Schaffe, schaffe, Häusle baue

Liebe Gemeinde,

es gehört wohl besonders hier in diese Gegend oder zumindest in unsere schwäbische Umgebung zu sagen: ‚schaffe, schaffe, Häusle baue‘. Zum Einzug hier in Pforzheim haben uns Freunde ein Buch geschenkt, das von einer rheinischen Familie berichtet, die in die Gegend von Pforzheim zieht. Überall erlebt sie, dass den Menschen kaum etwa so im Kopf herum geht wie der Wunsch nach einem eigenen Haus. Ein Haus zu bauen ist für sehr viele Menschen ein Traum.

Die ihn wahrgemacht haben oder dabei sind, es zu tun, wissen, was alles dazugehört: die finanzielle Planung und davon abhängig die Größe und Gestalt des Hauses, die Suche nach einem geeigneten und schönen Grundstück. Das alles muss vor dem ersten Spatenstich geklärt sein. Dann kommt das Ausmessen, der Aushub, die Erstellung des Fundamentes. Die Dauer der Bautätigkeit wird immer wieder begleitet von unerwarteten Dingen. Firmen erscheinen nicht oder zu spät, das Wetter lässt manche Arbeiten nicht zu, Krankheit, Materialprobleme, Preisveränderungen. Und wenn das Haus steht, bleibt vieles zu tun – die Inneneinrichtung und -gestaltung, der Keller, der Garten. Manch einen schreckt diese Fülle der Aufgaben davon ab, ein Haus zu bauen. Aber bei Vielen bleibt die Sehnsucht, sich diesen Traum zu erfüllen. Und wenn sie es geschafft haben, nennt man sie stolze Besitzer eines Eigenheimes.

Möglicherweise steckt hinter dem Traum die Ahnung, dass ein Haus mehr ist als bloß ein Dach über dem Kopf. Denn mit der Bedeutung des Wortes ,Haus‘ sind die Wörter ,bedecken‘, und ,umhüllen‘ verwandt. Eine Decke, eine Hülle zu haben, gibt Wärme und Schutz, bietet Sicherheit und Geborgenheit, schenkt Heimat. ,Hausen‘ hieß ursprünglich ,beherbergen, auch ,wohnen‘ und ,sich aufhalten‘, auch ,wirtschaften‘. Ein ganzes menschliches Leben taucht hier also auf; ein Haus ist deutlich mehr als vier Wände und ein Dach. Da braucht es uns es nicht zu wundern, dass der Apostel Paulus das Haus als ein Bild für die christliche Gemeinde benutzt. Dabei stehen wir nicht als ein staunender Betrachter vor dem Bild, sondern ,,… ein jeder sehe zu, wie er darauf baut". Jeder, also auch du und ich. Ob wir davon träumen, oder nicht. Allerdings: schrecken muss uns nicht, wie mancher dadurch vom Bauen abgehalten wird. Die finanzielle Frage ist nicht unsere, es ist ,,… Gottes Bau". Er zahlt den Preis. Und nicht nur das. Das Grundstück ist gewählt, es ist diese Welt, die dem Herrn gehört, auf der seine Menschen wohnen, auf der seine Gemeinde lebt. Die Größe des Baus ist ebenfalls festgelegt, weil das Fundament bereits erstellt ist. ,,Einen andern Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus‘. Darauf entsteht der Bau, auf Jesus Christus. Seine Botschaft, die froh ist und Evangelium heißt, bestimmt über das Wesen und den Charakter dieses Baus. Worte und Taten Jesu werden verkündigt; weil er es gesagt hat, darum wird in seinem Namen getauft, das Abendmahl wird gefeiert, die Sünden werden vergeben. Mit diesen Geschenken von Jesus Christus wird an dem Bau gearbeitet. So hat Paulus gearbeitet in Korinth und anderswo; und so entstanden Gemeinden. Menschen haben sich um das Evangelium versammelt, gebetet und ihm Lieder gesungen. Paulus, der so gearbeitet hat, nennt sich und all die anderen Verkündiger des Evangeliums ‚Mitarbeiter‘, weil sie das Evangelium, das schon längst da ist, verkündigen.

Gott benutzt Menschen dafür, seine Liebe in dieser Welt weiterzugeben. An Menschen soll diese Liebe in Worten, also in Erzählungen, Berichten, Zeugnissen, Bekenntnissen ausgeteilt werden. So wird gebaut. Alle, die das tun, sind also Mitarbeiter an diesem Bau. Das Wort ist sehr missverständlich geworden, weil es falsch gebraucht wurde. Wer ganz bewusst ,Gemeindeaufbau‘ betreiben wollte, brauchte zuerst Mitarbeiter. Die bekamen dann ein besonderes Ansehen, ja, geradezu einen Weihestatus. Es sind die engagierten, aktiven, bekehrten, gläubigen Christen, die von den passiven, distanzierten Kirchgängern abgehoben werden. Auf diese Weise entstehen die Zustände, die Paulus in Korinth bekämpft hat: es gibt einige bessere, stärkere, vorzüglichere Christen in der Gemeinde und viele normale, schwache, weniger angesehene. Die Gemeinde spaltet sich – und zwar wird die Spaltung ganz sichtbar gemacht am Tun der Gemeindeglieder, der Maßstab sind die sichtbaren Handlungen – was einer zahlt, wie er sich an den Aktivitäten der Gemeinde beteiligt. Dabei redet Paulus, wenn er die Gemeinde mit einem Haus vergleicht, nicht von Wertungen und Spaltungen, sondern nur von Einheit und Zusammengehörigkeit. Wo aber die Spaltungen auftauchen, steht die Einheit der Gemeinde auf dem Spiel. Spaltung durch unterschiedlich sichtbare Aktivität, durch Sympathie zu diesem oder jenem Prediger; durch unterschiedliche Gewichtung von theologischen Lehrsätzen. Das begleitet die Kirche auf Erden seit ihren Anfängen. "… ein jeder sehe zu, wie er darauf baut".

