Schätze im Himmel

Liebe Gemeinde!

Wenn man, wie wir heute, am Erntedankfest diesen Predigttext hört, dann könnte man denken: „So ein Spielverderber! Wir sind doch heute gerade hier, weil wir uns freuen, dass es auch in diesem Jahr wieder eine Ernte gab, dass wir, ganz irdisch, irdische Güter geschenkt bekommen haben, dass wir zu Essen und zu Trinken haben, dass wir uns kleiden können, dass wir für uns und unsere Kinder haben, was wir zum Leben brauchen. Und wir sind hier, – und das ist bei vielen gar nicht mehr selbstverständlich, – weil wir dafür danke sagen wollen! Warum soll das nun schon wieder nicht richtig sein?“

Doch, es ist richtig! Es ist sehr richtig! Und wichtig ist es, nicht nur ab und zu zu sagen: „Eigentlich geht es uns ja richtig gut!“, – sondern auch Danke dafür zu sagen. Danke, denn es könnte ja auch anders sein. Es könnte auch bei uns Hunger und Not und Ungerechtigkeit herrschen. Gerade in diesen Tagen, in denen in vielen Menschen die Angst vor einem neuen Krieg wuchs, ist ja deutlich geworden, wie zerbrechlich und wie wenig selbstverständlich unsere Sicherheit, unser Wohlstand und unser Gemeinwesen sind. Ja, Danke wollen wir Gott sagen, dafür dass wir leben dürfen wie wir leben, dafür dass wir bei uns seit 56 Jahren Frieden haben durften.

Und doch hat auch unser Predigttext sein Recht. Als am 11. September die Türme des World Trade Centers und all die Menschen darin Opfer des Terrors wurden, da wurde es auf einmal still an den Börsen. Geld und Handel und Aktienkurse, all das war auf einmal nicht mehr so wichtig. Stattdessen erhob sich eine Welle von Solidarität, von Mitgefühl, von Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Die Schätze hier auf Erden, die von Motten zerfressen werden – früher oder später – die traten in den Hintergrund. In den Vordergrund trat, was im Leben wirklich wichtig ist: Mitmenschlichkeit und Gott als Schöpfer und Erhalter unseres Lebens. Zu Gott wurde auf einmal an allen Orten der Erde – und auch hier in Warfleth – um Frieden gebetet. Er wurde zum Adressaten für so viele aufgewühlte Emotionen, für Entsetzen und Trauer. Nie habe ich in Zeitungen so oft das Wort „beten“ gelesen, nie habe ich im Fernsehen so viele Menschen von Gott sprechen und öffentlich zu ihm beten gesehen. Tief in unsren Herzen wissen wir wohl, wem wir alles Gute verdanken – und wir wissen wohl auch, an wen wir uns wenden dürfen, wenn die Erde für uns zu wanken beginnt.

Schätze im Himmel, die nicht rosten und die nicht von Motten zerfressen werden, Schätze im Himmel, die in keinem Feuer verbrennen und von keinem Terroranschlag vernichtet werden können, das sind diese beiden: Der feste Halt in Gott, in guten wie in bösen Zeiten – und das Mitgefühl für unsere Mitmenschen. So sagt es auch das Doppelgebot der Liebe: „Du sollst Gott, den Herrn, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Doch, liebe Gemeinde, dabei wollen wir nicht stehen bleiben. Es ist gut für die Schätze hier auf Erden dankbar zu sein. Die Schätze im Himmel aber sind keine starren Dinge. Die Schätze im Himmel wollen tagtäglich auch gelebt werden.

Wenn es wirklich stimmt, dass für Gott jeder einzelne Mensch wertvoll ist, dann kann es nicht angehen, dass wir uns nur die Bilder aus Amerika nahe gehen lassen, dass wir nur mit den Angehörigen der über 6000 Terroropfern trauern. Wenn es wirklich stimmt, dass Gott jeden einzelnen Menschen geschaffen hat, wenn jeder ihm gleich wertvoll ist und er jedem sein eigenes ganz persönliches Lebensrecht geschenkt hat, dann müssen wir uns auch anrühren lassen von der Not und dem Elend des afghanischen Volkes, dann muss es uns auch etwas angehen, dass weltweit jeden Tag 35000 Kinder verhungern, dass Menschen tausendfach umkommen durch Dürre oder Überschwemmungskatastrophen, von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Es gibt unendlich viel Elend durch Bürgerkriege, Armut und Krankheit – und es sind Menschen betroffen, Menschen wie du und ich, Menschen, die eine Sehnsucht und ein Recht auf Leben haben. Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben und auf Würde, auch wenn er nicht auf der Nordhalbkugel unseres Planeten lebt.

Wenn wir in den reichen Ländern nicht von uns aus für mehr Gerechtigkeit sorgen, für eine gerechtere Verteilung der Güter, wenn unsere Weltwirtschaftsordnung weiterhin nur für die Interessen der sowieso schon reichen Länder sorgt, dann wird es immer wieder Terror und Krieg geben. Gerechtigkeit und Frieden gehören zusammen und ohne Gerechtigkeit wird es nie Frieden geben können.

In den Gaben, für die wir heute am Erntedanktag danken, liegt auch eine Aufgabe. Es ist die Aufgabe, für die zu sorgen, die nicht haben, was sie zum Leben brauchen. Es nützt nichts, sich Schätze zu sammeln, die dann doch nur verrosten oder von Motten zerfressen werden. Besser ist es, zu teilen und herzugeben und damit Leben möglich zu machen. Die Politik unserer Tage wird in vielen Dingen umdenken müssen; vieles wird nun, nach diesem Schock von Amerika, in andere Bahnen gelenkt werden müssen. Was uns als Privatleuten bleibt ist die Frage, ob wir selbst nicht noch viel mehr als bisher Wohlfahrtsorganisationen wie UNICEF oder „Brot für die Welt“ unterstützen können, ob wir nicht ein Patenkind in einem armen Land fördern können, oder ob wir nicht durch unser Kaufverhalten den fairen Handel mit den Erzeugern in der so genannten „Dritten Welt“ stärken können.

Wenn wir beginnen mit den Ärmsten zu teilen, sie zu achten und als Menschen wertzuschätzen, dann wird unsere Welt auch für unsere Kinder noch ein lebenswerter Ort sein, – für Kinder wie die kleine Anna, die wir heute taufen und die heute Gottes ganze Liebe zugesagt bekommt, – und für Kinder in der „Dritten Welt“, denen auch Gottes ganze Liebe gehört.

Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, sammelt euch aber Schätze im Himmel! Gott sollt ihr lieben und euren Nächsten wie euch selbst.

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