Scharfes Schwert und spitzer Pfeil

Liebe Gemeinde,

Großeltern sprechen von ihrem kleinen Enkel als ihrem Sonnenschein, Augenweide, Lichtblick und ähnliches. In den Kosenamen schwingt die Freude und das Glück über die Geburt und Anwesenheit des Kindes mit. Durch unsere Kinder und Enkelkinder hat unsere Welt zugleich auch eine Zukunft. Eine helle, glänzende, gute Zukunft für die Welt versprechen die noch unbelasteten Kinder. Sie lassen uns hoffen, dass Frieden, Liebe und Gerechtigkeit durch sie um sich greifen. Sie werden vielleicht schaffen, was uns verwehrt wurde ohne das als Erwartung an sie zu stellen.

Gottes Zukunftspläne mit der Welt ist Frieden und Gerechtigkeit. Hell soll es sein im Leben aller und jedes einzelnen Menschen. Im hellen Licht der Gegenwart Gottes haben die Gewalt, die Kriege, der Streit und der Hass keinen Raum. Gottes Zukunft für uns ist, dass alle Menschen gerettet werden. Das macht Gott aber auf seine eigene uns oft wenig willkommene Art und Weise.

Gott bezieht uns Menschen mit ein. Er hat dafür andere Maßstäbe, als wir. Er ist hartnäckig, wie wir ja aus vielen biblischen Geschichten wissen. Er bleibt hart am Ball, um den Menschen, den er sich ausgedacht hat, auch dorthin zu bringen, wohin er ihn haben will. Der getürmte Jona muss letztlich doch nach Ninive. Den leidenschaftlichen Christenverfolger Paulus macht er zum leidenschaftlichen und leidenden Verfechter der Sache Jesu. Gott zieht behutsam alle Register seiner Liebe, um uns auf den Weg zu stellen, auf dem er uns haben will.

Trotzdem können wir nicht von Vorherbestimmung reden. Gott wirbt um uns. Er rennt uns hinterher, bis wir unseren Weg erkennen und in ihm einstimmen. Er beruft uns, seine Sache unter die Menschen zu bringen. Wir sollen Botschafter seines Lichtes in der Welt sein. Mancher bekennt, wie hier der Erzähler unseres Predigttextes: "Schon vor meiner Geburt hat der Herr mich in seinen Dienst gerufen. Als ich noch im Mutterleib war, hat er meinen Namen genannt."

Das Bekenntnis steht immer am Ende eines Weges und nie am Anfang. Zu Beginn sagen wir, was wir wünschen und hoffen. Der Gottesdienst möge uns gut tun und ermutigen. Die Hochzeit ist hoffentlich schön. Das Fest soll uns nach Möglichkeit gelingen. Aber dann danach können wir bekennen, dass das Fest glanzvoll und fröhlich, die Hochzeit wunderbar, der Gottesdienst hilfreich war.

Nachdem Jesus von den Toten auferstanden war, bringt Gott diese Botschaft selbst unters Volk. Natürlich in seiner bewährten Art und Weise, indem er Menschen zu Botschafterinnen und Botschafter der Auferstehung und Zeugen Jesu Christi macht. Der Engel sagt es den Frauen am Grab. Der Gärtner am Grab Jesu erweist sich als der Auferstandene. Gott spannt uns Menschen in sein heilendes und heilbringendes Handeln in dieser Welt ein.

Sein Wort legt er in unseren Mund. Worte, die scharf und durchdringend sind wie ein scharfes Schwert. Sie teilen, zerteilen, trennen, durchschneiden und verletzen vielleicht sogar. Sein Wort ruft heftigen Widerspruch hervor, der für seine menschlichen Botschafter äußerste Lebensgefahr bedeutet. Und immer schon wurden Priester und Propheten als lästige Kritiker umgebracht. Immer wieder ist aus Lateinamerika in den Bürgerkriegen davon zu hören gewesen, dass Nonnen, Priester und Bischöfe (Oskar Romero von El Salvador) getötet wurden, weil ihr Wort und ihre Praxis von der Versöhnung und Liebe die Mächtigen verunsicherte und entlarvte.

