‚Saure Trauben – stumpfe Zähne‘ – zur Antisemitismusdebatte

Liebe Gemeinde!

Unsere Vergangenheit holt uns wieder ein und vielleicht ist es so: eine so schlimme Vergangenheit kann nun mal nicht ruhen. Die Antisemitismusdebatte der vergangenen Tage, immer noch schwelend weil in keinster Weise beigelegt – Schlimmes aus Jahrzehnten davor gewinnt schreckliche Aktualität. Da ist in den vergangen Jahren und Jahrzehnten mühsam viel an guten Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen aufgebaut worden, vieles an neuen Gesprächsmöglichkeiten zwischen Juden und Christen entstanden, und nun kommen ein paar daher und zetteln einen Streit vom Zaun, der alte Ungeister wieder an die Oberfläche zu treiben droht. Kann das Vergangene denn gar nicht ruhen?

Die Israeliten im babylonischen Exil haben sich das auch gefragt – vor allem die Generation danach, die bereits in Babylon Geborenen: wieso müssen wir für das büßen, was unsere Väter getan haben? Und da gab es ein Sprichwort: ?Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden³. So haben die das erlebt. Und vielleicht erleben wir heute manches auch so.

Und dann stand ein Prophet auf – es war Hesekiel – und der sagte: Nein – so nicht! Die Schuld der Väter gibt es zwar, aber die ist nicht das, was euch leiden lässt. ?So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.³ Nämlich das mit den sauren Trauben, welche die Väter gegessen haben und den Kindern sind erst die Zähne davon stumpf geworden. Die sind für ihre Taten verantwortlich – und ihr für eure. Und ich frage mich, ob das nicht für uns bei all den Debatten der letzten Tage was ganz aktuelles sein kann. Schiebt nicht die Schuld auf das, was war – schaut euch selber an!

Jeder Mensch ist für das verantwortlich, was er getan hat. Wie mag das damals gesessen haben – und bei unseren gegenwärtigen, unglückseligen Debatten, der Antisemitismusdebatte – wo auch Vergangenes hochzukommen scheint – wie kann das da sitzen?

?Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden³ – das könnte uns vielleicht so passen. Ihr könnt nicht die Generation vor euch für all das verantwortlich machen, was heute los ist. Und dass die Vergangenheit euch immer wieder einzuholen scheint – kann das nicht daran liegen, dass ihr – ihr, nicht eure Eltern – dass ihr nichts aus dem lernen wollt, was früher war? Wenn heute es Politiker gibt, die offenbar davon ausgehen können, mit Gedankengut, das von früher zu stammen scheint, Zustimmung zu gewinnen, dann ist das allein eure Sache, nicht die von gestern. Wenn sich Hesekiel damals gegen dieses Sprichwort von den sauren Trauben, wovon erst den Kindern die Zähne stumpf geworden sind, wendet, dann möchte er damit etwas erreichen. Er möchte das erreichen, was mit dem traditionellen Wort ?Umkehr³ gemeint ist. Umkehren von dem Weg, auf dem ich gerade gehe. Die Richtung wechseln. Es ist viel einfacher, die Generation der Eltern für all das verantwortlich zu machen, was heute offenbar noch nicht gründlich genug verarbeitet ist. Wie wir heute damit umgehen, wie ich als einer, der nach dem Krieg geboren worden ist, damit umgeht, das ist unsere Sache. Und da gibt es bestimmt noch viel zu tun. Und es geschieht viel, zum Glück. Es ist auffallend, etwa wie viel Filme in den letzten Wochen zum Thema dieser Vergangenheit in die Kinos kamen, und das nicht erst jetzt. Etwa der Film ?Leo und Claire³, der in bedrückender Weise zeigt, wie Kleinkariertheit und Faschismus so wunderbar ineinander spielten und damit immer noch ineinander spielen können – und letzteres ist dann wirklich unsere Sache. Und solche Filme finden Beachtung, werden gesehen, die jüngere Generation hat offenbar großes Interesse daran. Und das darf nicht kaputt gemacht werden. Die Bereitschaft bei vielen, aus der Geschichte zu lernen, darf weder von den unbelehrbar Jungen, die dumpf alte Gespenster wachrütteln, noch von den unbelehrbaren Alten, die von nichts gewusst haben wollen, noch von denen, die in diesen Tagen in Politik und Literatur in unseliger Weise von sich reden machten, geschmälert werden. Und für das, was heute geschieht, sind wir verantwortlich. Nicht die von damals. Was Hesekiel sagte, gilt.

?Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben."

Eine Drohung? Nein, ein Angebot. Und es geht um Tod und Leben. Auf dem verkehrten Weg einfach weiterlaufen – kann tödlich sein. Nicht sehen wollen, wo meine eigenen Anteile an Verantwortung für das sind, was heute abläuft, warum denn heute wieder die unseligen Stimmen von damals salonfähig werden, warum denn wieder Gedankengut aufkeimen kann, das andere Menschen diskriminiert. Nur wenn ich mich dem stelle, kann ich es auch verhindern. Nur wenn ich den schmerzvollen Weg der Selbsterkenntnis gehe, kann ich mich davon befreien. Davon, dass wir vielleicht doch dazu neigen, manches zu verharmlosen, manches einfach nicht wahrhaben wollen. Wir uns auch der Vergangenheit stellen müssen. Sehen, was da abgelaufen ist. Nur dann können wir wieder frei davon aufatmen. Kehrt um, wenn ihr merkt, dass ihr auf dem Weg der Verdrängung seid. Kehrt um, wenn ihr merkt, dass Altes wieder hochkommt; kehrt um, wenn ihr daran seid, mühsam Aufgebautes wieder einzureißen. Dieser Umkehr wohnt ein Versprechen inne, das Versprechen von Leben. Spürt ihr das nicht? Und spürt ihr nicht, wie tödlich für die Beziehungen, das Klima im Land es ist, eingeschlagene Wege einfach weiterzugehen, uneinsichtig, unbelehrbar?

Ich denke, wir würden alle mehr vom Leben haben, wenn Umkehr etwas wäre, was wir uns zu tun getrauten, wenn Umkehr als Stärke, nicht als Schwäche angesehen werden würde, wenn Umkehr als das gesehen werden würde, was es ist: Ausdruck von Leben.

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