Schon entschieden …

Liebe Gemeinde!

Das Kirchenjahr neigt sich dem Ende zu, die Tage werden immer kürzer und die dunklen Zeiten immer länger. Die Bäume haben ihr Laub abgeschüttelt und die Natur liegt wie tot da. In dieser Zeit ist es nur natürlich, dass wir ganz besonders an die Verstorbenen denken. Dass uns die Menschen in den Sinn kommen, die uns nahe standen, und die uns durch den Tod genommen wurden. Und wir denken vielleicht auch über unseren eigenen Tod nach. Der Totensonntag und auch der Buß- und Bettag sind solche Gelegenheiten zum Nachdenken, genauso wie die Gedenktage der katholischen Mitchristen Allerseelen und Allerheiligen. Sichtbarer Ausdruck für dieses Gedenken sind die Gräber, die jetzt auf den Friedhöfen wieder liebevoll hergerichtet werden.

Am heutigen Volkstrauertag denken wir ganz besonders an die, die durch die beiden großen Kriege dieses Jahrhunderts umgekommen sind. Wir denken daran, wie sinnlos diese Kriege Leid und Elend über so viele Völker gebracht haben. Und wir fragen uns, warum dennoch die Menschheit seither immer wieder sinnlose und schreckliche Kriege angefangen hat. Warum immer wieder soviel Leid über Menschen gebracht wird. Die Opfer der Terroranschläge in Amerika, in Israel, in Indonesien kommen uns in den Sinn. Die vielen kleinen und großen Kriege und Bürgerkriege , die kaum noch einer Bemerkung der Medien wert zu sein scheinen: in Tschetschenien, im Sudan und anderswo. Manch einer wird sich da vielleicht nach einer anderen, besseren Welt sehnen. Nach einer Welt, wo nicht mehr Tod und Hass, Krieg und all die anderen täglichen Katastrophen bestimmend sind. Wo nicht mehr Menschen aneinander schuldig werden. Die Hoffnung auf eine solche Welt, auf ein geheiltes, ungetrübtes Leben gehört auch zu unserem christlichen Glaubensgut. Auch der Predigttext beschäftigt sich damit.

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Liebe Gemeinde! Auch Paulus weiß davon, dass dieses irdische, menschliche, vergängliche Leben mit all seinen Unvollkommenheiten nicht alles sein kann. Er versucht, sich in unserem Predigttext der Frage nach jenem anderen, besseren Leben anzunähern. Er tut dies in Bildern. Mit Bildworten, die etwas von der Hoffnung aufblitzen lassen, von der sie erzählen. Paulus stellt in diesen Bildern unsere jetzige Existenz der neuen, erhofften Existenz gegenüber: Spricht er zunächst von der provisorischen irdischen Hütte, diesem Zelt, wie es wörtlich heißt, das darauf wartet, zu einem festen Haus auferbaut zu werden, so redet er in einem zweiten Gedankengang von dem neuen, himmlischen Kleid, das die Christen übergestreift bekommen sollen. Schließlich spricht er von der ewigen Heimat, und drückt damit etwas von der Geborgenheit aus, die wir zu erwarten haben. Und doch weiß Paulus: alle menschlichen Bilder und Begriffe, alle Vorstellungskraft reicht nicht aus, um das, was da kommen soll, wirklich zu beschreiben. Er weiß: "wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen." Wir können uns nur vorläufige Gedanken machen, liebe Gemeinde. Wir können diese andere Welt erhoffen, versuchen, ihr in Bildern näher zukommen. Was Gott dann aber heraufführen wird, übersteigt alles, was wir uns vorstellen können.

Nur über eine Sache ist sich Paulus vollkommen sicher, über das Gericht: "Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi" – so schreibt er. Eine neue Welt kann nicht heraufgeführt werden, ohne dass das Alte gerichtet, zurechtgebracht wird.

Wenn wir vom Gericht am Ende der Tage hören, von jenem sogenannten Jüngsten Gericht, dann löst das bei den meisten wohl zunächst einmal Befremdung und Ablehnung aus. Der unerbittliche Richtergott, der gnadenlos Menschen zur ewigen Verdammnis verurteilt, ist für viele zu einer ernsten Anfechtung geworden. Fatal ist es besonders dann, wenn Kindern mit Gericht und Hölle gedroht wird, wenn Kindern also nur diese Sicht Gottes nahegebracht wird. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie wir uns als Kinder gegenseitig dieses Endgericht und die Qualen der Hölle in den deutlichsten Bildern ausmalten – und dabei dann nur noch Angst und Schrecken vor jenem Richtergott verspürten. Denn uns war bewusst, dass das, was wir angestellt, versäumt, schlecht gemacht hatten, bei weitem das überwog, was wir als gute Tat zu unseren Gunsten hätten anführen können.

