Schere im Kopf?

Liebe Gemeinde

Einmal im Jahr berichten die Gefängnisseelsorger aus Tübingen und Rottenburg den Kolleginnen und Kollegen von ihrer Arbeit, zu der auch die Betreuung der Angehörigen von Inhaftierten gehört. Einen kurzen Ausschnitt aus einem solchen Bericht möchte ich Ihnen vorlesen; es sind die Erfahrungen einer Frau von ungefähr 40 Jahren, wie sie in Ihrer und meiner Nachbarschaft zuhause sein könnte. Vor wenigen Wochen ist gegen ihren Mann eine anonyme Anzeige wegen Steuerhinterziehung eingegangen. Seitdem sitzt er in der Doblerstraße in U-Haft. Hier die Erfahrungen seiner Frau:

„Nach der Verhaftung meines Mannes haben alle möglichen Leute bei uns angerufen – die Handwerker und die Kunden, die sich nach ihrem Geld erkundigten, die Bank natürlich, auch meine Eltern, die ja immer gegen unsere Ehe gewesen sind. Nur von unserer Kirchengemeinde hat sich niemand bei mir gemeldet. Dabei haben die bestimmt auch den Artikel in der Zeitung gelesen. Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute in der Nachbarschaft vermeiden bewusst, mit mir zu reden. Letzten Sonntag war ich im Gottesdienst. Da wurde für alle möglichen Menschen gebetet – nur nicht für die Gefangenen und ihre Angehörigen. Kommen wir da eigentlich gar nicht vor?“

Die Frage dieser Frau ist berechtigt. Sogar die GefängnisseelsorgerInnen stellen sie sich bisweilen. Oft beten wir für politische Gefangene. Aber was ist mit den „echten“ Knackis, denen, die schuldig geworden sind und mit ihrer Schuld leben müssen ebenso wie die, deren Leben dadurch verändert wurde? Können wir für sie beten, ehrlich und uneingeschränkt, ohne die Gefühle des Zorns und des Wunsches nach Strafe?
Kommen wir – die Gefangenen und ihre Angehörigen – kommen wir in der Kirche gar nicht vor? So lautete die Frage vom Anfang. Und wenigstens einmal im Jahr, heute, am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, da kann ich sagen: Doch, ja. Ausdrücklich sind sie genannt, die Gefangenen, zusammen mit den Kranken, den Armen, den Heimatlosen. Der Predigttext nennt sie nicht nur, sondern macht den Umgang mit ihnen zum Kriterium dafür, wie es weitergeht mit uns im Gericht, weitergeht nach dem Tod.

Da ist Jesus, der Herr und Heiland, der Menschensohn-Messias, der König, der Freund und Bruder – und er erklärt den Jüngern, wie es sich abspielen wird, das Jüngste Gericht. Im himmlischen Thronsaal wird die Verhandlung sein, und wer vertraut ist mit der Bibel, dem fällt da gleich die Schilderung aus der Johannesoffenbarung ein, die ihren Ursprung in denselben Vorstellungen hat, an dieselben alttestamentlichen Bilder anknüpft.

Aber zunächst einmal geht es um unseren Umgang mit denen, die „außen vor“ stehen in der Gesellschaft, die schuldig geworden sind, denn in ihnen blickt uns Jesus selbst an, unser Herr und Heiland, König, Freund und Bruder. Und unser Verhalten ihnen gegenüber entscheidet über Bestehen oder Nichtbestehen im Gericht. Das ist schon ein radikaler Text, diese Rede vom Weltgericht, ein anstößiger Text. Er wendet sich denen zu, von denen man als frommer Mensch eher geneigt ist, Abstand zu halten. Und weil das so unbequem ist, haben wir, hat die kirchliche Tradition und die gängige Auslegungspraxis Mittel und Wege gefunden, um sich ein wenig mit ihm zu arrangieren. In den Beladenen blickt er uns an, Jesus, unser Herr und Heiland, unser König, Freund und Bruder. Wer aber sind diese Beladenen? Mir fallen da zuallererst die Kinder und die Jugendlichen ein, die Schwächsten eben in der Gesellschaft. Dann natürlich die Kranken und Alten – das ist gut zu verstehen. Nun zu den Armen, den Hungrigen und Durstigen, denen die nichts zum Anziehen haben: Da denke ich an Arbeits- und Obdachlose, an Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben. Und ich merke schon, wie sich die Schere im Kopf an die Arbeit macht, mich innerlich zensiert. Wie es notwendig wird für mich, dass die Beladenen auf der Seite der Opfer stehen, unverschuldet in Not geraten sind, so, wie niemand etwas dafür kann, dass er oder sie alt wird und krank.

