Sammlerglück

Schon wieder dieses pappige Reise-Sandwich! Na ja, immerhin kann man das Wasser noch ganz gut trinken. Die Schläuche sind noch gut gefüllt mit frischem Quellwasser aus dem Brunnen von Elim. Was waren das für erholsame Tage gewesen in dieser schattigen Oase! Aber das war schon wieder einige Zeit her. Jetzt war wieder Wüstenwanderung angesagt. Nichts als diese eintönige Landschaft, kilometerweit nur kahler Fels und mageres Gestrüpp, das legt sich so richtig aufs Gemüt. Noch lässt sich der Hunger mit den mitgenommenen Vorräten stillen, aber die gehen sichtbar zur Neige. Außerdem schmeckt das gepökelte Fleisch mehr nach Salz als nach Rind. Wie das schon riecht! Alt und muffig. Viele aus dem langen Zug murmeln dem Beschwerdeführer beifällig zu. Bis wir im Land Kanaan ankommen, kann es noch lange dauern. Da könnt ihr noch viele Nächte träumen von den dampfenden Schüsseln, von den Fleischtöpfen, bis zum Rand gefüllt. Wir hätten uns das Auswandern doch besser überlegen sollen! Sei still, da kommen Mose und Aaron! Die Gespräche verstummen, als Aaron das Wort ergreift: Leute, ich weiß doch auch, wie entsagungsvoll das ist auf unserem Marsch. Aber ihr dürft nicht so murren. Das ist ungerecht und undankbar. Ich sage euch, lasst den Glauben nicht fahren. Gott wird euch geben, was er versprochen habt. Ihr werdet euch noch wundern!

Wie ist das mit uns, liebe Gemeinde? Blicken wir hoffnungsvoll in die Zukunft, rechnen wir mit Gottes Wundern? Oder hadern wir und gucken sehnsüchtig auf das, was andere haben, was früher mal war?

Es ist bemerkenswert, wie Mose den Protest des Volkes nicht gleich zurück weist. Schließlich kann er sich erinnern an eine Zeit, wo er selber auch protestiert hat. Ein Mensch, der nicht gelernt hat, auf Gott zu vertrauen, von ihm Gutes zu erwarten, Entbehrungen zunächst mal zu akzeptieren und auch wo er ihnen entgegentritt, das erst ins Gebet zu nehmen, ein solcher Mensch wird immer protestieren. Wird einfach seinen negativen Gefühlen Luft machen. So wie hier die murrende Menge. Aber Mose hat gelernt, wie ein solcher Weg ins Abseits führt. Damals hatte er einen Ägypter erschlagen nach einer Aufwallung gerechten Zorns. Er hatte sich im Recht gefühlt. Diese gefühllosen Aufseher, die meinten, sich alles erlauben zu können, uns täglich demütigen zu können. Nein, Mose war sogar stolz gewesen auf seine Tat damals. Selbst die Gewalt schien ihm damals das kleinere Übel zu sein. Erst mit der Zeit hat er gelernt, nach Gottes Weg zu fragen, ihm zu vertrauen und nicht den eigenen Gefühlen. Denn unser Gefühl ist kein guter Ratgeber. Es kann einem wohl im Augenblick Entlastung verschaffen, den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Aber oft wirkt es sich langfristig nachteilig aus für uns selbst und für andere, wenn wir den Gefühlen folgen. Merken wir, wie hochaktuell die Bibel ist? Das ist gerade gegenwärtig der weithin akzeptierte Trend. Kaum einer will sich noch an althergebrachten Leitlinien orientieren. Man folgt lieber spontan dem Gefühl. Wenn du dich bei etwas wohl fühlst, wenn du Spaß dabei hast, das ist richtig. Die gestrige Love Parade in Berlin huldigte nur dieser Leitlinie. Offiziell ist da zwar jedes Jahr ein anderes Motto, aber das nimmt niemand so richtig ernst. Seinen Gefühlen freien Lauf lassen, wozu man Lust hat, das ist der Trend. Und wer da mit gewavt ist unter den Hunderttausenden, musste noch nicht mal Eintritt zahlen oder den eigenen Müll weg räumen. Unsere Gesellschaft sponsert und hofiert diesen Trend, deine Gefühle sind gut, lebe sie aus! Nur wer weiter denkt, dem dämmert langsam, dieser Trend ist verantwortungslos, er führt in keine Zukunft, weil er nur das augenblickliche Wohlbefinden des Einzelnen fördert. Und Politiker, die da mitschunkeln, beweisen nur, dass sie sich verloren oder verkauft haben an dieses aussichtslose Lebenskonzept. Vielleicht ist ihnen auch das egal, Hauptsache sie werden wahrgenommen und kommen in die Medien.