Darauf, auf das Fundament Jesus Christus. Ich kann es dann deutlicher sagen: der Glaube an Jesus Christus, wie die Bibel ihn bezeugt, lässt Gemeinde entstehen und zusammenhalten. Luther sagt es klar in seiner Erklärung zum 2.Glaubensartikel. ,Ich glaube, dass Jesus Christus wirklich Gottes Sohn und darum selbst Gott ist; ich glaube, dass er an Weihnachten von Maria als Mensch zur Welt gebracht wurde und dass er Herr meines Lebens ist. Er hat mich vom Fluch des ewigen Todes befreit, in dem er sich hat ans Kreuz und ins Grab bringen lassen. Er schenkt mir das Erbe des ewigen Lebens, weil er selbst nicht im Tod geblieben ist. Er lebt und er begleitet mein Leben, ich gehöre ihm. Ich vertraue ihm hier auf dieser Erde, ich bete zu ihm – er schenkt mir seine Liebe. Das erkenne ich im Evangelium, an meiner Taufe, in der Beichte, im Abendmahl. Er wird noch einmal zurückkommen auf diese Erde und er wird alle, die ihm vertrauen, mit sich in das Leben bei Gott nehmen, das nie mehr endet.‘ Dieser Glaube, diese Aussicht ist es, was Gemeinde verbindet. Ich gehöre zur Gemeinde, weil das mein Bekenntnis ist. Das verbindet mich bei allen menschlichen Differenzen mit allen, die sich hier versammeln. Wir bekennen uns gemeinsam zu diesem Fundament. Darauf lässt es sich leben, hoffen und bauen. Das lässt ganz viel Raum zur Bewegung, sich persönlich einzubringen. Es ist dann auch nicht mehr wichtig, ob das von anderen gesehen und wahrgenommen wird; es ist nicht wichtig, ob mir das Zustimmung und Applaus einbringt. Es ist nur wichtig, ob es auf dem Fundament Jesus Christus steht und dem Bau der Gemeinde dient. Eltern, Paten und Großeltern erzählen den Kindern von Christus, erzählen von der Taufe und der Liebe Gottes; sie beten mit den Kindern und für die Kinder. Manche tun das gleiche auch für Kinder der Gemeinde. Nicht, um etwas für sich selbst zu tun, sondern weil es für die Kinder wichtig ist, in den Glauben und das Vertrauen hineinzuwachsen. Musikalische Menschen spielen Instrumente oder singen und machen den Gottesdienst zu einem Fest. Die Musik ist für das Evangelium das beste Transportmittel und man hat mit seiner Gabe auch eine Verantwortung für seine Gemeinde. Das hilft dann auch, Durststrecken zu überwinden, Zeiten, in denen es wenig oder keinen Spaß macht.

Es gibt in der Gemeinde solche, die mit einem bestimmten Auftrag als Vorsteher oder Lektor oder Küster oder Blumenmädle Dienst tun und solche, die Besuche machen und Fürbitte tun und niemand bekommt es mit. "Ein jeder sehe zu, wie er darauf baut".

Ihr seid alle hierher gekommen, habt euch von Jesus Christus einladen zu lassen; es ist euch wichtig, zu ihm zugehören und am Bau teil zu haben. Ihr seid ein lebendiges Beispiel dafür, wie alle eingeladen sind und dazu gehören und mitwirken. Jeder nach seinen Gaben und nach eigener Verantwortung. Die Aufgaben sind vielfältig, wie der Hausbau sehr verschiedene Arbeitsbereiche bietet. Grobe Arbeiten draußen am Haus oder im Garten, feinere Arbeiten drinnen; solche, die Geschmack und Geschick erfordern; Arbeiten in den verschiedensten Räumen.

So auch in der Gemeinde. sie ist ein Schutzraum, der Nähe und Geborgenheit bietet, in der man willkommen ist und aufgenommen wird, in der man zuhause sein darf und in der man wirtschaften, haushalten muss. Farbig und abwechslungsreich geht es zu, weil unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Gaben mitbauen, aber alle auf dem gleichen Fundament. Am Ende erst wird sich herausstellen, was es für den Bau ausgetragen hat; ob es im Dienst des Evangeliums war ob es Menschen im Glauben gestärkt hat – womöglich war es anders, hat es Barrieren aufgebaut, standen Menschen anderen im Wege, gab es Missverständnisse und Verletzungen, gab es persönliche Interessen und Rechthabereien, Eifersüchteleien und Neid. Im Licht der Offenbarung, der Aufdeckung wird es dann erkannt; und wir werden wohl im guten wie im schlechten Sinn überrascht sein, was unser Reden und Handeln für das Gottesreich ausgemacht haben.

Wir werden aber nicht in die Schranken verwiesen, damit wir aus Angst, etwas falsch zu machen, lieber gar nichts tun. Dass wir gerettet werden, entscheidet sich nicht an unserem Tun, an unserem Mitwirken beim Bau Gottes. Das hängt allein an Jesus Christus und seinem Sterben und Auferstehen für uns. Das zeigt uns einerseits den Blickwinkel, in dem wir uns in die Gemeinde einbringen; es entlastet uns auf der anderen Seite von der Sorge, nur entsprechendes Engagement eröffne uns den Zugang zum Leben. Wie das Fundament, so liegt auch unsere Zukunft allein in Jesus Christus. Das entlastet und macht frei zum Mitbauen, denn durch das Evangelium seid ihr alle Gottes Mitarbeiter.

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