Kommen wir nun zu denen, die im Gefängnis sitzen, aber weil sie nicht grundlos dort hingekommen sind, wird dann auch wieder fein säuberlich unterschieden. Die Gefangenen, in denen wir Jesus wiedererkennen, die sollten – ginge es nach uns – zu Unrecht im Gefängnis sein, vielleicht aus politischen Gründen oder um ihres Glaubens willen. Aber wenn wir genau hinsehen, dann erkennen wir auch in den Augen der Täter den Blick Jesu, unseres Herrn und Heilandes, des Königs, Bruders und Freundes. Er macht keine graduellen Unterschiede, keine scharfsinnigen Distinktionen. Er ist aus leidenschaftlicher Liebe für die da, die ihn brauchen, ganz egal, warum das so ist. Und er fordert uns heraus, unsere „Schere im Kopf“ wegzulegen und ihm zu begegnen, da zu sein für einen der „geringsten Brüder und Schwestern“, und Jesus selbst zu besuchen, der krank und schwach auf seine Kinder wartet.

Vor wenigen Wochen fand in unserer Kirche ein Konzert zugunsten des Vereins „Heimstatt Tschernobyl“ statt. Dieser Verein wurde gegründet, um Menschen ein neues Zuhause zu geben, die wegen des Reaktorunglücks vor nunmehr 17 Jahren heimatlos geworden waren, und viel Gutes ist dadurch entstanden. Aber was mich bei den Berichten von der Arbeit dort am meisten beeindruckt hat, ist eigentlich eher ein „Nebeneffekt“ der Reisen:

Seit Anfang 2001 arbeiten Mitglieder des Vereins daran, Ereignisse und Folgen aus dem I. und II. Weltkrieg für den Bereich der Narotsch-Region und der Region um Lepel aufzuarbeiten. Ausgangslage waren verschiedene Funde bei den Bauarbeiten im neuen Dorf Drushnaja. Dieses Dorf befindet sich auf der alten Kampflinie des I. Weltkrieges. Im März 1916 gab es dort, am Narotsch-See, viele Kriegstote auf beiden Seiten. In dem neuen Dorf ist eine kleine Sammlung von Ausrüstungsgegenständen gefallener Soldaten, Geschosshülsen u. a. zusammengestellt. Dazu liegt eine Dokumentation über die Kriegsgräber der näheren Umgebung vor. (…) Kontakte und Gespräche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der umliegenden Dörfer machten auf die Geschehnisse des II. WeltWeltkrieges wie Zwangsarbeit, Zerstörung der Dörfer und Partisanenkämpfe aufmerksam (…) Lepel, das zweite neue Dorf, gehörte zu dem Gebiet, in dem 22.6.1944 die Offensive der Roten Armee begann, die den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte zur Folge hatte. Hier hatten Partisanenverbände eine große Bedeutung. (…) Während des II. Weltkrieges starben aus der Bevölkerung Weißrusslands 3,4 Mio. Menschen. Hinzu kommen aber auch noch insgesamt 3,6 Mio. Opfer von Belarus während der sowjetischen Periode.“ Heute leben viele Angehörige der Opfer in bitterster Armut. Für sie war es zunächst eine seltsame Erfahrung, dass nun ausgerechnet Deutsche kamen, um ihre Not zu lindern. Aber aus den Begegnungen entwickelten sich Gespräche, aus den Kontakten wurden Freundschaften, und so geschah nach vielen Jahren Versöhnung, mit der mancher nicht mehr gerechnet hätte.
Heute am Volkstrauertag denken wir an alle Opfer, die die beiden Weltkriege gekostet haben. Aber natürlich stehen uns besonders die Menschen vor Augen, die zu uns gehören – und ich weiß, dass etliche heute hier in der Kirche die wache Erinnerung an die pflegen, die nicht zurückgekommen sind aus dem Krieg. Für sie tut der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge einen wichtigen Dienst. Eindrücklich war mir der Bericht einer Kriegerwitwe, die nach beinahe 60 Jahren doch noch das Grab und die sterblichen Überreste ihres Mannes findet: Ihr Mann war Offizier – er kämpfte nicht nur, er hatte auch die Pflicht, andere in den Kampf zu schicken, und die Not, mit der Verantwortung und dem Bewusstsein dessen, was er durch seine Befehle auslöste, zu leben. Erst als der eiserne Vorhang gefallen war, konnte sich seine Witwe, inzwischen selbst eine alte Dame, auf die Suche nach seiner letzten Ruhestatt machen und fand sie in Lettland. Aber sie schreibt auch: „Ich fand Menschen, die heute meine Freunde sind.“ Und diese Freunde sagen ihr: „Ihr Mann ruht gut in Lettlands Erde“ und pflegen sein Grab… – Freunde, deren Väter und Brüder und Onkel und Vettern vielleicht damals dem Bataillon ihres Mannes feindlich gegenüberstanden in der Schlacht, in der er fiel und andere auch, auf beiden Seiten.