Diese Einstellung, die Lebensweise, ich folge dem Gefühl, führt in den Abgrund. Wir erleben es, wie etwa im Blick auf Beziehungen zwischen Mann und Frau die Beliebigkeit propagiert wird. Wie in immer neuen Variationen die Botschaft wiederholt: Folge deinem Gefühl, nur die Liebe, die spontan ist, wo man hin und weg ist, das ist die wahre Liebe, diesem Gefühl musst du folgen. Und dann wundert man sich, wenn die Ehen nicht halten, wenn Familien auseinander brechen.

Wir müssen lernen, unseren Gefühlen zu misstrauen. Das bedeutet keineswegs, Christsein sei eine freudlose Angelegenheit, mit zusammengebissenen Zählen müssen wir Rituale absolvieren, mühsam anstrengende Gebote erfüllen. Es geht einfach darum, dass wir nicht zuerst auf uns schauen und unsere Befindlichkeit. Sondern zuerst auf Gott und seine Verheißungen. Die Gefühle als solche sind sicher verständlich. Es ist klar, wenn wir Mangel erleben, kriegen wir Angst, melden sich Zweifel. Aber wenn wir dann aus dieser negativen Gefühlslage nicht heraus kommen, einander noch bestätigen darin, verfehlen wir unser Leben. Dann kommen wir von der Bahn ab, die zum Ziel führt. In dieser Gefahr ist die Menschheit andauernd, und die christliche Gemeinde sollte ihr da heraus helfen. Aber wie wir hier sehen, ist sie selber tief verwurzelt in dieser Lebenshaltung des Unglaubens, der nur auf gesicherte Fakten baut und nicht auf Gottes Möglichkeiten.

Typisch für die Lebenseinstellung des Unglaubens ist der Hang zu Bequemlichkeit und zu einem gewissen Luxus. Die Leute sagen keineswegs: In Ägypten hatten wir das Nötigste. Sie schwärmen von den Fleischtöpfen. Das mag Übertreibung sein, wahrscheinlich ist es Ausdruck ihrer Sehnsüchte. Es muss vom Feinsten und Besten sein, und was sie so vermissen, ist das gemütliche Sitzen an der ägyptischen Speisetafel. Wer solche Ideale hat, soll es besser lassen mit dem Glauben, der soll es besser lassen mit dem Christsein. Wer von einer Zukunft träumt, in der er nie mehr arbeiten muss, eine dicke Rente kassiert und von allen Seiten bedient wird, der soll es besser lassen mit dem Christsein. Denn der Glaubensweg ist immer unbequem. Er ist immer ein Wagnis, eine Herausforderung. Da ist man unterwegs, da hat man Mühe, da gibt es Anfechtungen.

Erstaunlich ist bei alledem, wie sehr sich Gott doch einlässt auf das Genöle und auf die Unzufriedenheit. Er könnte ja sagen: Für diese Beschwerden bin ich taub. Aber auf die Gebete von Mose und Aaron hab ich ein Ohr. Nein, Gott sagt ausdrücklich: "Ich habe das Murren der Israeliten gehört." Das heißt für dich: Wenn du nicht mehr weiter kannst, wenn diese negativen Gefühle, die sich ja doch von Fall zu Fall einstellen, überhand nehmen. Wenn alles schief geht. wenn die Menschen, von denen du am ehesten Beistand erwarten könntest, dich enttäuschen, gar im Stich lassen. Wenn deine Pläne nicht gelingen, sondern geradezu das Gegenteil tritt ein. Wenn dann auch du, wohl wissend, ich sollte es eigentlich nicht, wenn dann auch du jammerst und verzagst und haderst mit Gott. Er hört dich und er reagiert. So gut ist er. Gott geht ein auf die Klagen und Wünsche all dieser Unzufriedenen hier. Aber sie müssen auch tätig werden: Siehe, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen und das Volk soll hinausgehen und täglich sammeln. Ohne das geht es nicht. Wer sitzen bleibt auf dem Sofa und bedient werden will, wird nichts bekommen. Der Glaubensweg kostet Mühe. Du musst dich auf machen. Du musst dich auf ein Wagnis einlassen. Aber dann findest du auch. Und es ist reichlich: Der Herr wird euch am Abend Fleisch zu essen geben und am Morgen Brot die Fülle. In der Welt gibt es auch Fülle, einen Überfluss, der langweilt, einen Überfluss, der einem den Blick trübt für das was wichtig und nötig ist, ein Überangebot, das man verunsichert ist und gar nicht weiß, was man nehmen soll. Jeder dem ein Haushaltsgerät kaputt geht und es muss schnell Ersatz her und man will eigentlich nur die eine nötige Funktion, die nicht mehr funktioniert. Der Toaster soll toasten, die Kaffeemaschine heißen Kaffee liefern, das Fax faxen, das Telefon telefonieren. Und man ist erschlagen vom Angebot. Die Konzentration auf das Wichtige, auf das Nötige ist völlig abhanden gekommen.

