussprechen ist wichtig, denn dadurch geben wir Gott recht. Gott weiß zwar um alle Dinge, ohne, dass wir sie sagen, aber mit dem Aussprechen bekennen wir unsere Schuld.

Was der Pharisäer mit all seiner Schriftgelehrsamkeit sich nicht erwerben kann, das ist dem Zöllner aufgegangen: Wenn Gott mir nicht gnädig ist, dann bin ich verloren. Liebe Gemeinde, da ist etwas wahres dran und es gilt für eine jede und jeden von uns.

Wäre dies anders, dann hätte Jesus Christus nicht zu kommen brauchen und sein Tod, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt wären absolut nicht nötig gewesen. Er wäre dann, wie Paulus sagt, tatsächlich umsonst gestorben.

Nach Gottes Willen ist Jesus aber der Heiland der Sünder und Sünderinnen geworden, der eine jeden und jede, die zu ihm kommt, vor Gott rechtfertigt.

So sage ich euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

drucken