Aber es gibt auch andere Stimmen, liebe Gemeinde. Stimmen, die ein Gericht am Ende der Zeit geradezu herbeisehnen. Menschen, die gerade dann an Gott zweifeln würden, wenn das Gericht ausbliebe. Ein Philosoph unserer Tage hat seine Hoffnung auf das Gericht folgendermaßen begründet: "Es kann doch nicht sein, dass die Täter für immer über ihre unschuldigen Opfer triumphieren." Es kann doch nicht sein, dass das Unrecht, das Menschen anderen Menschen angetan haben für immer bestehen bleibt. All das Unrecht, dass im Namen nationaler Interessen oder der Wissenschaft oder einfach im Interesse des Geldbeutels geschieht. All die Grausamkeiten, die Menschen einander angetan haben und antun in Gefangenen- und Konzentrationslagern, in Folterkellern, in all den Kriegen, die geführt wurden und werden – aber auch im täglichen Leben hier und heute. Es darf doch nicht sein, dass all dies Unrecht nicht geahndet wird, für immer bestehen bleibt. Denn wenn es bestehen bliebe, würde es sich ja dadurch selbst am Ende ins "Recht" setzt. Und damit auch den Täter. Die Hoffnung auf das Gericht, liebe Gemeinde, ist hier also letztlich die Hoffnung darauf, dass die Welt sich am Ende doch als nicht so ungerecht erweist, wie sie uns heute vorkommt und vorkommen muss.

Der Gedanke an das Gericht weckt also auf der einen Seite die Furcht vor dem gnadenlosen, unerbittlichen Richter. Auf der anderen Seite die Sorge, Unrecht könne nicht als solches benannt und geahndet werden. Bei Paulus höre ich noch einen dritten Weg heraus. Einen dritten Weg, der entscheidend anders ist.

"Wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi" – das bedeutet: am Ende der Tage wird offengelegt, wie es wirklich um uns steht. Unsere mühsam aufgebaute Fassade wird abgetragen. Das, was in uns ist, das, was wir wirklich denken, tun und sind – alles wird an den Tag gebracht.

Und das wird sicher ein mühsamer, schmerzlicher Prozess sein. Denn nicht nur das, was wir an Sinnvollem und Gutem getan, gedacht, geredet haben, wird bloßgelegt. Sondern auch jenes, was wir in unserem Leben mühsam vor anderen Menschen – und nicht zuletzt auch vor uns selbst – verborgen, verheimlicht, verschwiegen haben. Und doch muss es sein. Denn nur, wo Schuld, an den Tag kommt, kann sie auch vergeben werden. Was hier gemeint ist, liebe Gemeinde, lässt sich an gewissen Parallelen in der Psychotherapie verdeutlichen. Auch in der Psychotherapie geht es ja darum das aufzuarbeiten, was Menschen so lange verdrängt, ins Unterbewusstsein abgeschoben haben, bis sie dadurch in ihrem Leben aufs Schwerste belastet wurden. Erst wenn solch Belastendes an den Tag kommt, kann es verarbeitet und überwunden werden. Um so das, was Leben hindert, zu beseitigen. Darum geht es also auch in dem Gericht, das zum neuen Leben, zur neuen Welt führen soll. Verdrängtes, Belastendes wird an den Tag gebracht, damit Schuld, die Menschen voneinander und Menschen von Gott trennt, ein für allemal aus der Welt geschafft wird und so heilvolles, gutes Leben möglich wird. Wenn alles offenbar wird und Gott so über unser Leben urteilt, so ist dies auch schmerzlich und erschütternd. Viele der Hilfskonstruktionen und Fassaden, die wir aufgebaut haben, werden vor diesem Gericht nicht Bestand haben. Sie müssen weichen – aber nur, um dem Festen, dem Beständigen, dem guten Leben Platz zu machen. So geht es bei diesem Gericht darum, aufzurichten, zurechtzubringen, ins Recht zu setzen.

Wir werden also einmal nach unserem Leben gefragt und ihm entsprechend beurteilt werden. "Jeder", so schreibt Paulus, "jeder wird dabei seinen Lohn empfangen." Es geht nicht um Gleichmacherei. Gutes soll auch als solches gewürdigt werden. Aber in diesem Zusammenhang geht es nicht um die Frage nach ewigem Leben oder Verdammnis. Es wäre auch fatal, wenn die Entscheidung darüber allein von unserem Verhalten abhinge. Nein, diese Frage ist für Paulus schon entschieden. Denn es ist ja Christus, den wir auf dem Richterstuhl erwarten dürfen. Christus, der für uns die Folgen unserer Schuld auf sich genommen hat. Der für uns die Gottesferne erlitt, damit wir durch ihn gerettet werden. Christus ist der Richter, der für uns in den Tod ging und für uns das Leben erwarb.

Freilich, liebe Gemeinde, auch hier gilt: "Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen." Wir können dem Gericht, wir können dem, was am Ende der Zeiten geschehen soll, nicht vorgreifen. Und wir dürfen schon gar nicht den Ernst jenes Geschehens ins Belanglose ziehen. Aber wir dürfen glaubend darauf hoffen, dass der, der sich an unsere Seite gestellt hat, auch als Richter für uns eintreten wird.

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