Gehen wir hinaus vor unsere Mauritiuskirche und betrachten wir die beiden Gedenksteine an der Außenmauer (oder gehen wir hinauf zum Friedhof, wo der Gefallenen und Vermissten des II.Weltkrieges gedacht wird), so erzählen die Namen, die da eingemeißelt sind, ganz ähnliche Geschichten. Und irgendwo in Europa, in Russland oder in Frankreich, in Italien oder auf dem Balkan gibt es jemanden, der eine komplementäre Geschichte erzählen kann, der bei denen, die wir vermissen und um die wir trauern, auch an die denkt, die ihm selbst und seiner Familie Leid und Trauer zugefügt hat. Und dabei merken wir: Versöhnung ist erst möglich, wenn wir von Jesus lernen, dass wir beim Jüngsten Tag mit Fug und Recht auf beiden Seiten Platz finden könnten, zur Rechten und (!) zur Linken. Und es muss uns klar sein, – egal, wie engagiert und barmherzig wir waren – dass wir es nur allzuoft nicht bemerkt haben, wenn uns Jesus, unser Herr und Heiland, unser König, unser Bruder und unser Freund in anderen Menschen begegnet ist.

Es ist meine feste Überzeugung, dass das Gericht, um das es ja in unserem Predigttext geht, dass dieses Gericht niemanden verschonen wird. Dass es mitten durch jeden Menschen gehen wird wie ein reinigendes Feuer, das alles wegnimmt, was schlecht war an einem Leben und nur das übrig lässt, was bestehen kann. Wie froh bin ich, dass ich genau weiß, wer mir dann gegenüberstehen wird: Jesus, mein Herr und Heiland, mein Bruder und mein Freund – er ist Ankläger, Richter und Verteidiger in einem. Und er breitet die Arme aus, wie sie ausgebreitet am Kreuz angenagelt waren, und diese Arme nehmen mich in Empfang. Wenn wir miteinander Gottesdienst feiern, dann ist das nichts anderes, als dass wir uns dieses freundlichen Empfangs, dieser rettenden Umarmung vergewissern. Für uns ist er gestorben, Jesus, unser Herr und Heiland, unser König, Freund und Bruder, um uns durch dieses Gericht zu bringen, um uns zu erlösen. An seinem Tisch sind alle willkommen, die unverschuldet Beladenen und die, die selber schuld sind, die schuldig Gewordenen und die schuldig Gemachten – die Jungen und Alten, die Gesunden und die Kranken, die Obdachlosen und die Gefangenen – alle will er in seine geöffneten Arme nehmen, allen soll das Gericht zur Rettung dienen. Wer aus dieser Gewissheit lebt, der lässt die Schere im Kopf nicht mehr zu, der macht das Spiel nicht mehr mit, bei dem zwischen Tätern und Opfern unterschieden wird und bei dem es nur darauf ankommt, voll und ganz auf der Seite der Guten zu stehen. So sagen wir es auch auf dem Friedhof, wenn wir Abschied nehmen und uns an den Verstorbenen erinnern in allem, was gewesen ist, in liebevoller Verbundenheit und in gegenseitiger Vergebung. Wir wissen, dass die Einladung unseres Herrn und Heilandes, unseres Königs und Bruders und Freundes uns allen gilt, und dass er mit uns und für uns und in uns allen ist.

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