Bei der Fülle, die Gott gibt, ist es anders. Da weist alles hin auf das wichtigste, den Geber selbst, der dich versorgt, dem du dein Leben verdankst. Der dich durchtragen wird durch die Schwierigkeiten und Nöte, wo du im Augenblick nicht weißt, wie du durchkommen sollst. Gott gibt die Fülle und sorgt doch dafür, dass du den Überblick behältst. Deshalb gibt er hier nur für einen Tag: Das ist´s aber, was der Herr geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelt.

Die Leute gehen hinaus, sie sehen, es ist genug da. Es reicht für alle. Aber Mose kennt seine Pappenheimer. Er weist sie an: Niemand lasse übrig bis zum nächsten Tag. Der Grund ist klar: Morgen wird wieder etwas da sein. Wird genug da sein. Aber eine ganze Reihe Leute hält sich nicht daran. Sie holen mehr als sie brauchen, mehr als sie verzehren können. Sieht es in unseren Häusern nicht genau so aus? Da sind mehr Zimmer als wir bewohnen können, da stehen mehr Bücher als wir lesen können, mehr CDs als wir hören können, im Fernsehen mehr Kanäle als man verfolgen kann, ohne den Faden zu verlieren. Im Schrank mehr Geschirr als wir schmutzig machen können, selbst wenn jede Woche Besuch kommt. Man weiß ja nie, willst du einwerfen. Es könnte ja die ganze vielköpfige Verwandtschaft unangemeldet vor der Tür stehen. Das lasse ich gern gelten, aber dann muss man auch bereit sein, wenn in der Gemeinde Quartiere gesucht werden für einen Gastchor oder eine Besuchergruppe, sein Haus zu öffnen. Dazu sind immer nur wenige bereit.

Dann fragt man sich: Was ist eigentlich schlechter: Die Zeiten des Mangels, wo wir uns reiben an den Sorgen, wie komme ich bloß halbwegs durch. Oder die Zeiten des Überflusses, wo wir den Blick für das Wesentliche zu verlieren drohen. Im Grunde wechselt das im Leben ab und wir müssen mit beidem fertig werden. Dazu brauchst du Menschen, an denen du dich orientieren kannst. Menschen des Glaubens. Mose und Aaron waren solche Leute. Und Gott, der derselbe geblieben ist bis heute, sorgt in seiner Güte dafür, dass er auch dir solche Leute an die Seite stellt. Jeder von uns kennt bestimmt solche Vorbilder. Ich rede nicht von Heroen aus der christlichen Literatur, aus der Kirchengeschichte, sondern von einfachen Christen, die das schlichte Gottvertrauen vorleben. Oft werden sie ja belächelt, auch in den Gemeinden. Oft wird gesagt, wenn die in der gleichen Situation wären wie wir, die wir uns behaupten müssen in Alltag und Beruf, dann müssten sie auch Kompromisse machen. Sei doch lieber froh, dass es Christenmenschen gibt, die sich orientieren an den Versprechen der Bibel, die dich im Glauben anspornen. Manchmal kann es sein, etwa wenn man weit weg umzieht und sich erst mal gemeindlich orientieren muss, dass solche Menschen auf einmal fehlen. Dann ist es wichtig, dass du nicht locker lässt, dass du Gott bittest, schenke mir den Mann, die Frau, die Familie, wo ich Inspiration bekomme, wo ich Maß nehmen kann. Ich kenne manche, die nach einem Umzug monatelang Gemeinden abklappern und das nicht gleich finden, weil vor Ort wirklich geistliche Wüste ist. Bisher sind aber alle schließlich fündig geworden, wenn auch nicht immer in der bisherigen Konfession, was eigentlich ein Armutszeugnis ist für viele Gemeinden. So hilft uns Gott, dass wir Menschen finden, die uns leiten, ermutigen, zum Glauben inspirieren. Er will aber mehr tun. Er will dich selbst zu einem solchen Menschen machen, einem Menschen, der geistlich auf eigenen Beinen steht, der dem Sorgengeist und den Trägheitsgefälle der Wohlstandsgesellschaft widersteht. Wie kann das geschehen? Die Mahnungen des Mosegesetzes können das nicht bewirken. Immer wieder klagt Mose: Wie lange weigert ihr euch, meine Gebote und Weisungen zu halten? Lag es nur an der Bosheit und Widerspenstigkeit dieser Leute? Nein, es muss mehr geschehen, damit sich unser Wesen ändert, mehr als eine wiederholte Erinnerung an die biblischen Weisungen. Unser Herz muss anders werden, unser verzagtes, kleingläubiges, sich an äußere Sicherheiten festklammerndes Herz. Dieses zu verändern, von Grund auf zu erneuern ist das Werk Jesu. Dazu genügt es freilich nicht, dass wir uns orientieren an Jesus als einem Vorbild. Wir müssen ihm unser ganzes Leben, das ja bedacht ist auf Eigensicherung, bedingungslos anvertrauen, ihm sagen: Herr nimm du und mache neu von Grund auf. Und dann geschieht das, was Luther den fröhlichen Tausch genannt hat: Jesus nimmt unseren Kleinmut, unsere Schuld, unsere Zukunftsangst, alles Verkehrte in unserer Gesinnung auf sich. Er bringt es ans Kreuz, kreuzigt es, tötet es, beseitigt es, begräbt es. Und er schenkt uns einen neuen Geist. Einen Geist, der sich nicht stützt auf das Vorhandene, sondern auf das, was Gott schenkt, immer wieder neu.