Christen sind immer auch Menschen, die sich mit den Mächtigen ihrer Zeit anlegen und dabei ihr eigenes Leben gefährden. Jesus Christus war den religiösen Führern, die gleichzeitig auch politische Führer ihrer Zeit waren, ein Dorn im Auge. Sie fürchteten um ihre Macht. Sie scheuen sich auch heute nicht, den macht- und wehrlosen zu erniedrigen und grausam zu ermorden.

Einhalt kann allein Gott gebieten. Als sie meinten, den unbequemen Gottesmann und Mahner endgültig los zu sein, weckte ihn Gott von den Toten auf und begründete mit dem Auferstandenen seine Kirche in der Welt. Auch sie hat sehr schnell Anteil an der Macht der Mächtigen bekommen, braucht einzelne und Gruppen, die als Botschafter Gottes das scharfe Schwert und den spitzen Pfeil des Wortes Gottes handhaben, damit sie als Kirche bei den Schwachen und Ausgebeuteten, bei den Verletzten und Geschundenen, bei den Armen und Sterbenden wieder ihren Platz einnimmt.

Gott bezieht immerwieder Menschen für das Licht und Heil der Welt ein, wie den Menschen in unserem Predigttext. Er vertritt nicht Gottes Sache in der Welt, weil Gott zu feige oder zu schwach wäre, sondern weil Gott uns in unserem Menschsein und als seine Geschöpfe ernst nimmt. Kein Hokuspokus, geheimnisvolle Außerirdische, Spinner, Halsabschneider, Lügner und Betrüger beruft Gott. Er beruft Menschen in seinen Dienst, deren Herz voll Liebe und Vertrauen zu Gott und den Menschen ist. Er macht ihren Mund zu einem scharfen Schwert und spitzen Pfeil zu der Zeit, die er dafür bestimmt.

Wie oft haben wir das Gefühl, dass das Schwert stumpf geworden ist. Es hat seine Schärfe verloren. Der Pfeil ist platt und gar nicht spitz. Er kommt zwar an, aber bleibt nicht stecken. Unser große Einsatz bewirkt so wenig oder gar nichts. Enttäuscht und mutlos ziehen wir uns zurück, weil es ja doch nichts bringt.

Gott bedeckt uns mit dem Schatten seiner Hand. Er beschützt uns. Gott gibt uns nicht auf. Er gibt keinen Menschen auf. Weil er nicht aufgibt und für uns eine Zukunft hat, die wir uns nicht selbst nehmen und geben können, bleiben wir an seiner Sache dran. Um der Menschen willen, die er liebt und für die er sich nicht zu schade ist, selbst mit Jesus Christus Mensch zu werden, zu leiden und zu sterben, bleiben wir an seiner Sache dran. Sein Heil soll bis an die Enden der Erde gelangen. Alle Menschen und Völker sollen gerettet werden. Das ist ein wirklich großer Auftrag. Er droht in den vielen kleinen Schritten, dem Widerstand gegen die Mächtigen, die Gewalttätigen, die Uneinsichtigen, Friedlosen, Kriegstreibern und Hassenden verloren zu gehen.

Auch wenn es Israelis und Palästinenser aus welchen Gründen auch immer nicht gelingt, jetzt Frieden miteinander zu schließen, so bleibt der Frieden dennoch das unaufgebbare Ziel. Damit er gelingen kann, brauchen die Verantwortlichen in aller Welt unser Gebet, unsere Zustimmung und auch unseren Widerspruch und Widerstand. Solange Gott Israel und die Palästinenser, unser Kind oder Ehepartner, unseren Lehrer oder Arbeitgeber nicht aufgegeben hat, besteht für uns kein Anlass, uns aus seiner Berufung zu verabschieden.

Gott gibt niemand auf. Auch mich nicht. Also bleibe ich als Christin und Christ, als Kirche und Gemeinde berufen, zu lieben, zu versöhnen, zu verzeihen, scharfes Schwert und spitzer Pfeil, Mitschwester und Mitbruder zu sein. Er aber, unser Gott, wird kommen und uns aus der Finsternis ins Licht des Lebens führen. Das tut er schon heute und einmal für immer und ewig.

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