Es war viel, was Mose geleistet hat damals, als die Vorräte zur Neige gingen und die Israeliten dachten, sie kämen um in der Wüste. Er hat ihnen wieder Mut gemacht. Er hat ihnen zu der Einstellung geholfen, dass sie alles von Gott erwarten sollen. Und sie wurden satt. Das war sehr viel. Aber was Jesus uns gibt, ist mehr. Er sorgt nicht nur für deinen Leib, er sorgt für deine Seele. Er will dich nicht nur hier zufrieden machen, sondern in Ewigkeit. Und so wie damals das Manna für die hungernden Israeliten zum Brot des Lebens wurde, so ist für uns Jesus selbst das Brot des Lebens. Wenn sie nicht verhungern wollten, mussten die Leute damals früh aufstehen und sich bücken, um das Manna aufzusammeln. Wenn wir nicht verloren gehen wollen, müssen wir uns bücken vor dem Kreuz, wo Jesus bezahlt hat für unsere Schuld, für unser Unvermögen, seine heiligen Gebote zu halten.

Dabei kommt es keineswegs dazu, dass wir gebückt und kleinmütig durchs Leben gehen. Im Gegenteil: Wer sein Herz verwandeln ließ von Jesus, der wird selbstbewusst, weil er sich nicht mehr ängstlich klammern muss an sein bisschen Wohlstand. Der muss keine alten Geschichten mehr aufwärmen von den tollen Zeiten früher, wo alles besser war, weil er im heute steht und aktuell spannende Glaubensabenteuer erlebt. Der muss nicht, was er mit Gott erfahren hat, mühsam konservieren, weil er auf die Zukunft ausgerichtet ist und weiß, es wird noch Größeres kommen.

Ob es unter uns wohl noch Sammler gibt wie früher? Ich habe als Kind Bierdeckel gesammelt, andere finden ihr Sammlerglück bei Briefmarken, Streichholzschachteln, Überraschungseierfiguren, Pokemons, Sportler sammeln Medaillen und Pokale. Wie wäre es, wenn wir alle uns mehr angewöhnen, wieder Manna zu sammeln wie die Leute damals in der Wüste. Im übertragenen Sinn natürlich. Wir wollen damit rechnen, Gott hat etwas vorbereitet nächste Woche. Jeden Tag brauche ich nur hinaus gehen, damit rechnen, er hat etwas gutes vorbereitet, was ich brauche, was ich nötig habe, was mich ausfüllt. Ich will damit rechnen, dass er mir etwas schenkt. Ich will nicht mehr murren, sondern mich freuen auf das, was er mich finden lässt. Und da werden wir mit Sicherheit spannende Erfahrungen machen.

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